Hoffenheim

Beten für Boris

Sorge um Kollege Vukcevic lähmt Hoffenheim, Spieler erhalten zwei Tage frei zur mentalen Bewältigung. Ärzte befürchten bleibende Schäden

Nur Ahnungslose geben sich noch dem Irrtum hin, dass ein Fußballspiel mit dem Fuß entschieden wird. Die Wahrheit ist wesentlich komplizierter - ein kluger Witzbold hat einmal gesagt: Neunzig Prozent eines Spiels spielen sich zur Hälfte im Kopf ab.

Aber nur bei normalen Spielen.

Darüber hinaus gibt es manchmal noch die abnormalen, wie am Sonnabend das zwischen Hoffenheim und Augsburg, und da wird dann alles noch wesentlich komplizierter - um Hand und Fuß ist es da gar nicht mehr gegangen, sondern nur noch um den Kopf. Normalerweise hält bei den Hoffenheimern die entscheidende Ansprache vor dem Spiel der Trainer.

Diesmal sprach Jan Mayer. Das ist der Psychologe. Am Freitagabend hat er versucht, die Unordnung in den Köpfen der Mannschaft und deren Gefühlschaos halbwegs erträglich zu reden. Die Spieler hatten die furchtbaren TV-Bilder vor Augen. Diesen Klumpen Blech auf der Straße. Die Rettungssanitäter, die einen aus dem Autowrack geschnittenen Regungslosen zum Hubschrauber tragen. Dessen Abflug in die Uniklinik Heidelberg. Und sie hatten die Wortfetzen des Reporters im Ohr: Not-OP. Koma. Lebensgefahr.

Jan Mayer also. Nicht Markus Babbel. Der hat als Trainer bei der Ausbildung an der Sporthochschule Köln zwar am Rande auch einen Crashtest in Küchenpsychologie bestanden, aber der taugt nur für den Hausgebrauch, er kann damit höchstens einen Torjäger auf die Schnelle stark babbeln ("Das ist dein Tag heute!") oder die Truppe gelegentlich flammend heiß reden - am Sonnabend hat das freilich alles nicht mehr gereicht, und deshalb fasste der Trainer vor dem Spiel nur den vorabendlichen Vortrag des Psychologen noch mal in zwei Worten zusammen: "Für Boris."

Boris Vukcecic. Rückennummer sieben. Letzten Mittwoch, beim 3:0 in Stuttgart, war er noch einer der Glorreichen. Sie haben zusammen grandios aufgespielt und auf der Heimfahrt im Bus Witze gerissen, und tags darauf haben sie beim Training noch mal zusammen gelacht und Spaß gehabt - "und dann das", sagt Kapitän Marvin Compper. Leben oder Tod.

"Nein, es geht im Fußball nicht um Tod oder Leben", hat die Liverpooler Trainerlegende Bill Shankly einst gesagt, "es geht in Wirklichkeit um viel mehr", und jeder kann über diesen Spruch herzhaft lachen - bis die wirkliche Wirklichkeit zuschlägt.

Genesungswünsche aus aller Welt

Im ersten Schock wussten die Hoffenheimer nicht, ob sie spielen sollten. Oder wollten. Oder konnten. Ihr Grat der Gefühle war so schmal wie der ihres Anhangs. "Ich habe mir lang überlegt", hörte man einen Fan vorm Stadion in die Kamera sagen, "ob ich nicht daheim bleibe." Zu viele Gefühle auf einmal, Bestürzung, Hoffnung, Verzweiflung, Zittern - normalerweise treffen sich Fans und Fußballer sonnabends im Stadion, um lustigere Gefühle auszuleben. "Das war", verriet Markus Babbel hinterher, "ein ganz schweres Spiel - bei diesem Ballast, den die Mannschaft mitschleppte."

Kollege Mirko Slomka hat das auch schon einmal zu erklären versucht. Damals, nachdem sich Robert Enke in Hannover vor den Zug warf. Danach wäre Slomkas Mannschaft, die, wie sich später herausstellte, eigentlich das Zeug zur Spitzenmannschaft hatte, fast abgestiegen - sie war wie gelähmt.

Nein, das war kein einfaches Spiel für die Hoffenheimer, dieser Drahtseilakt zwischen dem Bewältigen der Gefühle und dem Zwang des Gewinnenmüssens. Fußballprofis sind auf Sieg getrimmt, der Sieg ist so wichtig für sie wie die Luft zum Atmen, nur für den Sieg stehen sie morgens auf, und der einzige Grund, warum sie aufs Feld gehen, sind die drei Punkte. Siegen ist so wichtig, dass sie dafür sogar lügen und betrügen.

Und plötzlich heißt es, Fußball ist nur ein Spiel. Nebensache. Unwichtig. Fußnote. Dabei hat dem Babbel vor einer Woche noch alle Welt mit dem Zaunpfahl gedroht, in Form der Vokabel "Schicksalsspiel". Kurz hat er offenbar wieder daran denken müssen, wegen einer Lappalie ist der Gaul mit ihm durchgegangen, so dass ihn der Schiedsrichter auf die Tribüne verbannte. Und auch Sejad Salihovic hat, beim Kampf um den Stammplatz, mittels eines üblen Tritts gegen einen Augsburger für einen flüchtigen Moment wieder vergessen, dass Fußball doch nur ein Spiel ist.

Mit den Hoffenheimern hätte keiner freiwillig tauschen wollen, nicht einmal ihr eigener Manager. "Keiner von uns", sagt Andreas Müller, "war jemals in dieser Situation." Den Spielern wurde nun zwei Tage frei gegeben, mit der Möglichkeit der psychologischen Betreuung. Nach Informationen der "Bild" werden bleibende Schäden bei Vukcevic befürchtet.

Was da an Kompliziertheiten in einem Kopf vorgeht, ahnen nur die Alleswisser im Internet, die mit gefühlskastrierter Leichtigkeit ("So ist es, wenn ein 22-Jähriger einen dicken Schlitten fährt") einen im Koma Liegenden geschwind zum PS-Rambo stempeln - diese Gefühlskrüppel und armseligen Gaffer, die sich ihr mickriges Leben verschönern mit dem Genießen des Unglücks anderer. Dabei wird inzwischen untersucht, ob die Diabetes-Erkrankung des Spielers die Unfallursache sein könnte. Im Wagen hatte die Polizei dessen Insulin-Messgerät gefunden.

Den 22.000 im Stadion in Sinsheim samt Fußballern, Trainern und Psychologen gebührt umso mehr die Höchstnote in puncto Menschlichkeit, sie haben die Situation gemeinsam perfekt bewältigt - die Augsburger in ihren weißen T-Shirts ("Gute Besserung!"), die Zuschauer mit ihren Transparenten ("Wir denken an Dich, Boris!") und Babbels Hoffenheimer in ihren Vukcevic-Trikots mit der "7".

Am Ende kam sogar noch das angemessene Ergebnis heraus: Nullnull. Denn dass einer beim Torjubel vor Glück Gassi geht, wäre das falsche Gefühl gewesen. So empfinden sicher auch jene aus aller Welt, die Genesungswünsche senden. Wie der Fifa-Chef oder Sami Khedira. "Gott beschütze Boris", übermittelte dieser aus Madrid.