EHC Eisbären

Imperium im Angebot

US-Milliardär Anschutz will seinen Unterhaltungsbetrieb verkaufen - samt Eisbären und O2 World

- Rund um den Wellblechpalast in Hohenschönhausen verehren sie Philip F. Anschutz (72) bis heute wie einen Heiligen. Und so sind die unglaublichsten Geschichten im Umlauf über den medienscheuen US-Milliardär, der den EHC Eisbären 1999 mit einer Patronatserklärung im zweistelligen Millionenbereich vor dem Ruin bewahrte und dem Eishockeyverein mit der O2 World für 165 Millionen Euro eine Heimstätte baute, die heute die beste Unterhaltungsshow der Stadt ermöglicht - und ohne die ein Aufstieg zum Rekordmeister der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) unmöglich gewesen wäre.

Besagte Erzählungen preisten stets das besonderes Interesse des 72-Jährigen an Berlin und seinen Sporthelden. So soll Anschutz bei einer seiner alljährlichen Stippvisiten in einem Berliner Edellokal seine fein herausgeputzten Gäste im Trainingsanzug überrascht haben, natürlich einem der Eisbären.

Künftig wird es Stoff für solche Sagen kaum noch geben. Sowohl die Eisbären als auch die Arena am Ostbahnhof sind Teil der Anschutz Entertainment Group (AEG), einem weltweit agierenden Big Player der Unterhaltungsbrache. Nun aber hat Anschutz seine Anwälte damit beauftragt, die Möglichkeiten eines Verkaufs der AEG zu überprüfen - samt Eisbären und O2 World.

Die für alle überraschende Nachricht wurde nach außen hin mit großer Gelassenheit aufgenommen. "Das sind Entscheidungen, die in Los Angeles getroffen werden", sagt Eisbären-Geschäftsführer Billy Flynn. "Ich bin mir sicher, dass Mister Anschutz einen sehr guten Käufer sucht. Wenn er ihn nicht findet, bleibt alles beim Alten, und wenn er einen findet, auch." Denn auch ein neuer Eigner wird für seine neue Arena starke Ankermieter aus dem Sport brauchen.

Die Gelassenheit Flynns dürfte auch daher rühren, dass die Eisbären im weltumspannenden Netz der AEG ein kleines Licht sind. Da wären das Staples Center in Los Angeles, die L.A. Kings als aktueller Champion der National Hockey League (NHL), der Fußballklub L.A. Galaxy (mit David Beckham), die Londoner O2 World, Arenen in Stockholm, Sydney, Peking oder Shanghai - AEG ist der zweitgrößte Concert- und Eventveranstalter der Welt, besitzt Top-Immobilien in Metropolen auf fünf Kontinenten, deren Tore bereits 42 Millionen Besucher passiert haben.

Eine Sache des Herzens

Allerdings durften die Eisbären sich immer als etwas Besonderes fühlen. Nicht nur, weil es den Berliner Klub ohne Anschutz heute nicht mehr geben würde - und die O2 World schon gar nicht. Sein Engagement in Berlin schien immer auch eine Sache des Herzens zu sein. Die Meisterschaftsringe in den USA persönlich auszusuchen und anfertigen zu lassen, war für Anschutz angeblich Ehrensache. Als Manager Peter John Lee noch im Februar seinen obersten Chef bei einem Besuch in Los Angeles traf, hatte er selbst gestaunt: "Er wusste genau, wer bei den Eisbären gerade verletzt ist und welcher Spieler gut in Form ist."

Und es ging auch in die andere Richtung: Hunderte von Anfeuerungen und späten Glückwünschen kreuzten täglich den Atlantik, als die großen Brüder der Eisbären, die Los Angeles Kings, in diesem Jahr zum ersten Mal den Stanley Cup gewannen. Aber Anschutz ist eben nicht nur Fan (ließ sich mit den Kings samt Meisterpokal auf dem Eis fotografieren), sondern vor allem Geschäftsmann. Einer, dessen Stil es immer war, Dinge von Null auf Hundert zu bringen und sich dann aber im richtigen Moment von ihnen zu trennen.

Kürzlich wechselte das Baseballteam der Dodgers in den USA für zwei Milliarden den Besitzer. 2005 zahlte der US-Geschäftsmann Malcolm Glazer, Besitzer des NFL-Klubs Tampa Bay Buccaneers, dem britischen Edel-Fußball-Klub Manchester United 1,47 Milliarden Dollar. Experten erwarten, dass der Verkauf des Anschutz-Imperiums locker neue Bestmarken setzt. Wie und wann der Deal vonstatten gehen soll, ist unklar. Bei Anschutz sei über die Jahre schon oft angefragt worden, ob er nicht verkaufen wolle, erzählt Tim Leiweke, Präsident und leitender Geschäftsführer der Anschutz Entertainment Group. Auch jetzt wird mit dem in Südafrika geborenen Biotechnologie-Unternehmer Patrick Soon-Shiong, dessen Netto-Vermögen das Magazin "Forbes" letztes Jahr mit 7,2 Milliarden Dollar angegeben hat, als potenzieller Käufer gehandelt. Ebenso die Madison Square Garden Corporation, der nicht nur die Kult-Arena in New York, sondern auch das Basketballteam der New York Knicks gehört.

Traum vom Football-Stadion

Der Käufer müsse in jedem Fall, so ließ die Anschutz-Gruppe bei der Verlautbarung ihrer Verkaufsabsichten wissen, "den vollen Wert der AEG widerspiegeln und sich uneingeschränkt verpflichten, die langfristigen Unternehmensziele der AEG zu verfolgen". Leiweke, der als einer der treibenden Kräfte der AEG-Erfolgsstory der vergangenen 15 Jahre gilt, sagte der Los Angeles Times: "Unsere Immobilien und Sportteams stehen erst am Anfang einer Expansion. Der neue Eigner besitzt die historische Chance, von den durch die AEG aufgebauten Strategien zu profitieren."

Einen Favoriten gebe es bislang nicht, man habe gerade erst begonnen, mit der New Yorker Investment Bank "Blackstone Group" das Feld möglicher Interessenten zu sondieren. Kontinuität nach dem Verkauf, unter wem auch immer, verheißt auch, dass die Verträge Leiwekes und seines Managementteams gerade erst verlängert worden sind.

Gut möglich, dass Philip Anschutz - auch sein Vermögen schätzt "Forbes" auf sieben Milliarden Dollar - ein neues Abenteuer reizt. Das Stadtparlament von Los Angeles wird am 28. September entscheiden, ob sein Imperium in Downtown Los Angeles für geschätzte 1,2 Milliarden Dollar das Football-Stadion Farmers Field bauen darf. 72.000 Menschen soll es beherbergen, das Convention Center nebenan würde auch für 315 Millionen renoviert. Hintergrund: Sowohl die Football-Teams der Rams als auch der Raiders sind aus der Stadt geflohen. Ein brandneues Stadion wäre ein gutes Argument, die National Football League (NFL) wieder nach L.A. zu holen, wenn sich die Klubbesitzer kommenden März zu ihrem jährlichen Meeting treffen.

Das Engagement bei den Eisbären mag vorübergehend auch Sache des Herzens gewesen sein, aber eines interessierte Anschutz stets mehr als jeder Meistertitel: ein gutes Geschäft. Das dürfte nun auch in Hohenschönhausen jedem dämmern.