Affäre

Fall Drygalla: Stasi-Spitzel an Verbandsspitze

Landeschef schwärzte früher seine Ruderkollegen an

Das Treffen zwischen Nadja Drygalla (23), ihrem Anwalt und Vertretern des Deutschen Ruderverbandes (DRV) fand am Dienstag in Hannover statt. Hinterher ließ DRV-Präsident Siegfried Kaidel vermelden, der Verband stehe "voll hinter seiner Athletin". Drygalla war von den Sommerspielen in London abgereist, nachdem bekannt geworden war, dass sie mit einem gewaltbereiten Neonazi liiert ist.

Mit am Tisch saß auch ein Mann, der als Vertrauter der jungen Ruderin bezeichnet werden kann: Hans Sennewald (52), Vorsitzender des Landesruderverbandes Mecklenburg-Vorpommern (LRV), Vize-Chef von Drygallas Heimatverein ORC Rostock und Vater von Drygallas Ruderpartnerin Ulrike (23). In der Debatte über Drygallas Freund und ihre Eignung für weitere Auswahlnominierungen redete Sennewald stets Transparenz das Wort. Er erweckte den Eindruck, den DRV schon vor Olympia über die brisante Beziehung unterrichtet zu haben.

Über ein wesentliches Detail in seiner eigenen Vita hingegen mag der LRV-Vorsitzende nicht reden: Rund fünf Jahre lang führte das Ministerium für Staatssicherheit ihn unter dem IM-Decknamen "Alexander". Laut Akte berichtete er bis 1989 als Mitglied der DDR-Nationalmannschaft fleißig und "ehrlich über das Verhalten der Sportreisekader". Der Morgenpost liegen 244 Seiten aus Sennewalds Stasi-Akte vor, darunter handschriftliche Berichte sowie die Verpflichtungserklärung samt Unterschrift mit Klarnamen. Damit konfrontiert, sagte Sennewald: "Dazu möchte ich mich nicht äußern, generell nicht." Bekannt gewesen ist seine Spitzeltätigkeit bislang offenbar nicht.

Daheim zeigen sie sich überrascht. Sennewald sei aufgrund seines Engagements für den Rudersport "für uns hier in Mecklenburg-Vorpommern die Leuchtfigur, was die Organisation eines Landesverbandes angeht", sagte stellvertretend der Geschäftsführer des Landessportbundes, Torsten Haverland. Sennewald sei für ihn "die absolute Persönlichkeit".

1982 gewinnt Sennewald im Vierer mit Steuermann den Weltmeistertitel, später rudert er erfolgreich im DDR-Achter. Seine Anwerbung erfolgt laut Akte im Mai 1984 unter Wahrung von Konspiration und "auf der Basis der politischen Überzeugung". Er steht der Stasi etwa jeden zweiten Monat zur Verfügung - für einen Sportler eine recht hohe Treffhäufigkeit.

Als IM "Alexander" liefert er laut Akte personenbezogene Informationen über Sportkameraden ("vom Charakter unberechenbar", "nachtragend"). Selbst über solche, mit denen er in einem Ruderboot sitzt. Laut Protokoll eines mündlichen Berichts denunziert er beispielsweise einen "Sportfreund", der Umgang mit zwei Rudersportlern gepflegt habe, "die 1984 wegen unsportlicher Lebensweise aus dem ASK Rostock entlassen worden seien". Solche Angaben können für die Denunzierten unangenehme Folgen gehabt haben. Sennewalds Spezialgebiet: Auslandsaufenthalte mit der DDR-Rudermannschaft.

In der Endphase der Zusammenarbeit mit der Stasi wird ihm attestiert, ein unsicherer Kantonist zu sein. Im Abschlussbericht zum Stasi-Vorgang vom 21. März 1989 heißt es, er weiche einer "kontinuierlichen Trefftätigkeit aus".

Interessant: In einer Beurteilung als Reisekader vom 16. Januar 1986 attestiert die Nationale Volksarmee Sennewald "charakterliche Schwächen in seinem Gesamtauftreten". In dem Schreiben heißt es, der Athlet weise eine Tendenz zur Überheblichkeit auf und kritisiere oft stark seine Umgebung, ohne dass es dafür offensichtlich eine Basis gäbe.