Kommentar

Profis sind auch Menschen

Dietmar Wenck über den Fall Änis Ben-Hatira

Warum immer Hertha? Was macht der Verein nur falsch, dass ständig Profis des aktuellen Zweitligisten mit dem Gesetz in Konflikt kommen? Marcelinho, Ebert, Dejagah, nun Ben-Hatira - was läuft schief bei den verwöhnten Berliner Fußball-Millionären? Klar: Die haben zu viel Geld und immer Langeweile. Und natürlich: Ihr Verein kümmert sich auch nicht richtig um sie - kann Hertha das etwa auch nicht?

Vorsicht, so platt argumentiert der Stammtisch. Niemand soll die Vergehen der jungen Männer kleinreden. Aber es bleiben trotz ihres Gehaltes gewöhnliche junge Menschen, die Fehler machen. Und es ist wohl klar, dass es kaum schlagzeilenträchtig wäre, wenn der 24-jährige Norbert Normalbürger im Streit mit der Ex-Freundin ein Portemonnaie wegnimmt. Können wir uns darauf einigen, dass Änis Ben-Hatira vermutlich nicht aus Geldnot handelte?

Autospiegel abtreten, einen Gerichtstermin platzen lassen oder Autofahren unter Alkoholeinfluss sind ebenfalls keine Kavaliersdelikte. Aber auch hier wird es erst wirklich spannend, wenn ein sogenannter Star beteiligt war. Sei es aus dem Sport oder einer anderen publikumswirksamen Branche wie Film, Musik, Politik. Je mehr Geld und Macht im Spiel sind, umso größer wird der Skandal.

Es ist dabei im Fußball wie im richtigen Leben: Die smarteren Jungs passen auf, dass ihnen so etwas nicht passiert. Und natürlich ist dies kein Hertha-Phänomen. Was soll erst Branchenführer Bayern München sagen, wo Franck Ribery in einen sehr schmutzigen Rotlichtskandal verwickelt ist? Und Breno im Gefängnis sitzt, weil er seine Villa anzündete? Da fällt das Verständnis für die Missetaten schon deutlich schwerer. Aber hier wie dort macht der Verein das einzig Richtige: Er stellt sich öffentlich vor seine Spieler.

Hinter verschlossener Tür wird ganz sicher ein anderer Ton angeschlagen. Auch wenn sie jung sind: Die Spieler müssen schnell begreifen, dass sie immer im Fokus stehen und für ihr Handeln eher die Konsequenzen tragen müssen als ein Jedermann. Beim ersten Mal, wie im aktuellen Hertha-Fall, braucht der Spieler eher Beratung als Bestrafung. Der Spießrutenlauf, den Ben-Hatira jetzt erlebt, ist fürs Erste sicher Strafe genug.