Borussia Dortmund

Hummels wird zum Sorgenkind

Schwankende Leistungen des Abwehrchefs verstärken den holprigen Saisonstart des Meisters

- Eine große Stärke von Jürgen Klopp sind seine kommunikativen Fähigkeiten. Der Trainer von Borussia Dortmund hat aber auch über die vergangenen Jahre hinweg eine weitere Eigenschaft kultiviert: die, rechtzeitig zu erkennen, wann es besser ist, zu schweigen, um einem schwelenden Thema nicht noch zusätzliche Brisanz zu verleihen.

So reagierte Klopp gestern, als er gefragt wurde, wie er sich denn die aktuell auftretenden Formschwankungen von Mats Hummels erklären würde, nur scheinbar überrascht. "Ich bin mit der Verfassung von Mats absolut einverstanden", sagte der Trainer in der Pressekonferenz vor dem Spiel bei Eintracht Frankfurt heute Abend (20 Uhr, Sky live). Punkt, Ende, Aus. Die Folge war, dass in der Pressebaracke am Trainingszentrum in Dortmund-Brackel zumindest für einige Sekunden ein beredtes Schweigen herrschte.

Klopp hat gute Gründe, nicht ausgerechnet in einer Englischen Woche und vor dem Gang zu dem so verblüffend stark aufspielenden Aufsteiger eine Diskussion über seinen wichtigsten Defensivspieler aufkommen zu lassen. Es würde ihn aus didaktischer Sicht tatsächlich keinen Schritt weiter bringen, das aktuelle schwache Abwehrverhalten seiner Mannschaft öffentlich zu erörtern. Er schützt seine Spieler generell und die, die für die Statik des Teams besonders wichtig sind, umso mehr.

Für die offenkundigen Schwächen, die Hummels bei der 2:3-Niederlage am Sonnabend beim Hamburger SV unterlaufen waren, äußerte Klopp sogar Verständnis. Gegen "einlaufende Stürmer" sei halt "nicht immer leicht" zu verteidigen, so wie beim 0:1, als Hummels wegen eines Stellungsfehlers nicht mehr eingreifen konnte. Dass der katastrophale Fehlpass des Nationalspielers dann auch das entscheidende 1:3 einleitete, sei ja auch irgendwo "das Los eines aufbauenden Innenverteidigers". Der habe halt keine Absicherung hinter sich.

Verschossener Elfmeter gegen Ajax

Doch auch diese überaus wohlwollende Parteinahme seines Trainers kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Hummels Probleme hat, in die Saison zu finden. Starke Vorstellungen, wie beim 2:0 über Leverkusen, werden verdrängt durch mehrere Szenen, in denen er scheinbar unkonzentriert wirkte - wie in Hamburg oder beim 1:0-Auftaktsieg in der Champions League über Ajax Amsterdam, als er einen Elfmeter verschoss.

Mit der Nationalmannschaft ist der 23-Jährige, dessen starke Vorstellung bei der Europameisterschaft nur durch seinen Fehler im Halbfinale gegen Italien (1:2) getrübt wurde, ähnlich durchwachsen in die Saison gestartet. Beim mageren 2:1 in der WM-Qualifikation gegen Österreich waren Abstimmungsprobleme mit Holger Badstuber unübersehbar. Anschließend wurde Hummels dann sogar von Oliver Bierhoff zur Ordnung gerufen, als er das Abwehrverhalten von Kapitän Phillip Lahm öffentlich thematisiert hatte.

Hummels wirkt derzeit nicht so souverän wie in der vergangenen Spielzeit. Ein Erklärungsansatz ist, dass in Dortmund die gesamte Mannschaft in fast allen bislang absolvierten Pflichtspielen ein problematisches Defensivverhalten an den Tag gelegt hat. Ausgerechnet die große Stärke aus den beiden vergangenen Meisterjahren, die gute Organisation der Defensive, funktioniert bislang noch nicht. Die individuellen Fehler, auch die von Hummels, sind letztlich eine Folge davon.

Die Verteidigung im modernen Fußball beginnt vorn. Und da ist das Dortmunder Gefüge gegenüber der Vorsaison, als der BVB nur 25 Gegentreffer kassierte, aus der Balance geraten. "Wir haben mit Marco Reus und Mario Götze jetzt auch meist zwei andere Jungs dabei", verweist Klopp auf Umstrukturierungen in der Offensive, die zur Folge haben, dass die Automatismen teilweise verloren gegangen sind und erst wieder neu erarbeitet werden müssen. Reus hat nach seinem Wechsel aus Mönchengladbach Schwierigkeiten, sich dem anderen, wesentlich laufintensiveren Spiel in Dortmund anzupassen. Auch Götze, der die komplette Rückrunde verletzt war, muss seine neue Rolle im Team - er spielt nun meist zentral - erst finden.

Schmerzhafte Erfahrungen

Die Konsequenz: Das Angriffsspiel ist wegen der herausragenden Fähigkeiten der beiden Techniker sogar etwas variantenreicher geworden, aber es gibt auch häufigere Ballverluste und mehr Räume für den Gegner: Kurzum: Die Vierer-Abwehrkette hat deutlich mehr Arbeit, als sie es speziell aus der Rückrunde gewohnt gewesen ist.

Der wichtigste Teil der Problemlösung, an der Klopp derzeit arbeitet, heißt Hummels. Mit seiner Persönlichkeit, seinem stets nach außen getragenen Selbstvertrauen, kann er der Mannschaft auch insgesamt wieder die nötige Stabilität verleihen. Die "außerordentlich gut organisierte Defensive", auf dessen Grundlage sich das spektakulär schnelle Angriffsspiel der vergangenen beiden Spielzeiten entwickelt hätte, sei, so Klopp, schließlich auch in den beiden Meisterjahren zunächst auf "schmerzhaften Lernerfahrungen" aufgebaut worden. Es könnte also sein, dass die Dortmunder Abwehr und ihr Chef Mats Hummels die auch in dieser Saison zunächst wieder durchleben müssen.

Fakt ist: Die Dortmunder stehen in Frankfurt unter Zugzwang. Bei einer erneuten Niederlage könnte der Rückstand zum Spitzenreiter FC Bayern, der heute den VfL Wolfsburg erwartet, schon jetzt auf acht Punkte wachsen. Sicher, einen solchen Rückstand hatte der BVB in der vorigen Spielzeit aufgeholt und den Rekordmeister am Ende sogar mit acht Zählern düpiert. Doch sich darauf zu verlassen, dass die Bayern erneut derart einbrechen und der Borussia somit ein zweites Mal dieses Kunststück gelingt, wäre fahrlässig. So ließ Klopp wissen, auch mit Blick auf das Ende der Serie mit 31 Ligaspielen ohne Niederlage in Hamburg: "Wir haben das Gefühl, etwas gutmachen zu wollen - und zwar unbedingt." Hummels täte gut daran, dem Beispiel seines Trainers zu folgen.