Andy Murray

Nie mehr Popeye ohne Spinat

Vom verspotteten Verlierer zum Helden der US Open: Andy Murray gewinnt als erster Brite seit 1936 einen Grand Slam

- Auf den Straßen von London feierten sie am 10. September in einer prachtvollen Parade ihre Olympia-Helden. Und gerade als sie sich auf der Insel fragten, wen und was sie jetzt noch bejubeln könnten in diesem großen britischen Sport-Sommer, lieferte ihnen Andy Murray im fernen New York die Antwort. Exakt um 21.06 Uhr Ortszeit sank der Olympiasieger in die Knie. Überwältigt vom ersten Grand-Slam-Erfolg eines Mannes aus dem Vereinigten Königreich seit Fred Perrys Triumph 1936 im Big Apple.

"Es ist einfach unglaublich. Ich habe keine Worte. Ich bin fassungslos", sagte der 25-jährige Schotte nach seinem 7:6 (12:10), 7:5, 2:6, 3:6, 6:2-Sieg gegen Titelverteidiger Novak Djokovic, "am liebsten würde ich diesen Moment für alle Ewigkeit festhalten." Es war das letzte Hurra in diesen berauschenden Wochen für Britannien - und das glückliche Ende einer langen, zähen und bewegten Aufstiegsgeschichte von Murray erst in die Weltspitze und nun auch in den exklusiven Zirkel der Grand-Slam-Champions.

Djokovic gratuliert zum Finalsieg

"Wer in dieser Ära des Tennis einen solchen Pokal gewinnt, wer sich gegen Leute wie Nadal, Federer und Djokovic behaupten kann, der ist selbst ein würdiger Champion", sagte John McEnroe, einst der führende Mann der Branche. Murray widerlegte in 4:54 Minuten im Arthur- Ashe-Stadion all jene, die ihn hartnäckig als "geborenen Verlierer" (Daily Star), als "Leichtmatrose Popeye ohne Spinat" (The Sun) oder als "ewigen Zweiten" (Daily Mirror) abgekanzelt hatten.

"Du hast es wirklich verdient", raunte ihm der geschlagene Djokovic zu. Sein Urteil hat Gewicht. Denn alle im Tenniszirkus wissen, unter welchem Erwartungsdruck der Mittzwanziger aus Dunblane stand in seiner Karriere, welche Hoffnungen und Sehnsüchte sich schon früh mit ihm und seinem außerordentlichen Talent verbanden. Keiner im Wanderzirkus habe einen "schwereren Job" als Murray gehabt, befand erst jüngst bei den Olympischen Spielen der Schweizer Roger Federer. Dort hatte Murray seinen ersten großen Erfolg gefeiert, gegen Federer, es war aber zugleich ein Paradox mit dem Motto: Murray gewinnt in Wimbledon, aber er gewinnt nicht Wimbledon.

Doch der leidenschaftlich erkämpfte Sieg in New York, bei seinem Lieblingsturnier unter den vier Majors, war in gewisser Weise ein Vermächtnis dieser Olympiatage. Auch in Murrays Selbstwahrnehmung: "Der Sieg daheim hat mir das Gefühl gegeben, dass ich große Matches gewinnen und den Weg bei einem Turnier zu Ende gehen kann." Olympia war so die vorletzte Stufe in seiner Entwicklung. Einer Entwicklung während der ihm Ausnahmespieler wie Federer, Nadal und Djokovic die Grand-Slam-Pokale weggeschnappt hatten. Von Januar 2005 (Australian Open) bis zu Murrays Triumph gab es überhaupt nur einen, der in diese Phalanx mit einem einzigen Sieg hereinbrach - der Argentinier Juan Martin del Potro vor drei Jahren - ebenfalls in New York.

Oft wurde die Führungsgruppe an der Spitze die "Fab Four" genannt, die Fabelhaften Vier, doch solange Murray keinen Grand-Slam-Erfolg vorweisen konnte, blieb ein Restzweifel. Ein Hauch des Misstrauens, ob der Schotte wirklich in einem Atemzug mit den anderen Supermännern genannt werden könne.

Doch nun ist er ein für allemal drin in dieser Liga der außergewöhnlichen Tennis-Gentlemen. Mit einer Erfolgsdramaturgie, die frappierend der seines Trainers Ivan Lendl gleicht. Auch der stoische Tscheche, der später in die USA emigrierte, verlor seine ersten vier Grand-Slam-Endspiele. Als Murray ihm noch auf dem Centre-Court für die Allianz der letzten Monate dankte, schlich sich tatsächlich so etwas wie ein leichtes Grinsen ins Gesicht des bärbeißigen Trainerstars. "War das da gerade ein Lächeln", stieß Murray zum Gelächter der Masse ins Mikrofon.

Zu Jahresbeginn hatte Murray die Tenniswelt mit der Verpflichtung Lendls gebührend überrascht und natürlich wieder Skeptiker auf den Plan gerufen, die von der Liaison des neuen Duos nicht viel hielten. Doch Murray hatte klare Vorstellungen umgesetzt: "Ich wollte nur einen Trainer engagieren, der mich wirklich weiterbringt. Und das ist Ivan."

Kämpfer mit Mut und Moral

Acht Monate und neun Tage später war es nicht ein rundum erneuerter, komplett verwandelter Murray, dem erstmals das Rampenlicht ganz allein gehörte - und der vielleicht sogar Anspruch auf den Titel des "Spielers des Jahres" erheben konnte. Es war aber ein Murray, der psychisch stabiler und gefestigter wirkte, der seine Energie nicht in heil- und zahllosen Wutausbrüchen vergeudete, der aggressiver und forscher wirkte in den großen Matches und bei den wichtigen Ballwechseln. Die ersten Grand-Slam-Finals hatte er verloren, weil er zauderte, zögerte und "zahnlos wirkte, wenn es hart auf hart ging", wie Beobachter Boris Becker zu Recht feststellte. Doch nun, im Jahr 2012, erlebten seine Rivalen und seine skeptischen Landsleute einen zupackenden Fighter mit Mumm und Moral, so wie auch im US-Open-Endspiel, in dem er die Aufholjagd Djokovics doch noch erfolgreich abwehrte. "Ich bin mit der Größe der Herausforderungen gewachsen. Einfach, weil ich mir mehr zutraute", sagte Murray am Abend seines größten Sieges. So wie sein Trainer. Lendl gewann nach seinem Durchbruchsieg 1984 bei den French Open noch sieben weitere Grand-Slam-Pokale. Murrays Perspektive ist ähnlich verheißungsvoll, nachdem er im Machtspiel an der Spitze nun neues Gewicht und Format gewonnen hat. Nachdem die Last des Hinterherjagens abgefallen ist, die Last, ein Grand-Slam-Champion sein zu wollen, aber noch keiner zu sein. "Ich bin ein glücklicher Mann. Mein Traum hat sich erfüllt", sagte Murray am Montag. Doch auch er weiß: Jetzt wartet Wimbledon darauf, von ihm zu erobert zu werden.