Interview mit Dagur Sigurdsson

"Zu viel Tempo macht mir Angst"

Dagur Sigurdsson, Trainer der Handball-Füchse, über Spritztouren mit dem Motorrad, die rasante Entwicklung seines Vereins und Ziele in Europa

- Heute (16.15 Uhr, Velodrom) startet Handball-Bundesligist Füchse Berlin gegen Dinamo Minsk seinen zweiten Auftritt in der Champions League. Vergangene Saison landeten die Berliner auf Anhieb beim Final Four. Und diesmal? Morgenpost-Redakteur Dietmar Wenck sprach mit Trainer Dagur Sigurdsson (39) über die Ziele für diese Saison, seine besondere Liebe zu Berlin, Motorradausflüge und seine Fußbll spielenden Kinder.

Berliner Morgenpost:

Herr Sigurdsson, Sie haben einen Vertrag bis 2017 bei den Füchsen unterschrieben. Wollen Sie in Berlin alt und grau werden?

Dagur Sigurdsson:

Nein, meine Familie und ich rechnen damit, dass wir irgendwann zurück nach Island gehen. Aber uns gefällt es sehr gut hier, allen Familienmitgliedern. Wir haben drei Kinder, und es ist nicht so leicht, immer von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

Abgesehen davon, dass die Familie zur Ruhe kommt: Was gefällt Ihnen so besonders gut in Berlin?

Es ist einfach eine tolle Stadt. Auch unabhängig von meiner Arbeit. Die Kinder sind glücklich in der Schule, in ihrem Sportverein. Berlin hat alles zu bieten.

Und was gefällt Ihnen am besten an den Füchsen, dass Sie einen so langen Vertrag unterschreiben?

Also zunächst muss man mal sagen: Bis 2017 steht auf dem Papier. Trotzdem bin ich als Trainer abhängig von dem kurzfristigen Erfolg. Wir müssen auf dem richtigen Weg sein, damit ich hier weiterarbeiten kann. Bisher haben wir sehr guten sportlichen Erfolg gehabt, und gleichzeitig haben wir versucht, den Verein weiterzubauen. Wir haben Ziele, haben spannende Zeiten vor uns mit dem Umzug ins Sportforum. Das wird viel Aufwand kosten. Aber langfristig ist es für den Handball in Berlin sehr interessant.

Kurzfristig steht der Champions-League-Auftakt gegen Minsk an. Vergangene Saison war erst im Final Four Endstation. Kommen die Füchse wieder so weit?

Langsam, langsam. Ziel ist es erst mal, die Gruppenphase zu überstehen. Danach, haben wir ja gesehen, ist alles offen. Da ist alles sehr eng. Unser Ziel ist: Wir müssen uns erst mal stabilisieren in Europa - so wie es uns in der Bundesliga gelungen ist.

Als Spieler in Reykjavik und als Trainer in Bregenz/Österreich sind Sie viele Male Meister geworden. Stört es Sie nicht, dass Sie das in Berlin nie erreichen können?

Ich habe gewusst: Wenn ich den Job hier annehme, ist es nicht möglich, in ein paar Jahren Meister zu werden. Aber ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung. Wir sind eine feste Größe in Deutschland, in Europa haben wir uns auch einen Namen gemacht. So etwas ist doch auch ein Traum für einen Trainer, wenn er sieht, dass man etwas bewegt hat.

Ich hatte erwartet, Sie würden sagen: Halt, halt, wer sagt denn so etwas? Vielleicht schaffen wir es doch irgendwann...

Ich glaube schon, dass man mit Berlin einen Titel holen kann. Aber in so naher Zukunft und so, wie der THW Kiel aufgestellt ist, mittlerweile auch Flensburg, Hamburg, Rhein-Neckar Löwen, ist das unrealistisch. Andererseits: So weit weg waren wir auch nicht die letzten beiden Jahre. Fragt sich, haben die etwas unter oder wir etwas über unserem Level gespielt. Ich vermute, die meisten Experten würden das zweite sagen. Man muss die Realitäten sehen.

Was ist für Sie das Schöne am Trainerberuf? Was das Schlechte?

Am meisten Spaß macht mir die Arbeit in der Halle. Egal, ob mit jungen oder sehr erfahrenen Spielern. Es ist schön, den Leuten zu helfen, eine Mannschaft zu formen, sich eine Taktik auszudenken. Ich habe einen sehr guten Trainerstab um mich rum. Wir wachsen zusammen, haben viel dazugelernt in den vergangenen vier Jahren. Mit denen zu arbeiten, macht mir auch viel Spaß. Ideen austauschen, etwas probieren. Es ist viel drumherum um die 60 Minuten Spiel, die am Ende die Leute zu sehen bekommen. Manchmal dauern die Reisen drei Tage, Busfahrten, Warten auf dem Flughafen. Das gefällt mir weniger. Und der ganze Aufbau eines Vereins, das ist für mich auch sehr interessant.

Geben Sie gern Interviews?

Ne! (lacht)

Sie lassen sich das nicht anmerken, Respekt. Was haben Sie in Berlin gelernt?

Ich bin mit unserem Niveau in der Bundesliga, in der Champions League mitgewachsen. Das kommt automatisch. Mit der Erfahrung, sich mit den Besten messen zu müssen. Man sieht, was die machen, lernt, was man dagegen tun kann.

Sie sind mit 39 Jahren ein junger Coach. Gibt es noch diese Situationen, wo Sie am liebsten auf das Spielfeld rennen würden und alles selbst machen?

Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich oft sehr gern noch spielen und nicht trainieren. Wenn die Halle voll ist mit 9000 Leuten und das Spiel losgeht, dann würde ich schon sehr gern auflaufen.

Was macht Dagur Sigurdsson, wenn er mal Zeit hat und draußen schönes Wetter ist? Motorrad fahren?

Ja, manchmal.

Wohin fahren Sie?

Meistens nur in meiner Umgebung in Grunewald, vielleicht nach Potsdam, Wannsee. Auch Charlottenburg.

Fahren Sie gern schnell?

Ne. Sehr langsam. Ich habe Riesenrespekt, fast Angst. Deshalb mache ich nur so Kaffeefahrten, kurze Strecken.

Wenn Sie dann im Cafe sitzen: Werden Sie erkannt?

In Island ja, in Berlin eher selten. Ich werde nicht angesprochen.

Sie haben drei Kinder, zwei spielen Fußball. Haben Sie etwas falsch gemacht?

Ich habe selbst Fußball gespielt, bis ich 17 oder 18 war. Mir ist wurscht, was die spielen. Ich finde gut, wenn man in einer Teamsportart aufwächst. Das haben alle unsere Kinder gemacht und viel dabei gelernt. Ob sie dann Leistungssportler werden, ist mir nicht wichtig.

Schauen Sie da auch mal zu?

Wenn ich frei habe, sicher, dann gehe ich da immer hin.

Sind Sie dann mehr der Vater oder mehr der Trainer?

Nur Vater. Ich misch mich gar nicht ein.

Fällt Ihnen das nicht schwer?

Nein, das fällt mir sehr leicht.