Fußball

Löws Team kann noch kein Borussisch

Bundestrainer hält aber an Schmelzer und Co. fest

- Kurz nach Mitternacht hielt in Wien ein Taxi vor einem der vielen Hotels am Rennweg, und zwei deutsche Fans stiegen aus. Sie kamen offenbar aus dem Ernst-Happel-Stadion, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Dienstagabend im zweiten Spiel der Qualifikation zur WM 2014 gerade gegen Österreich gespielt hatte. "Ein Spiel dauert 90 Minuten - und am Ende gewinnen immer die Deutschen", sagte einer der beiden Männer und lachte laut auf.

Wen wundert's. Wieder einmal hatten die Österreicher aufopferungsvoll gegen Deutschland gespielt, um nach dem Duell mit dem cleveren Nachbarn wieder einmal als Verlierer vom Feld zu gehen. Diesmal hatten sie 1:2 (0:1) verloren. "In einem Spiel mit harten Bandagen musst du deine Chancen halt nutzen", erklärte Bundestrainer Joachim Löw. Er lächelte am Ende seiner Analyse am späten Dienstagabend sogar ein wenig, nachdem er zuvor einige Schwachpunkte im Spiel seiner Stars angesprochen hatte. "Wichtig ist, dass wir gewonnen und sechs Punkte auf dem Konto haben. Das ist erfreulich", sagte Löw.

Schmelzer ist überfordert

Dieser Fakt und vielleicht auch noch die Effektivität, die in Wien zu Toren von Marco Reus (45.) und Mesut Özil (52.) sowie zum 2:1 geführt hatte, bleiben positiv festzuhalten. Mit den zwei Erfolgen gegen die Färöer und Österreich hat die deutsche Elf in der Gruppe C das maximal Mögliche erreicht und ein Zeichen gesetzt. Allerdings war in beiden Partien nicht zu übersehen, dass es in dieser Mannschaft längst nicht mehr so stimmt wie noch vor wenigen Monaten. Vor den anstehenden Spielen in Dublin gegen Irland (12.10.) und in Berlin gegen Schweden (16.10.) weiß Löw, "dass wir uns klar steigern müssen".

Löw steht rund zweieinhalb Monate nach dem Aus im EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) viel Arbeit bevor. Die Mängelliste auf dem Weg zur WM ist lang. Vor allem die Besetzung des zweiten Außenverteidigers neben Kapitän Philipp Lahm bereitet die größten Sorgen. Mal abgesehen von den anderen Themen, wie etwa Nachwuchsmangel auf der Position des Mittelstürmers, schwache Ausbeute bei Standards sowie teils katastrophale Verwertung von Torchancen. Der gegen Österreich eingesetzte Marcel Schmelzer war auf der linken Seite nicht nur vor dem Gegentor von Zlatko Junuzovic (57.) überfordert und konnte sich nicht empfehlen. Da es auf der linken Seite in Deutschland aber derzeit keine Alternative gibt, werde Löw "weiter mit Marcel Schmelzer arbeiten und hoffen, dass er sich auf diesem internationalen Niveau weiterentwickelt". Allerdings sagte Löw nicht nur an die Adresse von Schmelzer: "Durchschnittlich zu spielen, das genügt nicht, weil wir den Anspruch haben, international top zu sein."

Fehlendes Miteinander

Davon ist die deutsche Mannschaft derzeit aber noch entfernt. Trotz des Erfolgs wirkte sie in Wien nicht mehr so überzeugend wie etwa zu Beginn der EM. Da war die Mannschaft auf den Platz gegangen und hatte allein schon durch die Körpersprache gezeigt, wie sehr sie gewillt ist, das Spiel für sich zu entscheiden. Es hat den Anschein, als habe es nach dem Aus gegen Italien einen Knacks gegeben. Als sei die Mannschaft in einer Phase, in der sie erst wieder zu alter Stärke zurückfinden muss. Der Glanz ist weg.

Das bisschen Demut, im Vorfeld vom starken Gegner zu sprechen und ihm den nötigen Respekt zu zollen, hat dem deutschen Team zwar gut gestanden. Doch es machte stutzig. Wo ist das Selbstbewusstsein geblieben, das Selbstverständnis, einem Gegner sein Spiel aufzuzwingen und nicht auf ihn reagieren zu müssen?

Und auch das Miteinander der Spieler aus München und Dortmund klappt offenbar doch noch nicht so gut, wie sie es bisher vielleicht angenommen hatten. Vielleicht zeigt sich derzeit aber auch, dass es über kurz oder lang sogar ein Problem werden könnte. Prallen doch Spieler von zwei Mannschaften aufeinander, die ganz unterschiedliche Spielphilosophien haben. Allen voran die Dortmunder, deren Spiel darauf ausgelegt ist, den Gegner mit viel Laufbereitschaft, hohem Tempo und schnellem Passspiel zu beherrschen. Von aggressiverem Pressing, wie es die Dortmunder pflegen, hatte Bundestrainer Löw in den Tagen vor dem Österreich-Spiel gesprochen. Umso erstaunlicher war es dann in Wien, dass der Gegner den Deutschen darin eine Lehrstunde erteilte.