Olympia

Alles andere als ein großer Wurf

Obwohl selbst Sportler wie Robert Harting sie fordern, bleiben umfassende Reformen im deutschen Leistungssport aus

Auch wenn es eine Reihe enttäuschender Resultate gegeben hat bei den Sommerspielen in London, sogar erfolgreiche Athleten wie Robert Harting nach Veränderung rufen, wird der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) an seinem Konzept weitgehend festhalten. Hier und da ein Stellschräubchen, mehr wird nicht angezogen im System. Das machten DOSB-Präsident Thomas Bach und -Generaldirektor Michael Vesper nach einer Präsidiumssitzung deutlich. "Es hilft nichts zu sagen: 'Wir müssen alles umstellen'", findet Vesper. "Wir müssen konkret und objektiv argumentieren."

Zum Beispiel für mehr Geld. Um künftig erfolgreich zu sein, bedürfe es "einer Steigerung der verfügbaren finanziellen Mittel", hieß es. Auch für die Spiele 2016 in Rio de Janeiro werden Medaillenziele vorformuliert, an denen sich die Fachverbände dann messen lassen müssen.

Ein Diskurs ist nicht gewollt

Der große Wurf, eine umfassende Reform bleibt also aus. Doch das war offensichtlich längst vor London beschlossene Sache. So hatte DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank den Spitzenfachverbänden schon im Juni die avisierten Veränderungen dargelegt. Echter Wille zu einer Diskussion über Effektivität des Systems? Fehlanzeige. Dabei schlagen externe Fachleute Alarm.

"Die Tatsache, dass in London von 28 olympischen Verbänden nur elf Medaillenerfolge aufzuweisen haben, dass die Zahl der erreichten Finalplätze seit Barcelona (1992 - d.R.) rückläufig ist und viele Athleten in London nicht einmal ihre Saisonbestleistung erreichen konnten, ist besorgniserregend. Der rückläufige Leistungstrend ist in einigen Sportarten zu offensichtlich, als dass die bestehenden Förderstrukturen fortgeführt werden könnten, wie dies in der Vergangenheit der Fall war", moniert etwa der Sportsoziologe und Leichtathletik-Funktionär Helmut Digel. Der Bereich Leistungssport im DOSB, die Olympiastützpunkte, die föderalen Strukturen - alles gehöre auf den Prüfstand, fordert Digel.

Zwar diskutierten der Präsidialausschuss Leistungssport und der Beirat Leistungssport im DOSB Ende voriger Woche Maßnahmen - dem Vernehmen nach war die Sitzung bloß auf vier Stunden angesetzt gewesen -, doch wie verblüffend flott die London-Analyse nun vonstatten geht, erstaunt auch manchen Politiker. So sagte die Vorsitzendes des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), der Morgenpost: "Der DOSB täte gut daran, auch externen Sachverstand einzubeziehen. Einige renommierte Experten haben sich ja bereits öffentlich geäußert. Die Frage ist: Wollen sie solche kritischen Geister auch anhören? Oder wollen sie sich auf die Schulter klopfen und sagen: 'Ist doch ganz gut gelaufen'?"

Offensichtlich Letzteres. Intellektuelle, kritische Vordenker wie der Sportökonom und -soziologe Eike Emrich aus Saarbrücken sind nicht wohlgelitten im DOSB. Emrich sagt: "Der Status quo wird lange erhalten bleiben. Organisationen wie der DOSB sind schwerfällige Riesentanker, es dauert eine Generation bis sich etwas ändert - was sich in Wahrheit biologisch begründen lässt: Nicht das bessere Wissen setzt sich durch, sondern die Verfechter des alten Wissens müssen erst in Rente gehen." Jahrelang war Emrich Vizepräsident im Leichtathletik-Verband (DLV), er kennt die "lähmende Bürokratie", die der DOSB den Fachverbänden durch immer neue Regelungen aufbürdet, und über die in vielen Verbänden hinter vorgehaltener Hand gemurrt wird. Vor allem die noch vor den Spielen 2008 in Peking als Steuerungsinstrument eingeführten Zielvereinbarungen, die künftig "Fördervereinbarungen" heißen sollen, kritisiert Emrich. Er sagt: "Es wäre doch sehr viel einfacher, Vertrauen zu gewähren statt immer neue Kontrollverfahren einzuführen. Man sollte Geld nach formal korrekten Kriterien zuteilen und es den Verbände überlassen, wie sie ihre Ziele erreichen."

Wolfgang Maennig, Wirtschaftsprofessor und 1988 Ruder-Olympiasieger, sieht das ähnlich. Er bemängelt, dass derzeit Nichtleistung belohnt werde. Maennig: "Es müsste nachgedacht werden über eine Grundförderung für die olympischen Verbände und eine deutlicher leistungsbezogene Förderung. Fehlentscheidungen werden auf dem Rücken der Athleten ausgetragen. Langfristig haben die Athleten aber nichts davon, wenn immer wieder schlechte Planung belohnt wird durch gleich hohe Zuschüsse." Einer seiner Vorschläge: "Die Sportdirektoren und Verantwortlichen müssen eine Rückmeldung bekommen - auch über deren eigenes Gehalt. Das ist unbequem, ja, und das Gehaltsniveau ist vielfach zu gering, um noch einen Teil davon variabel zu gestalten. Deshalb sollte es 'on top' kommen."

Es gibt neue Zielvereinbarungen

"Fördervereinbarungen" gleichwohl wird es also auch künftig weiter geben, daran lässt der DOSB trotz aller Debatten keinen Zweifel. Erst auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin hin ist das Bundesinnenministerium (BMI) ja kurz vor Ende der Spiele in London erst herausgerückt mit den Medaillenzielen - offiziell als "gemeinsam mit den Verbänden identifizierte Potenziale" deklariert. Nach wie vor blockiert das BMI im Schulterschluss mit dem DOSB die Herausgabe weiterer Informationen. Etwa darüber, wie die kühnen Prognosen zustande kamen.

In seiner nächsten Sitzung am 26. September will sich der Bundestagssportausschuss mit dem Thema befassen. "Eine interessante Frage wird sein, ob das BMI und der DOSB wieder ein solches Staatsgeheimnis über die Inhalte der Zielvereinbarungen machen wollen - oder ob sie die klare Botschaft des Urteils des Verwaltungsgerichts Berlin für die Zukunft akzeptieren", sagte Dagmar Freitag.