Fußball

Husztis Platzverweis bringt auch den DFB ins Grübeln

Schiedsrichter-Lehrwart hält doppelte Bestrafung beim Torjubel für unangemessen. 96-Boss Kind fordert Regeländerung

Nach dem Platzverweis für den ausgelassenen Jubel des Hannoveraners Szabolcs Huszti am Sonnabend im Nordderby gegen Werder Bremen (3:2) hat auch der Schiedsrichter-Lehrwart des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Lutz Wagner, Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Regel angemeldet. "Ich empfinde die Bestrafung als unangemessen. Das steht in keinem Verhältnis zu einem Tritt oder einem anderen Foulspiel", sagte der 49-Jährige. Gleichzeitig betonte Wagner aber, dass Referee Deniz Aytekin bei der Entscheidung "keinen Handlungsspielraum" gehabt habe.

"Das sind Regeln der Fifa. Uns Schiedsrichtern sind da die Hände gebunden. Wir sind nur diejenigen, die das Regelwerk umzusetzen haben", sagte Wagner: "Die Aktionen können nicht in Tateinheit behandelt werden. Szabolcs Huszti zieht sich das Trikot aus - dafür erhält er Gelb. Dann erklettert er den Zaun - dafür erhält er ebenfalls Gelb. Da ist nichts zu beanstanden." Aytekin selbst hatte nach der Partie erklärt, dass ihm die Gelb-Rote Karte nach Husztis Siegtreffer in der Nachspielzeit "leid getan" habe. In den DFB-Statuten ist der entsprechende Passus unter Regel 12 zu finden. "Zwar ist es einem Spieler erlaubt, seiner Freude nach einem Treffer Ausdruck zu verleihen, doch darf der Torjubel nicht übertrieben werden", heißt es dort. Ein Spieler werde verwarnt, "wenn er an einem Zaun hochklettert, um einen Treffer zu feiern" oder "wenn er sein Hemd auszieht oder es über seinen Kopf stülpt".

Eingabe an Regelhüter notwendig

Von einer baldigen Änderung der Regel geht Wagner jedoch nicht aus. Zumal dies allein in den Händen des International Football Association Board (IFAB) liegt. In einem anderen Fall ist der DFB bereits vor rund einem Jahr mit einer Eingabe an das Gremium herangetreten. "Wenn ein Spieler eine klare Torchance vereitelt und dadurch einen Strafstoß verursacht, ist zu überprüfen, ob der Spieler auch noch die Rote Karte erhalten muss. Seine Mannschaft wird dann doppelt bestraft, und die Torchance ist durch den Strafstoß ja wieder hergestellt", sagte Wagner.

Die Eingabe liegt einer Arbeitsgruppe des IFAB vor, eine Entscheidung steht aber noch aus. Zuletzt war Nationalkeeper Ron-Robert Zieler von dieser Regel betroffen. Im Testspiel gegen Argentinien vor gut vier Wochen in Frankfurt am Main hatte er den heranstürmenden Jose Sosa im Strafraum gefoult und war von Schiedsrichter Jonas Eriksson (Schweden) per Roter Karte des Feldes verwiesen worden. Den Elfmeter verwandelte Lionel Messi dann zwar nicht, in Überzahl gewannen die Südamerikaner aber am Ende mit 3:1.

Ob der DFB nun auch für Fälle wie den Jubel Husztis eine Eingabe zur Überprüfung der Regel in die Wege leiten wird, ließ Wagner offen. "Das wäre jetzt spekulativ. Vielleicht treten ja die Vereine an uns heran und fragen, ob man da etwas machen kann. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Szene keinen spielentscheidenden Charakter hatte", sagte der ehemalige Spitzen-Schiedsrichter. Aufgrund der Sperre fehlt Huszti Hannover 96 im Punktspiel am kommenden Sonntag bei 1899 Hoffenheim.

Dazu hat Hannover-Präsident Martin Kind eine wesentlich dezidiertere Meinung: "Dass der Schiedsrichter die Regel so ausgelegt hat, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Ob er in diesem Fall großzügiger hätte sein können - ich weiß es nicht. Aber grundsätzlich muss darüber diskutiert werden, ob so etwas Sinn macht." Jubler wie Huszti würden doch niemanden schädigen oder gefährden, sagte Kind der Berliner Morgenpost: "Das zu reglementieren, halte ich für fragwürdig. Ich meine, diese Regel sollte modifiziert und verändert werden."

Verein verzichtet auf Geldstrafe

Für Platzverweise, die ein Spieler provoziert und damit selbst zu verantworten hat, verhängen Bundesligaklubs üblicherweise Geldstrafen. Im Fall von Huszti aber, das haben die Entscheider in Hannover bereits verraten, wird es keine Sanktionen geben. Für ihn ist es Strafe genug, im kommenden Spiel in Hoffenheim zuschauen zu müssen. Vielleicht hilft aber ein wenig Nachhilfe in Sachen Auslegung deutscher Regeln. Huszti gab zu, dass es ihm nach dreijähriger Bundesligaabstinenz nicht bewusst war, dass er in einer Situation gleich zweimal mit Gelber Karte bestraft werden kann - und das ausgerechnet beim Torjubel: "Das Ganze war ein bisschen doof von mir. Aber ich wusste das nicht." Und dann lächelte er doch, das erste Mal nach dem Abpfiff: "Ich habe immerhin ein neues Wort gelernt: Zaun."