Eisbären

Gebt den Kindern das Kommando

Die alten Helden sind weg, Eigengewächse wie Busch und Rankel rücken nach und etablieren einen anderen Führungsstil

- Da sind einige Dinge, die sich verändert haben, wenn die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) am Freitagabend in die neue Saison startet. In Düsseldorf ist der Werbepartner aus dem Namen verschwunden, damit auch das Geld. Aus dem Spitzenteam wird wohl nun ein Kellerkind, zumindest muss man das befürchten. Wenigstens kehrt ein bisschen Tradition zurück, der Klub heißt wie zu seinen besten Zeiten wieder Düsseldorfer EG.

Dem rheinischen Rivalen geht es nach schlechten Jahren dafür besser. "Wir können uns wieder den einen oder anderen Spieler leisten", sagt Geschäftsführer Thomas Eichin. Leisten kann sich auch Nürnberg wieder viel, gemeinsam mit den Haien gehören die Ice Tigers zu den Geheimfavoriten hinter den üblichen Verdächtigen aus Mannheim, aus Ingolstadt - und den Eisbären. Es riecht nach noch härterer Konkurrenz für den Titelverteidiger aus Berlin. Aber das beschäftigt dort niemanden, zumindest jetzt nicht. Genauso wenig wie der Umzug der Liga nach 18 Jahren Bezahlfernsehen zum frei empfangbaren Servus TV, mit dem der Sport wieder mehr ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit rücken soll.

Was geht denn einem Spieler durch den Kopf, der sechs Mal mit dem EHC Meister war und nun an die neue Saison denkt? "Mich beschäftigt, dass ein Stefan Ustorf, ein Denis Pederson und auch ein Sven Felski fehlen", sagt Stürmer Florian Busch. Ustorf (38) und Pederson (37) können wegen Verletzungen ihre Karrieren nicht mehr fortsetzen, bei Felski (37) macht das Knie Probleme - Rückkehr ungewiss. Damit gehen die Eisbären erstmals komplett ohne Gesichter einer den Klub und die Mannschaft prägenden Generation an den Start. Darüber darf sich ein Spieler wie Busch, der die anderen über Jahre erlebt hat, der viel von ihnen mitbekommen hat, schon mal seine Gedanken machen.

Busch gehört zu der nächsten prägenden Generation, derjenigen, die im Klub groß geworden ist, unter der Anleitung der Älteren zu herausragenden Spielern reifte und nun das Zepter endgültig übernehmen muss. Das ist kein Schock, es kommt nicht unerwartet. Mit den Jahren hörten etwa Mark Beaufait und Steve Walker auf, das verlangte immer mehr von Busch, von André Rankel, von Jens Baxmann und von Frank Hördler. "Vorangehen, das habe ich schon vorher gemacht", sagt Rankel. Mit 27 Jahren, alle vier sind gleich alt, ist er nun Kapitän, Hördler sein Stellvertreter. "Hier hat sich etwas entwickelt", sagt Manager Peter John Lee mit nicht zu überhörendem Stolz.

Früher, da waren die Protagonisten in deutschen Eishockeyteams fast immer Ausländer. Bei den Eisbären sind es nun fast ausschließlich Deutsche. "Das ist ein großes Verdienst des Managers", sagt Busch. Aber die Importspieler waren wichtig, um sich fähige deutsche Akteure heranzuziehen. "Sie waren wichtig für das Team", so Busch. Genauso wie Ustorf und Felski. Dabei ging es nie nur darum, von ihnen nur auf dem Eis zu lernen, ebenso prägend war ihr Verhalten in der Kabine.

Keine Leutnants mehr

Sie waren echte Typen, diese Pedersons, diese Ustorfs. Der Respekt, den sie bei den jüngeren Spielern genießen, bricht oft durch bei Busch. "Sie waren unglaubliche Führungspersönlichkeiten, fast wie ein Leutnant bei der Armee. Sie haben das tagein, tagaus gelebt", erzählt er. Das Anführen der Mannschaft unterlag mit ihnen einem kleinen Kreis, der bestimmte, wo es lang geht. Jetzt, wo sie weg sind, ist nicht nur die Hierarchie eine andere, sondern auch die Form: Die nächste Generation bringt einen neuen Führungsstil mit.

Das hat nichts damit zu tun, dass der alte ihnen nicht passt, dass es etwas daran auszusetzen gebe. "Ich bin gar nicht der Typ dazu", sagt Busch. Auch Baxmann, Hördler oder Rankel sind nicht diese extremen Charismatiker, die in solchen exponierten Stellungen zu erwarten wären. "André hat noch am meisten von diesem Führungscharakter, deshalb verdient er es, Kapitän zu sein. Ich freue mich total für ihn", sagt Florian Busch. Eine ausführliche Beschreibung dessen, was ihn auszeichnet, fällt Rankel selbst gar nicht ein. "Ich gehe auf das Eis und probiere, 100 Prozent zu geben, im Spiel und im Training. Ich will Vorbild sein. Das hört sich nach nichts Besonderem an", so der Stürmer. Aber es sind wichtige Details, die etwas über seine Einstellung sagen.

Die persönlichen Defizite an Führungskraft kompensieren die vier durch Gemeinschaftsgeist. "Wir übernehmen die Aufgaben zusammen. Bei uns gibt es keinen, der vorprescht oder sich vordrängelt", erzählt Busch. Vielmehr sei die Mannschaft nun wie eine "Kommune, eine große WG, in der sich jeder hilft, in der jeder für jeden da ist". Es gibt viele Stützen, nicht nur sportlich, sondern auch bei der Führung der Mannschaft.

Bislang funktionierte das sehr gut. In der European Trophy sind die Berliner auf Viertelfinalkurs. Ustorf und Pederson verpassten schon große Teile der vergangenen Saison, auch das Play-off. Die Eisbären wurden dennoch zum sechsten Mal Meister und holten sich damit den alleinigen Rekord in der DEL. Sogar ohne Rankel, der zu Beginn des Halbfinales gegen Straubing wegen eines Checks gegen den Kopf- und Nackenbereich für zehn Spiele gesperrt worden ist und auch am Freitagabend, wenn es zum Auftakt wieder gegen Straubing geht (19.30 Uhr, O2 World), noch zuschauen muss.

Rankel erhielt schon drei längere Sperren wegen solcher Checks, hartes Spiel gehört bei dem großen und kräftigen Angreifer dazu. Aber nun will die Liga harte Aktionen gegen Kopf und Nacken noch schärfer ahnden. Jemand wie Rankel ist da noch mehr potenziell strafgefährdet. "Ich überlege jetzt schon mehr, ob ein Check jetzt sein muss", sagt der gebürtige Berliner. Zu viel denken dürfe er aber auch nicht, sonst leide sein Spiel. Rankel ist sich der Situation bewusst, mit seiner nun besonderen Verantwortung, kann er es sich nicht erlauben, häufig gesperrt zu sein. In der Trophy habe er sich schon ganz gut eingestellt auf die neuen Regeln.

Peter John Lee schaute letztens noch einmal auf die Zahlen, Statistiken sind sein Hobby, aber diese hier hatte es ihm besonders angetan. "Früher waren die Ausländer, die zu uns gekommen sind, älter als André und die anderen. Jetzt sind sie jünger." Dabei sind Busch, Rankel, Hördler und Baxmann selbst noch junge Spieler mit ihren 27 Jahren. Aber sie sind sehr erfahren. Deshalb hat auch Trainer Don Jackson kein Problem mit seinem Team, in dem kein Feldspieler mehr über 30 ist. "Ich glaube, die Mannschaft ist mental stark", sagt er. Von seinen gewohnten Zielen weicht er jedenfalls nicht ab. Meister will er werden, wie jedes Jahr. Nur klappt das bei den Eisbären immer nur in einem besonderen Rhythmus. Demnach wären sie diesmal nicht dran.