Fußball

Hertha stellt sich vor Ben-Hatira

Erstes Training nach Strafanzeige. Einsatz des Mittelfeldspielers Mittwoch gegen Dresden fraglich

- Der Regen fiel in dicken Tropfen vom Himmel, als sich die Hertha-Profis am Montagnachmittag warmliefen. Geschlossen zogen die Spieler ihre Runden um den Schenckendorffplatz. Dabei hatten sie einen wie zum Schutz in ihre Mitte genommen, der dafür gesorgt hatte, dass dieses vorletzte Training vor der Zweitligapartie gegen Dynamo Dresden am Mittwoch (17.30 Uhr, Sky live) kein gewöhnliches werden sollte: Änis Ben-Hatira.

Der 24-Jährige hatte nach dem 1:1 in Kaiserslautern am Sonnabend für einen mittelschweren Eklat gesorgt: In der Nacht zum Sonntag wurde Ben-Hatira vorübergehend von der Polizei festgenommen, nachdem er seiner Ex-Freundin nach einem Streit das Portemonnaie entwendet haben soll und damit in seinem weißen Geländewagen wegfuhr. In Polizeigewahrsam musste Ben-Hatira seine Fingerabdrücke abgeben. Nun erwartet ihn eine Strafanzeige wegen Raubes.

Wortlos vom Trainingsgelände

Gestern waren große Fotoobjektive und TV-Kameras auf den Deutsch-Tunesier gerichtet. Alles fragte sich, wie Ben-Hatira mit dem nächtlichen Intermezzo auf dem Polizeirevier umgehen würde. Gar nicht, war die Antwort. Zumindest schwieg der Mittelfeldspieler zu den Vorwürfen und verließ unter Begleitung von Herthas Pressesprecher Peter Bohmbach wortlos das Trainingsgelände. Und auch Hertha BSC gab mit dem Verweis auf die laufenden Ermittlungen zu Protokoll, dass der Verein sich vorerst nicht mehr dazu äußern werde.

Die Berliner, die spätestens seit der sogenannten "Autospiegel-Affäre" um den ehemaligen Herthaner Patrick Ebert im März 2009 geübt seien dürften im Umgang mit straffälligen Profis, reagieren besonders vorsichtig auf die Vorkommnisse und versuchen, Ben-Hatira aus der medialen Schussbahn zu nehmen. Und das aus gutem Grund: Bereits in der vergangenen Saison hatte der trotz seines robusten Auftretens auf dem Platz überaus sensible Ben-Hatira wochenlang damit zu kämpfen, dass seine Zwillingsschwester in Neukölln Opfer eines brutalen Überfalls geworden war. Beide begaben sich danach in psychologische Behandlung.

Darüber hinaus befürchtet man bei Hertha, dass sich die Unruhe rund um Änis Ben-Hatira auf die Mannschaf überträgt. Diese hatte zuletzt mit guten Leistungen für positive Schlagzeilen gesorgt und ist nach dem umkämpften Unentschieden in Kaiserslautern seit vier Spielen in der Liga ungeschlagen. Nach dem holprigen Start in die Saison ist Hertha in der Tabelle bis auf drei Punkte an die Aufstiegsplätze herangerückt und will diesen Aufwärtstrend auch gegen Dresden fortsetzen. "Ich hoffe, dass die Mannschaft sehr erwachsen mit dieser Geschichte umgeht und es Mittwoch keinen Einfluss auf das Spiel haben wird", sagte Herthas Trainer Jos Luhukay.

Dem Niederländer ist bewusst, dass derlei Querelen auf Nebenschauplätzen nicht spurlos an seinem Team vorbeigehen und möglicherweise auch die Leistung von Ben-Hatira beeinträchtigen könnten. "Ich hoffe, dass Änis das mental gut verkraften wird", so der 49-Jährige, der von dem Geschehen um seinen Mittelfeldspieler am Sonntag in Duisburg erfuhr, wo er zusammen mit Co-Trainer Rob Reekers den übernächsten Gegner der Herthaner gegen Bochum beobachtete. Er werde mit Ben-Hatira "in aller Ruhe" sprechen, sagte Luhukay: "Erst dann werden wir sehen, ob er gegen Dresden auflaufen kann." Doch an einem Sachverhalt ließ der Trainer keinen Zweifel aufkommen: "Wir unterstützen Änis voll und ganz."

Auch die Mannschaft scheint sich nicht nur symbolisch um Änis Ben-Hatira zu scharen und dichter zusammenzurücken. "Wir haben immer ein offenes Ohr für ihn", sagte Kapitän Peter Niemeyer stellvertretend am Montag. Niemeyer weiß, dass Hertha derzeit nicht auf die Dienste des deutschen U21-Europameisters von 2009, der mittlerweile für Tunesien spielt, verzichten kann.

Luhukay beschwört Kollektiv

Denn auch gegen Kaiserslautern sorgte Ben-Hatira bis zu seiner Auswechslung im linken Mittelfeld für Torgefahr und scheiterte zweimal nur am überragend parierenden Lauterer Torwart Tobias Sippel. Deshalb hofft Niemeyer, dass Ben-Hatira auch beim Heimspiel gegen Dynamo Dresden auflaufen wird. Die Mannschaft jedenfalls belaste die Affäre nicht, so Niemeyer: "Und auch Änis wird damit klarkommen."

Nach der Pokalniederlage in Worms zu Saisonbeginn ist die ärgerliche Angelegenheit um Ben-Hatira die zweite große Widrigkeit für Trainer Luhukay, der im Sommer von Augsburg nach Berlin gewechselt war. Diesmal versucht der Niederländer das Kollektiv zu beschwören und sein Team stark zu reden: "Kaiserslautern war unser bestes Auswärtsspiel bisher. Wir haben wieder ein Stück mehr Selbstvertrauen mitgenommen und wachsen immer mehr zusammen." Wie die jüngste Affäre um Änis Ben-Hatira zeigt, rückt man bei Hertha nun also auch außerhalb des Platzes mehr zusammen.