Motorsport

Das Ende keiner Ära

Mercedes und Formel-1-Rekordchampion Schumacher trennen sich nach der Saison

- Als Michael Schumacher am vergangenen Sonntag das Fahrerlager in Singapur verließ, sagte seine Miene alles. Eine Mischung aus Enttäuschung und Wut gefror die Züge des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters, nur die Augen bewegten sich in dieser eisernen Maske hin und her. Der 43-Jährige wird nach seinem ungeschickten Unfall mit dem Toro-Rosso-Piloten Jean-Eric Vergne geahnt haben, dass es nun eng werden könnte für ihn. Vier Tage später hatte er Gewissheit: Bis zum Donnerstagabend nickten die nötigen Gremien bei Mercedes die Verpflichtung von Lewis Hamilton ab. Der Brite, Weltmeister 2008, wird von der kommenden Saison an in dem Cockpit sitzen, das in den vergangenen drei Jahren Michael Schumacher gehörte.

Punkt elf Uhr am Freitagmorgen beendete eine schriftliche Mitteilung aus der Konzernzentrale, was am 23. Dezember 2009 mit großem Brimborium verkündet worden war: die Fusion von Deutschlands erfolgreichstem Rennfahrer mit dem berühmtesten Autobauer der Nation.

Aus der Ehe zwischen Schumacher und Mercedes sollten Titel und Rekorde hervorgehen. "Natürlich wollen wir Weltmeister werden", sagten damals unisono Fahrer, Teamchef und Konzernboss Dieter Zetsche. Seit Mitte der 90er-Jahre hatten die Schwaben diesen Traum gehegt, mit der Übernahme des Brawn-GP-Teams anno 2009 schien er endlich Realität zu werden. Doch was folgte, glich eher einem Albtraum als der herbeigesehnten Ära. In jedem Jahr verlor er das teaminterne Duell mit dem 16 Jahre jüngeren Nico Rosberg, es gab enttäuschende Platzierungen, ungelenke Auftritte wie in Singapur, als er eine offizielle Gedenkminute auf der Toilette verbrachte. Und nicht zuletzt konnte Michael Schumacher sieben von 14 Rennen in diesem Jahr nicht beenden. 1010 Tage nach der triumphalen Pressekonferenz im Mercedes-Museum heißt es in der Mitteilung bloß: "Ich hatte drei schöne Jahre, die leider sportlich nicht so gelaufen sind, wie wir uns das alle gewünscht hatten."

Mit diesen Worten wird Michael Schumacher zitiert, dessen Fürsprecher in den vergangenen Wochen stets weniger geworden waren. Die Krisensitzung, die in dieser Woche in Stuttgart mit den Spitzen von Konzern und Rennstall stattfand, kam zum ungünstigsten Zeitpunkt für ihn. Dort fiel die Entscheidung gegen ihn und für Hamilton, der einen Dreijahresvertrag im Wert von angeblich 75 Millionen Euro erhält. "Mercedes-Benz besitzt einen leidenschaftlichen Siegeswillen, den auch ich teile", sagte der 27-Jährige.

Die großen strukturellen Probleme des Teams, das sich seit dem Wiedereinstieg quasi nicht weiter-, sondern punktuell sogar zurückentwickelt hat, werden sich auch durch seine Verpflichtung nicht in Luft auflösen. Dass zeitgleich auch der Verbleib des einzigen deutschen Rennstalls in der Königsklasse bis 2020 verkündet wurde, ging fast unter im sofort beginnenden Gerüchtewirbel um Schumacher.

Denn so sicher dessen Trennung von Mercedes ist, so unklar ist seine weitere berufliche Zukunft. Schumacher-Managerin Sabine Kehm teilte lediglich mit, dass "heute nicht der Tag" sei, über die Zeit nach dem letzten Saisonrennen am 25. November hinauszudenken. Auch bei Mercedes wollen sie zu diesem Thema noch nichts sagen; zuletzt war Schumacher mit dem Posten des Konzern-Botschafters in Verbindung gebracht worden. Dass der Gewinner von 91 Grands Prix am Jahresende nicht aus freien Stücken aus seinem Cockpit klettert, gilt jedoch als sicher: Schumacher will Rennen fahren, das hat er in Singapur noch einmal bekräftigt, dieser Antrieb hat ihn schon vor drei Jahren zurück in die Königsklasse des Motorsports getrieben. Ob er nach drei ernüchternden Jahren die innere Ruhe zum Aufhören findet, die ihm nach einem Jahrzehnt der Dominanz gefehlt hat, ist offen.

Kettenreaktion in der Formel 1

Wie erwartet, hat Mercedes' Absage eine Kettenreaktion von Personalentscheidungen in der Formel 1 ausgelöst. Parallel zu Hamiltons Entscheidung für Mercedes wurde auch der Wechsel von Sauber-Pilot Sergio Perez zu McLaren bekannt. Die Briten waren offenbar vorbereitet auf den Abgang des WM-Vierten, der teamintern nicht immer unumstritten war. Nachdem Lotus seinen Spitzenfahrer Kimi Räikkönen für ein weiteres Jahr an sich gebunden hat und auch Ferrari am viel kritisierten Felipe Massa festzuhalten scheint, ist der Sauber-Rennstall das einzige Team aus der erweiterten Spitzengruppe, bei dem derzeit ein Cockpit für das kommende Jahr frei ist. Zwar wollten sich auch die in dieser Saison überraschend starken Schweizer auf Anfrage der Berliner Morgenpost nicht an Gedankenspielen beteiligen. Um das zu verhindern, hätten sie in Singapur jedoch etwas zurückhaltender auftreten müssen. Augenzeugen berichten von einem täglichen Austausch zwischen Schumachers Managerin und Vertretern des Sauber-Teams. Zudem heizte Teamgründer Peter Sauber die Spekulationen mit der Äußerung an, den Deutschen "sofort zu nehmen". Was damals noch wie ein Scherz klang und womöglich auch so gemeint war, könnte schon bald eine realistische Karriereoption für Schumacher werden. Sein Wohnsitz in der Schweiz jedenfalls ist keine 300 Kilometer vom Firmensitz in Hinwil entfernt.

Die Schweizer plagen fast schon traditionell Geldprobleme, so existenzbedrohend wie im Moment waren sie allerdings selten. Doch das scheint nur auf den ersten Blick gegen eine Verpflichtung Schumachers zu sprechen, der mit einem Jahressalär von angeblich 25 Millionen Euro zu den Bestverdienern der Branche gehört. Vielmehr könnte der Deutsche, der selbst als Klassement-Zwölfter unlängst einen für viele Kollegen unerreichbaren Sponsorenvertrag in Millionenhöhe mit einem chinesischen Hersteller von Navigationsgeräten abschloss, als PR-Zugpferd Geld in die leeren Teamkassen spülen. Auch ein Deal mit Mercedes als Motorenlieferant scheint vorstellbar und könnte die Bilanz des Sauber-Rennstalls entlasten, der derzeit mit Ferrari-Power fährt. Nicht zuletzt kennen und schätzen Schumacher und Sauber einander seit mehr als 20 Jahren. Damals unternahm Schumacher erste Gehversuche als Rennfahrer in der Sportwagen-WM - unter dem Teamchef Peter Sauber.

Auch sportlich könnte der Schritt in die Schweiz Sinn machen für Schumacher, der seit seinem Comeback den Beweis erbringen wollte, entgegen allen Behauptungen nicht zu alt zu sein für die Formel 1. In diesem Jahr sind die Saubermänner drauf und dran, an Mercedes vorbeizuziehen. Allerdings haben weder der Mexikaner Perez noch Kamui Kobayashi aus Japan für die erhoffte Aufmerksamkeit im Kernmarkt Europa sorgen können, was auch für die als Perez-Nachfolger gehandelten Jaime Alguersuari oder Heikki Kovalainen gilt.

Nach Morgenpost-Informationen soll Peter Sauber vor nicht allzu langer Zeit auf einem teaminternen Meeting für 2013 das Ziel ausgegeben haben, um den WM-Titel mitzufahren. Auch Fernando Alonso hat kürzlich gesagt, Schumacher hätte mit einem Sauber-Boliden in diesem Jahr schon drei Rennen gewonnen. Und der kann es als WM-Spitzenreiter wohl am besten einschätzen.