Champions League

Neustart dahoam

Ungewohnt bescheiden geht der FC Bayern in die Champions-League-Saison. Noch ist der Frust vom letzten Finale zu groß

- Am 21. Mai, einem Montag vor knapp vier Monaten, waren die ersten T-Shirts schon im Handel. Drüben in England. Blaue T-Shirts mit sechs Worten in weißer Schrift. Eine leicht veränderte Version des Mottos, mit dem sich die Fans des FC Bayern zwei Tage zuvor auf ein denkwürdiges Spiel eingeschworen hatten, als sie mit einer beeindruckenden Choreografie Stadt, Stadion und Pokal jeweils mit dem Personalpronomen "Unser" für sich proklamiert hatten. Die trockene Antwort aus England lautete: "Eure Stadt, euer Stadion, unser Pokal!" Im Südwesten Londons, bei den Anhängern des FC Chelsea, fand der Artikel großen Absatz, eine nette Erinnerung an den 19. Mai.

Das Souvenir, das die Fans des FC Bayern von jenem Abend mitnahmen, war eine seelische Narbe. In den einschlägigen Fanforen gab es in den vergangenen Monaten Diskussionen, was denn schlimmer gewesen sei, die Niederlage gegen Manchester United 1999 oder jetzt der 19. Mai. Neutrale Beobachter konnten zu dem Schluss kommen, dass München die Mutter aller Niederlagen war und Barcelona eher eine weit entfernte Großcousine. Der Schmerz sitzt noch tief, genau vier Monate nach dem Drama dahoam. Bei Fans, bei Spielern, bei den Bayern-Bossen.

Mit dem Heimspiel gegen den FC Valencia (20.45 Uhr, ZDF live) startet der FC Bayern heute in die neue Champions-League-Spielzeit, und es war in den Tagen vor dem Aufbruch in die erneute Europa-Expedition auch leichte Unsicherheit zu spüren an der Säbener Straße. Wie die Mannschaft das Debakel verkraftet hat, wie die Spieler das Trauma aus dem Kopf bekommen haben. "Hier kann keiner dieses Spiel gegen Chelsea vergessen", gab der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge Anfang der Woche zu, "da ist uns zu viel Dramaturgie widerfahren." Die spielerische Überlegenheit und das späte Tor von Müller. Die 88. Minute und Chelseas erste Ecke. Drogba, der Kopf, der Ausgleich. Robbens verschossener Elfer in der Verlängerung, dann die Führung im Elfmeterschießen, 3:1. Und dann Schweinsteiger. Der Pfosten.

Und dennoch, es gibt doch gute Gründe, warum es nach dem lockeren Bundesligastart mit drei Siegen aus drei Spielen nicht nur national eine erfolgreiche Saison werden könnte. Es ist einiges anders im Vergleich zum Vorjahr, zur verkorksten Tripel-Vize-Saison. Beim FC Bayern ist eine neue Bescheidenheit eingekehrt. Statt laut zu poltern wollen sie nun auf leisen Sohlen zu Titeln schleichen. Eine Demut, die ausgerechnet Präsident Uli Hoeneß in der Sommerpause eingefordert hat, als er das überstrapazierte "Mia san Mia"-Credo anprangerte und sagte: "Wir müssen erst wieder Erfolg haben."

Eine Vorgabe, die die Spieler nun beherzigen. Keiner wollte in den Tagen vor Valencia vom Titel reden. Mario Mandzukic und Philipp Lahm sprachen ganz brav davon, wie wichtig ein guter Einstand sei, und dass die Mannschaft Gegner wie Borissow und Lille auch nicht unterschätzen dürfe. Manuel Neuer sagte, der FCB wolle "Schritt für Schritt" vorankommen. Und Trainer Heynckes erklärte: "Ich möchte nicht an das Finale denken, wir tun gut daran, wenn wir die Gruppenphase überstehen. Wir müssen erst einmal gegen Valencia bestehen, das ist schwer genug." Vor einem Jahr klang das anders. Voller Selbstverständlichkeit formulierten sie da ihre Ziele, Bastian Schweinsteiger etwa, als er sagte: "Ich will 2012 in München die Champions League gewinnen und mit der Nationalmannschaft Europameister werden." Der Rest ist bekannt. Es kam der Pfosten, es kam Italien.

Ruhiger geworden ist auch Jupp Heynckes. Er hat gelernt aus seiner Vergangenheit. 1990, in seiner ersten Zeit als Bayern-Trainer war es bei der Meisterfeier auf dem Rathausbalkon, als er in euphorischem Überschwang ein verhängnisvolles Versprechen gab: "Und im nächsten Jahr holen wir den Europapokal." Holten sie nicht. Belgrad, das Halbfinale, Augenthalers Eigentor, die Endstation. Auch vor einem Jahr sagte Heynckes noch, es sei motivierend für die Mannschaft, ein "Finale im eigenen Garten" zu haben. Sonst sprach keiner vom Garten. Sonst sprach bald jeder vom "Finale dahoam".

Rummenigge sagte nun immerhin, er glaube nicht, dass es zu einer Neuauflage des Finales vom 19. Mai 2012 kommen werde. Es ist davon auszugehen, dass er es weniger dem FC Chelsea zutraut ins Endspiel zu kommen als seinen Bayern. Pikant wäre die Revanche allemal, denn auch wenn Wembley elf Kilometer nordwestlich der Stamford Bridge nicht das Heimstadion der "Blues" ist: Die Bayern-Fans würden sich freuen, nach einem Sieg in London dann auch Trikots drucken zu können. Auf Englisch, in Rot: Your town, your stadium, our cup.