Volleyball

Geflohen, um zu helfen

Profibox-Weltmeister Yoan Pablo Hernandez hat in Berlin sein Glück gefunden. Am Sonnabend verteidigt er seinen Titel

- Es war ein ganz bitterer Tag im Leben des Volleyball-Enthusiasten Yoan Pablo Hernandez. Er sollte, trotz guter, aber eben nicht überragender Leistungen am Netz, die sportbetonte Schule in Pinar del Rio verlassen. Noch über 15 Jahre später ist dem Gesicht des gebürtigen Kubaners anzusehen, wie sehr es ihn geschmerzt hat "aussortiert zu werden".

Dass ihm der Rauswurf die Tür zu einer erfolgreichen Karriere als Boxer öffnete, dass er auf dem Weg zum späteren Weltmeistertitel die schwerste Entscheidung seines Lebens - die Flucht aus der Heimat Kuba - treffen musste, und dass er heute wohl der Boxprofi in Deutschland mit der vielversprechendsten Zukunft ist, zaubert ein stilles Lächeln in das stets freundliche Gesicht des 27-Jährigen.

Sein Vater und ein Onkel hatten ihn zur Bewältigung des Frusts zum Boxen animiert. "Erst hatte ich keine Lust, wollte ihnen aber den Gefallen tun." Hernandez schüttelt den Kopf. "Manchmal glaube ich es immer noch nicht", setzt der Modellathlet, der am Sonnabend seinen WM-Gürtel im Cruisergewicht nach Version der International Boxing Federation (IBF) in Bamberg gegen den Kanadier Troy Ross (ab 23 Uhr live in der ARD) verteidigt, neu an. "Aber es ist einfach schön." So war es nicht immer. Pinar del Rio, rund 150 Kilometer westlich der Hauptstadt Havanna, rund 200.000 Einwohner, bot dem kleinen Pablo nicht wirklich viel. Aber Kinder vermissen nichts, wenn sie sich in ihrer Umgebung wohl fühlen. "Unser Leben war damals schön und nicht schön zugleich", erzählt Hernandez und wie zur Unterstützung knetet er seine beeindruckend großen Hände. "Wir hatten ein Haus, aber das war in keinem guten Zustand, es hatte Löcher, war krumm und schief, aber es war unser Haus. Meine Eltern lebten sehr sparsam."

Die materiellen Unzulänglichkeiten nahmen zu, der sportliche Erfolg im Ring auch. Hernandez gewann in seiner jeweiligen Altersklasse regionale und überregionale Titel. "Ich war schon immer größer als meine Konkurrenten, aber lange eher ein schmaler Boy. Da haben mich einige unterschätzt und ich habe sie weggehauen", grinst der 1,93 Meter große Modellathlet. Bei den U 17-Weltmeisterschaften 2001 gab es Silber. Ein Jahr später bei den Junioren - auf Kuba - Gold.

"Ich hatte schon losen Kontakt zu den kubanischen Superstars wie Teofilo Stevenson oder Felix Savon", erinnert sich Hernandez. Deren spezielle Heimatliebe, ihren Verzicht auf eine Profikarriere, konnte er nicht nachvollziehen. "Aber ich kenne ihre wirklichen Gründe nicht gut genug. Ich weiß aber, dass viele von uns so gut sein wollten wie Savon. Aber nach seiner Karriere stand er auch mit ziemlich leeren Händen da."

Hernandez wollte mehr. Und als Stammkraft der kubanischen Auswahl bot sich im April 2005 die Chance zur Flucht - beim Chemiepokal-Turnier in Halle. "Ich habe erst im Finale verloren. Danach habe ich geduscht, mich umgezogen und bin verschwunden. Ich hatte mit niemanden darüber gesprochen. Nicht mal mit meiner Mutter. Ich wusste nur: Ich wollte Geld verdienen, selbst wenn ich eine Weile unter einer Brücke leben muss. Ich wollte meiner Familie helfen. Und Freunde in Halle haben mir geholfen".

Hernandez erzählt das fast ein bisschen unbeteiligt. Das Thema ist nach wie vor sensibel für ihn. Einzelheiten behält er für sich. Nur soviel zu den Konsequenzen: "Viele Boxer sind geflohen, aber keiner durfte bisher zurückkommen." Wie schlimm Heimweh sein kann, ahnte er nicht. Wenn es ihn heute überkommt, tröstet hin und wieder eine Havanna-Zigarre. Mehr vor sich hinqualmend, als wirklich geraucht: "Manchmal vermisse ich dieses Lebensgefühl, was du in der Karibik hast. Ich kann das nicht beschreiben, es ist einfach da. Aber dann sage ich mir immer, wie gut es mir in Deutschland geht."

Zwei Kinder, drei Sprachen

Sportlich Weltmeister, privat Familienvater. Hernandez lebt mit seiner afrikanischen Frau Shally und den Kindern Yoan Junior (4) und Rebeca (1) in Berlin. Gesprochen wird Spanisch, Englisch und Deutsch. "Das ist gut für die Kinder - und für Shally und mich auch", lacht der Champion, der sich selbst als "ein bisschen strenger Papa" beschreibt.

Hernandez ist momentan der am höchsten gehandelte Schützling des "ziemlich strengen" Trainers Ulli Wegner. Seit er beim Sauerland-Team in Berlin einen Profivertrag unterschrieben hat, steht er unter Aufsicht des Routiniers, dem Sven Ottke einst den Beinamen "Diktator" gegeben hatte. Und genau wie seine Weltmeister-Kollegen Marco Huck, Arthur Abraham und Cecilia Braekhus, beschreibt er das Geheimnis des 70-Jährigen knapp: "Er sagt immer das Richtige."

Seiner Mutter Carmen, die er 2011 erstmals seit seiner Flucht bei einem Besuch in Berlin wieder in die Arme schließen konnte, hat ein neues Haus gekauft. Und durch die eigene kleine Familie ist das Heimweh nicht mehr so schlimm. Den Traum einer Rückkehr nach Kuba hat Hernandez aber nicht aufgegeben. Andere Träume leistet er sich nicht: "Ich habe gelernt, immer nur bis zur nächsten Aufgabe zu schauen und die zu erledigen." Die nächste Aufgabe heißt Troy Ross.