Radsport

Dieses Gold macht die vielen Unfälle vergessen

Der deutsche Radprofi Tony Martin verteidigt in den Niederlanden seinen Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren. Operation des Kahnbeins droht

- Tony Martin schmiss sein Fahrrad auf die Straße und legte sich völlig ausgepumpt auf den Asphalt, dann halfen ihm seine jubelnden Betreuer auf die Beine. Mit seinem Sieg in einem denkwürdigen Weltmeisterschafts-Zeitfahren in den Niederlanden hat der gebürtige Cottbuser eine von Pleiten, Pech und Pannen geprägte Saison zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht. "Ich musste 110 Prozent geben. Am Ende war am Ende tot. Völlig fertig. Das war eines der härtesten Finals meiner Karriere", sagte der alte und nunmehr auch wieder neue Weltmeister. "Das war das erste Highlight der Saison, in das ich in perfekter Verfassung gehen konnte. Es gab nur einen Weg, die Saison zu retten, und zwar mit diesem Sieg."

Familie an der Strecke

Am Ende der 46,3 km von Heerlen nach Valkenburg triumphierte der Olympiazweite vor den Augen seiner Familie vor dem starken Amerikaner Taylor Phinney sowie Wasili Kirijenka aus Weißrussland und wird auch im kommenden Jahr das prestigereiche Regenbogentrikot tragen.

In Abwesenheit hochklassiger Konkurrenz wie dem britischen Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins, Fabian Cancellara (Schweiz) oder Christopher Froome (Großbritannien) zeigte sich schnell, dass Martin nur vom jungen Amerikaner Phinney Gefahr ausgebremst werden konnte. Bei der ersten Zeitmessung nach 14,3 km lag Martin, der auf der Startrampe angespannt wirkte, sogar vier Sekunden hinter dem U23-Champion von 2010.

Schon bei der zweiten Zwischenmessung hatte sich Martin jedoch bereits einen Vorsprung von rund 14 Sekunden auf Phinney erarbeitet und flog wenig später nach 31 km am mitfavorisierten Vuelta-Sieger Alberto Contador (Spanien) vorbei, der eine für ihn schwache Leistung zeigte und am Ende mit dem neunten Platz zufrieden sein musste.

In das entscheidende Teilstück der letzte acht Kilometer mit den Anstiegen Bundersberg und Cauberg ging Martin nur noch mit acht Sekunden Vorsprung und versuchte diesen mit aller Kraft zu verteidigen. Auf den Schlussmetern richtete sich sein schmerzverzerrter Blick immer wieder auf die Anzeigetafel über der Ziellinie, wo die Uhr unerbittlich heruntertickte. Allerdings wurde es zum Schluss noch einmal knapp, weil Phinney etwas besser den Schlussanstieg auf den gefürchteten Cauberg nahm. Am Ende gewann Martin aber nach 58:38 Minuten und mit fünf Sekunden Vorsprung auf Phinney.

Unmittelbar nach Beginn des Zeitfahrens um 13.30 Uhr hatte sich Martins Befürchtung bewahrheitet: Es fing heftig an zu regnen. Zudem erschwerten zunächst starke Winde das Rennen. Bis zu Martins Start um 15:24 Uhr hatte sich die Wetterlage jedoch wieder gebessert, und der gebürtige Cottbuser konnte unter passablen Bedingungen fahren.

Die beiden anderen deutschen Starter enttäuschten auf der ganzen Linie. Ex-Weltmeister Bert Grabsch (Wittenberg) landete lediglich auf Rang 36, Patrick Gretsch (Erfurt) fuhr auf den 27. Rang.

Martin entschädigte sich mit seinem Triumph auch für ein regelrechtes Seuchenjahr. Im April war er unweit seines Schweizer Wohnortes Kreuzlingen mit einem Fahrzeug kollidiert und hatte dabei schwere Gesichtsverletzungen erlitten. Bei der Tour de France hinderte ihn ein Defekt beim Prolog in Lüttich von der ersehnten Fahrt ins Gelbe Trikot, später folgte ein Crash, bei dem ihm das Kahnbein an der linken Hand brach. Fraglich ist noch, ob eine Operation nötig sein wird.

"Wir werden nach der Saison eine Röntgenaufnahme machen und dann entscheiden. Auf dem Rad habe ich eigentlich keine Probleme, nur bei ein paar alltäglichen Sachen verspüre ich Schmerzen. Ich hoffe, dass ich um eine Operation herumkomme", sagte Martin.

Olympia-Silber in London hatte ihn gnädig gestimmt, doch erst jetzt schloss Martin seinen Frieden mit der Saison. "Der Sieg wäre nach all den Rückschlägen verdient, ich habe mich oft wieder hochkämpfen müssen", hatte Martin im Vorfeld gesagt.

Start bei der Peking-Rundfahrt

Zum Saisonausklang strebt Martin eine weitere Titelverteidigung an. Bevor er sich in den wohlverdienten Urlaub verabschiedet, geht er bei der Peking-Rundfahrt (9. bis 13. Oktober) an den Start. Für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) war es nach Bronze von Junior Maximilan Schachmann und Zeitfahr-Gold von Judith Arndt die dritte Medaille. Martin hatte bereits im erstmals ausgetragenen Teamzeitfahren am Sonntag mit Omega Pharma-QuickStep triumphiert. Mannschaftskollege Tom Boonen hatte den solange vom Pech verfolgten Deutschen daraufhin als "Maschine auf dem Zeitfahrrad" bezeichnet.