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Holen die Eisbären den Meistermacher aus Amerika?

Der NHL droht Stillstand. Starspieler könnte das nach Berlin locken wie einst Erik Cole

- Es hört sich gut an, einige der ganz großen Stars könnten bald wieder vorbeischauen und mitspielen in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). So wie vor acht Jahren, als ein Olaf Kölzig für den EHC Eisbären im Tor stand. Oder ein Marco Sturm für den ERC Ingolstadt auflief, oder ein Doug Weight sich bei den Frankfurt Lions engagierte. Damals setzte die nordamerikanische Profiliga NHL ihren Spielbetrieb für eine ganze Saison aus, so dass die Spieler aus der besten Liga der Welt ihr Können anderswo zeigten.

Sonnabend läuft der Vertrag aus

Am Sonnabend läuft nun die aktuelle Vereinbarung zwischen der NHL und der Spielergewerkschaft NHLPA aus. Der Termin ist lange bekannt, aber trotz mehrerer Verhandlungsrunden konnten sich beide Parteien bislang nicht auf einen neuen Vertrag einigen. "Von außen betrachtet sieht es so aus, als wären sie weit auseinander. Es scheint wieder einen Lockout zu geben", sagt Peter John Lee, Manager der Eisbären. Sollte bis Sonnabend kein Anschlusskontrakt ausgehandelt werden können, dann werden die Klubbesitzer die Spieler tatsächlich aussperren, das haben sie bereits angekündigt.

Lee könnte also die Daumen drücken und jubeln, schließlich verheißt die Situation, dass bald Stars im Überfluss zu haben sind. Der Manager des Deutschen Meisters holt sein Telefon heraus, zeigt ein paar Emails. Bei ihm laufen schon Listen ein, auf denen Spielerberater mitteilen, wen sie so im Angebot haben. "Greif zu!", suggerieren diese Listen. Stanley-Cup-Sieger Vincent Lecavalier gefällig? Bitte schön. Lieber einen Mann für die Abwehr, wie wäre es mit Stanley-Cup-Sieger Kris Letang? Die Auswahl ist groß. Selbst die beiden Superstars, der Russe Alexander Owetschkin und der Kanadier Sidney Crosby, haben ihre Absicht, einen Lockout in Europa zu überbrücken, bereits kundgetan. "Es sieht momentan nicht gut aus", so Crosbys Einschätzung zu den Chancen, mit einer schnellen Einigung den Ausschluss zu verhindern.

Wie im großen Sport üblich, geht es um viel Geld. Vergangene Saison erst hatte die Basketball-Liga NBA aus diesem Grund ein paar Monate ausgesetzt und nur eine verkürzte Saison gespielt. Gleiches droht nun der NHL, wo derzeit 57 Prozent der Einnahmen an die Spieler ausgeschüttet werden. Alles in allem wollen die Klubbesitzer das auf ein Niveau von 50:50 angleichen und die Gehaltsobergrenze pro Team, die ursprünglich für die kommende Spielzeit bei 70,2 Millionen Dollar angesetzt war, auf 58 Millionen herunterfahren und sie dann in den nächsten drei Jahren auf 62 Millionen steigen zu lassen. Für die Spielergewerkschaft sind das kaum akzeptable Zahlen, dort stellt man sich eine Obergrenze von 69 Millionen Dollar in der nächsten Saison vor, die dann in drei Jahren auf 75 Millionen wächst.

Stars, Glanz, Glamour - all das scheint nah. "Das ist die schöne Seite davon", sagt Lee. Für den Augenblick stünde dies der Liga gut, sie würde viel Aufmerksamkeit erhalten. "Bislang habe ich mir aber noch keinen Kopf gemacht, ob ich jemanden holen soll", erzählt Lee. Seine Gedanken gehen viel mehr in eine andere Richtung: "Es gibt auch eine schwierige Seite." Dabei spielt Geld noch nicht einmal die wichtigste Rolle, obwohl überdurchschnittliche NHL-Profis mit langfristigen Verträgen allein wegen der hohen Versicherungssummen schwer zu finanzieren wären. Lee, der zum Stanley-Cup-Sieger Los Angeles einen kurzen Draht hat, da die Kings wie die Eisbären der Anschutz Entertainment Group gehören, geht es um Dinge, die zunächst nicht so nahe liegen.

Gleich mehrere solcher Spieler zu holen, kann Nachwirkungen haben. "Es gibt so viele Faktoren, keiner weiß etwa, wie lange ein Lockout gehen würde", erzählt Lee. Stars für drei Monate zu verpflichten, könnte mehr schaden als nutzen, weil das Mannschaftsgefüge vielleicht nicht mehr stimmt, wenn sie plötzlich fehlen. Diejenigen, die verzichtet haben, könnten dann besser dastehen, weil die Mannschaft beisammen bleibt und eingespielt ist. Außerdem sind die Kader weitgehend gefüllt, was hieße, dass viele Spieler kaum noch Eiszeit kriegen würden, kämen nun die Stars. "Das kann die Entwicklung junger Spieler beeinträchtigen."

Nicht nur kurzfristig denken

Gerade das will er nicht, das hieße, gegen die eigenen Prinzipien zu verstoßen. Denn kein anderer Klub profitiert so sehr davon wie die Eisbären, sich viele Spieler des aktuellen Kaders selbst herangezogen zu haben. "Unsere Mannschaft ist ein langfristiges Projekt, das schmeiße ich nicht für etwas Kurzfristiges weg", sagt der Manager. Er denkt nicht allein so. Zwar gibt es in der DEL noch keine Restriktionen, in Schweden aber sollen nur zwei Lockout-Spieler pro Team erlaubt sein. Auch die pan-russische KHL, in der Geld im Überfluss vorhanden ist, würde den Zufluss stark reglementieren. Nur drei NHL-Profis wären pro Mannschaft erlaubt, die russischen Klubs dürften zudem nur einen Ausländer dabei auswählen. Für Nicht-Russen gelten besonders strenge Anforderungen, sie müssen etwa im Stanley-Cup-Finale gestanden haben, Nationalspieler mit WM-Einsatz sein, Russland-Erfahrung oder 150 NHL-Spiele in den vergangenen drei Jahren absolviert haben. Eines dieser Kriterien muss erfüllt werden.

Andererseits sind die Erinnerungen an den letzten Lockout natürlich auch schön. Neben Kölzig spielte der unbekannte Nathan Dempsey bei den Eisbären - und Erik Cole. Er wurde zum Publikumsliebling, schoss im Play-off wichtige Tore und hatte großen Anteil am ersten DEL-Titel der Berliner. "Ich habe viel von ihm gelernt", sagt Stürmer Florian Busch. Cole, der später mit Carolina den Stanley Cup gewann, spielt inzwischen in Montreal und schoss dort vergangene Saison so viele Tore (35) wie nie zuvor in seiner Karriere. Aber mit 33 Jahren scheint er Lee fast zu alt zu sein, er würde lieber so einen Cole wie damals holen. Und außerdem: Wenn schon Bedarf besteht bei den Eisbären, dann doch an einem rechts schießenden Verteidiger für das Überzahlspiel. Vielleicht geht ja doch was beim Lockout.