Fußball

Auf Talfahrt trotz van der Vaart

Beim 2:3 in Frankfurt gelingt dem heimgekehrten Star eine gute Premiere. Aber der HSV bringt sich selbst um den Erfolg

Da stand er nun mit traurigen Augen im Bauch der riesigen Arena, der große Hoffnungsträger des Hamburger SV, mit dem alles anders werden sollte. Doch die erhoffte Rafael-van-der-Vaart-Gala in Diensten des HSV war bei Eintracht Frankfurt ohne ein rauschendes Finale, sondern mit einer vermeidbaren 2:3 (1:2)-Enttäuschung zu Ende gegangen. Nach nun drei Bundesliga-Niederlagen belegen die Hamburger mit null Punkten Platz 17. Und der Niederländer musste, gefragt nach der Tabellensituation, ernüchtert feststellen: "Es ist noch ein langer Weg."

Bereits nach 18 Minuten hatte van der Vaart frustriert in den spätsommerlichen Himmel geschaut und offensichtlich höhere Mächte angefleht. Zwar hatte er von der ersten Minute an die Chefrolle angenommen, war präsent, voller Motivation. Doch auch van der Vaart konnte nicht verhindern, dass seine neue Mannschaft zu diesem Zeitpunkt bereits mit 0:2 zurücklag. "Wir haben die Anfangsphase verpennt", klagte er. Der heimgekehrte Superstar, der schon von 2005 bis 2008 insgesamt 74 Bundesligapartien für die Hanseaten absolviert und zuletzt für Tottenham Hotspur gekickt hatte, bekam in einer Art Crashkurs beigebracht, warum sein HSV-Team in der jüngeren Vergangenheit so erfolglos agierte.

Die Defensive präsentierte sich wie ein Torso und ließ jegliche Kompaktheit vermissen. Nachdem erst Takashi Inui die allgemeine Verunsicherung zur frühen Führung genutzt hatte (13.), ließ sich Olivier Occéan die Chance nicht entgehen, als ihm der Ball nach einer Ecke auf die Füße fiel (18.). Gegen die alte Krankheit bei Standard-Situationen scheint der HSV noch immer kein Mittel gefunden zu haben. "Das zieht sich wie ein roter Faden bei uns durch", schimpfte René Adler, "irgendwann müssen wir mal lernen, am Mann zu bleiben und die Bälle wegzuhauen. Schließlich ist ja bekannt, dass die Spiele in der Abwehr gewonnen werden, nicht im Angriff."

Eine Frage des Selbstvertrauens

Kopflos, orientierungslos, mutlos, das war der Hamburger SV in den ersten Minuten. Und trotz der folgenden Gegenwehr fehlte dem Team hinten und vorn die letzte Konsequenz. Für van der Vaart, der von Milan Badelj längst noch nicht so viel Unterstützung wie erhofft erhielt, gab es nur eine logische Erklärung dafür: "Das hat alles mit Vertrauen zu tun. Wenn das nicht da ist, trifft man eben die falschen Entscheidungen." Mit so einer Vorstellung wie in den ersten 20 Minuten, folgerte van der Vaart, bekäme man gegen Borussia Dortmund sicher mindestens drei Tore eingeschenkt.

Was sowohl Spieler als auch Funktionäre später etwas hoffnungsvoll für die Zukunft stimmte, war die Reaktion auf das 0:2. Der HSV, angeführt von van der Vaart, kämpfte wacker, spielte nach vorn - und hätte vor der Pause ausgleichen können. Doch weder Heung-Min Son (21.) noch Artjoms Rudnevs (29.), die beide frei vor Torwart Kevin Trapp standen, brachten den Ball im Tor unter. Dann fuhren die Gefühle Achterbahn. Als nach einer Ecke von van der Vaart der Lette Rudnevs per Kopf auf Heiko Westermann auflegte (45.), schien der HSV wieder im Spiel zu sein. Aber nur Sekunden später zückte Schiedsrichter Wolfgang Stark nach einem Foul Petr Jiraceks an Bamba Anderson Rot. Eine zu harte Entscheidung.

Bei nur noch zwei zentralen Mittelfeldspielern musste van der Vaart nach dem Wiederanpfiff eine defensivere Position einnehmen, kurbelte weiter das Spiel an - auch nach dem 1:3 durch Stefan Aigner (52.), das erneut die Anfälligkeit des HSV in der Defensive zeigte. Wer geglaubt hatte, dass die Partie nun entschieden war, sah sich getäuscht. Erst konnte Son auf 2:3 verkürzen (63.), dann hatte der eingewechselte Dennis Diekmeier den Ausgleich auf dem Fuß, vergab aber kläglich (73.). So brachte sich der HSV um den Lohn der Bemühungen. "Das war ein sehr turbulentes Spiel mit vielen Toren und einer Roten Karte, die keine war", sagte Trainer Thorsten Fink, "die Anfangsphase haben wir komplett verschlafen. Danach haben wir ein gutes Spiel gezeigt. Auf der spielerischen Leistung und unserer Moral können wir aufbauen."

Netzer fordert mehr Geduld

Nach dem Spiel wurde van der Vaart dennoch mit Lob überschüttet. "Man merkte, dass er sofort voll da ist und durchaus die Regie übernimmt, wo auch immer er kann, dass er gute Pässe vorne spielt und dass er das Spiel beschleunigt. Dass im ersten Spiel noch nicht alles klappt, das ist selbstverständlich", lobte Franz Beckenbauer bei "Sky90". "Er hat nicht nur offensiv, sondern auch defensiv sehr viel gearbeitet", ergänzte Fink, "das zeigt, dass er total fit ist." Und auch Torwart Adler freute sich über den Qualitätsschub: "Jetzt haben wir jemanden, der die schnellen Spitzen bedient." Sogar der Gelobte selbst versuchte am Ende, nette Dinge von sich zu geben: "Man muss auch die positiven Sachen sehen. Wie wir nach dem zweiten Gegentor gespielt haben, war gut."

Der ehemalige Hamburger Manager Günter Netzer dagegen warb um etwas Geduld. "Van der Vaart kommt nicht daher, und man drückt auf einen Knopf, und alles wird besser und großartiger. Das kann man nicht von ihm erwarten, und da tut man ihm keinen Gefallen mit. Er wird die Qualität der Mannschaft selbstverständlich steigern, es wird sich verbessern. Aber um ihn herum, die Spieler müssen andere Dinge an den Tag legen, die müssen mehr Charakter zeigen, sie müssen mehr Kerle sein. Das zusammen ergibt ein positives Ganzes."

Was angesichts der sportlichen Krise nur eine Randnotiz war: Gestern berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", dass vom HSV die acht Millionen Euro, die Investor Klaus-Michael Kühne dem Klub für den Kauf van der Vaarts zur Verfügung stellte, erst ab 2016 zurückgezahlt werden müssen. Bis dahin würden sie mit fünf Prozent verzinst.

"Geh deinen Weg" stand auf Raffael van der Vaarts Trikot. Mit diesem Slogan warb die ganze Bundesliga für mehr Toleranz und Respekt in Deutschland. Der für den HSV vorgesehene Weg wird ganz offensichtlich in dieser Saison kein leichter sein. Nach der Partie gegen Meister Dortmund müssen die Hamburger nach Mönchengladbach. "Warum sollen wir nicht schon gegen Dortmund überraschen?", machte sich Trainer Fink trotzig Mut. Auch wenn sein neues Trio van der Vaart, Badelj und Jiracek, das für den Umschwung sorgen sollte, gleich wieder gesprengt ist.