Handball

Füchse beenden die Kieler Siegesserie

Beim 26:26 fügen die Berliner Handballer dem THW den ersten Punktverlust nach 40 gewonnenen Spielen zu

- Aus den Lautsprechern tönte ohrenbetäubend "So seh'n Sieger aus!". Die Fans der Füchse Berlin jubelten, schrien, lärmten mit ihren Klitschpappen wie von Sinnen und lagen sich in den Armen. Auf dem Feld tanzten die Berliner Handballer Ringelreihen und animierten das Publikum zu einer "La ola" nach der anderen. Alle schwammen in der Max-Schmeling-Halle auf der Welle der Begeisterung.

So sahen also Sieger aus. Sieger? Dabei prangte auf der Anzeigetafel doch für alle gut sichtbar ein 26:26. "Na klar, wir fühlen uns natürlich wie Sieger", ließ Füchse-Rückraumspieler Sven-Sören Christophersen (fünf Tore) erst gar keine Unklarheiten aufkommen. Denn wenn man wirklich mal von einem "gefühlten" Sieg sprechen konnte, dann am frühen Sonntagabend, als das Berliner Handballteam dem THW Kiel, dem Überteam in der Bundesliga und in Europa, ein Remis abgetrotzt hatte.

Mark Bult erzielt sechs Treffer

Die Füchse haben damit ein kleines Stück Geschichte geschrieben. Nach 501 Tagen erlitten die Kieler nämlich ihren ersten Punktverlust in der Bundesliga. Am 4. Mai 2011 hatten sie in Magdeburg mit 24:30 verloren, danach gewann das Team von Trainer Alfred Gislason in der Liga 40 Spiele hintereinander. Die Liga kann aufatmen, auch Kiel ist nicht allmächtig. In der vergangenen Saison marschierte die Mannschaft von der Ostsee mit 68:0 Punkten zum Meistertitel durch. Sie holte zudem den Pokal und gewann die Champions League. "Jeder Punktgewinn gegen die beste Mannschaft der Welt ist unglaublich", jubelte Kapitän Torsten Laen.

"Wir haben immer an uns geglaubt und nie die Hoffung aufgegeben", meinte Mark Bult, mit sechs Toren (davon drei Siebenmeter) bester Werfer bei den Füchsen. Dabei war es nicht leicht, den Kopf oben zu behalten, denn nach 41 Minuten lagen die Berliner mit 14:19 hinten. Es schien alles gegen sie zu laufen. Der Kieler Torhüter Thierry Omeyer brachte die Berliner fast zur Verzweiflung, oft hatten den Füchsen bis zu diesem Zeitpunkt die Mittel gefehlt, um gegen das teilweise sehr schnelle Spiel der Norddeutschen etwas auszurichten.

Es war eine hitzige Partie, in der es so richtig zur Sache ging und in der die unsicheren Schiedsrichter mit einigen merkwürdigen Entscheidungen zur allgemeinen Hektik nur noch beitrugen. Dass auch Füchse-Torhüter Silvio Heinevetter nach einem emotionalen Ausbruch und sein Gegenüber Omeyer von den Unparteiischen jeweils für zwei Minuten zur Abkühlung auf die Bank geschickt wurden, verdeutlicht, was sich auf dem Feld abspielte. Für Laen jedoch war das nichts Besonderes: "Männer-Handball ist eben hart."

Zur Halbzeit hatten die Berliner mit 9:12 zurückgelegen. Über Mikrofon erklärte Füchse-Präsident Frank Steffel, dass er noch nach einer tollen Aufholjagd an ein Remis glaube. Der Mann hatte seherische Fähigkeiten, auch wenn er selbst wohl bei besagtem Fünf-Tore-Rückstand nicht mehr so richtig an seine Prognose geglaubt haben dürfte. Treffer um Treffer holten die Berliner jedoch auf. Und es war vor allem die "zweite Reihe", die sich dabei hervortat. Spieler wie Bult, der bei den Siebenmetern eiserne Nerven behielt, Iker Romero (3) und Evgini Pevnov (2) sorgten für die dringend notwendige Entlastung. Und jetzt war auch wieder das Publikum da. "Die Fans haben uns zum Remis mitgenommen", meinte Bult.

Fünf-Tore-Rückstand aufgeholt

Die etwa 600 Kieler Anhänger unter den 9000 Besuchern in der ausverkauften Schmeling-Halle schauten ungläubig, wie ihr Team langsam die Souveränität einbüßte. Hatte der THW zuvor immer die richtige Antwort gewusst, wackelte der Meister nun. "Wir hätten das Spiel längst entscheiden müssen, dann wären wir erst gar nicht in diese Situation gekommen", schimpfte Gislason. Drei Minuten vor Schluss hatten es die Berliner geschafft: Mit einem Siebenmeter glich Bult zum 25:25 aus. Doch dann ging der Nervenkitzel erst so richtig los. Christian Zeitz, mit sechs Treffern bester Werfer bei den Kielern, brachte den THW postwendend wieder in Führung, rasselte dabei noch mit Heinevetter zusammen. Kurz zuvor hatte sich der Berliner Konstantin Igropulo am rechten Sprunggelenk verletzt. Die Zuschauer tobten - und dann war es Füchse-Spielmacher Bartlomiej Jaszka (fünf Tore), der 40 Sekunden vor der Schlusssirene zum 26:26 traf.

Noch einmal hatten die Kieler die Chance, den finalen Treffer zu setzen. Aber die Füchse-Abwehr war nicht zu überwinden, die Kieler wurden so unter Druck gesetzt, dass sie sogar den Ball ins Aus warfen. Die restlichen sechs Sekunden reichten dann Berlin nicht mehr, um es besser zu machen. Und dann begannen die Feierlichkeiten.

"Die Mannschaft hat toll gekämpft, ich bin stolz auf sie", sagte Füchse-Coach Dagur Sigurdsson in der Stunde des Erfolges ganz ruhig. In seinem Innern dürfte es anders ausgesehen haben.