Hertha BSC

Derby war die Wende

Warum die Entwicklung von Aufstiegskandidat Hertha BSC schneller voranschreitet, als Trainer Luhukay erwartet hat

- Jos Luhukay neigt weder zur Überheblichkeit noch zum Größenwahn. Der Trainer von Hertha BSC kennt die Liga genau, in der sich seine Mannschaft bewegt. Überhaupt ist der Niederländer vom Temperament her niemand, der Parolen im Stil des einstigen DFB-Teamchefs Franz Beckenbauer ("wir sind auf Jahre hinaus unschlagbar") von sich geben würde. Doch Luhukay ist selbstbewusst. Er weiß, über welche Qualitäten seine Mannschaft verfügt. Weshalb er zu Saisonbeginn sagte: "Wir werden eine sehr gallige Mannschaft sein, schwer zu spielen. Und ab Oktober werden wir schwer zu bezwingen sein." Da war Luhukay mit Blick auf den holprigen Saison-Start inklusive Pokalpleite bei Viertligist Worms (1:2) noch belächelt worden.

Nach mittlerweile sieben Spieltagen jedoch gilt es festzustellen: Hertha hat Fahrt aufgenommen - und das früher, als vorhergesagt. Die Bilanz seit Ende August heißt: Vier Siege und ein Remis. Dieser Aufschwung hat verschiedene Gründe.

Stichwort Leistungsträger: Torwart Thomas Kraft war in den ersten vier Spielen gesperrt, bei seiner Rückkehr gegen Aalen stand zum ersten Mal die Null bei Hertha (2:0). Manndecker Maik Franz kehrte nach langer Knieverletzung am dritten Spieltag zurück. Peer Kluge, als tragende Säule im Mittelfeld vorgesehen, fiel bereits zweimal verletzt aus, mittlerweile ist er voll einsatzfähig. Außenverteidiger Peter Pekarik wurde am letzten Tag der Transferperiode verpflichtet. Doch nach gerade drei Einsätzen vermittelt der 42malige slowakische Nationalspieler den Eindruck, als sei er schon lange dabei. Stichwort gallig spielen: Aalen trat im Olympiastadion ganz ohne Stürmer an und erspielte sich gegen Hertha keine einzige Torchance, ebenso wie Dynamo Dresden. Hertha ist weit entfernt von der Perfektion, aber die Kompaktheit, mit der die Mannschaft auftritt, beeindruckt die Konkurrenz zunehmend.

Stichwort Selbstbewusstsein: Der Schlüssel zum Selbstverständnis dieses Hertha-Jahrgangs datiert vom 3. September. Im emotionsgeladenen Derby bei Union zeigte die Mannschaft um Kapitän Peter Niemeyer eine beeindruckende Präsenz, die sie mit einem 2:1-Sieg krönte. Seither tritt das Team resolut auf, zuletzt auf dem Betzenberg zu betrachten, wo sich Hertha auch von einem 0:1-Rückstand nicht aus der Bahn werfen ließ (Endstand 1:1).

Stichwort Kaderqualität: Manager Michael Preetz und der Trainer haben ohne großen Transferaufwand den mit Kaiserslautern und 1860 München wohl stärksten Kader der Zweiten Liga zusammengestellt. Luhukay hatte bereits mehr Nagelproben zu bestehen, als ihm lieb sein kann. Zuletzt der mehrmonatige Ausfall von Franz, an den sich die Grippe-Erkrankung von Roman Hubnik anschloss. Das neue Duo im Abwehrzentrum Lustenberger/Bastians hatte noch nie zusammengespielt, bestand die Feuertaufe gegen Dresden aber mit einer fehlerfreien Vorstellung. Auf der linken Verteidiger-Position stabilisiert und entwickelt sich Eigengewächs Fabian Holland (22). Für seine sachliche Vorstellung gegen Dresden wurde Holland erstmals in die "Kicker"-Elf des Tages berufen.

Stichwort Leistungsexplosion: Wohl niemand hätte darauf gewettet, dass nach sieben Spielen ausgerechnet der bisher so wankelmütige Ronny mit vier Toren und zwei Vorlagen der Topscorer im Team und der zweitbeste der Zweiten Liga ist (hinter Marco Stiepermann/Energie Cottbus/7 Punkte). Die Fans dürfen Hoffnung haben, dass es noch besser wird: Spielerisch vermochte Hertha bisher nicht zu überzeugen. Königstransfer Sami Allagui fremdelt noch mit dem neuen System bei Hertha. Der schnelle Ben Sahar, bisher kaum eingesetzt, will sich unbedingt beweisen. Ebenso wie Elias Kachunga. Ganz zu schweigen vom ehrgeizigen Torjäger Pierre-Michel Lasogga, der im neuen Jahr eingreifen wird.

Das größte Problem dürfte Hertha selbst darstellen. Es gilt Übermut und Überheblichkeit zu vermeiden. Insofern ist die vermeintlich einfache Partie am Montag um 20.15 Uhr bei Schlusslicht MSV Duisburg ein echter Charaktertest.