Nationalmannschaft

Verliebt in die Rolle des Dirigenten

Mesut Özil steht heute im WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich besonders im Blickpunkt

- Die Wiener Philharmoniker wird er nicht dirigieren müssen. Das wäre vielleicht auch ein wenig zu viel verlangt. Seine Qualitäten als Taktgeber werden dennoch gefragt sein, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute Abend im Wiener Ernst-Happel-Stadion auf Österreich trifft (20.30 Uhr, ARD). Es gilt, den zweiten Sieg in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien einzufahren. Und Mesut Özil wird dabei im Mittelpunkt stehen, sowohl bei den eigenen Fans als auch beim Gegner. "Wir werden hundert Prozent Gas geben. Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen werden", glaubt Özil fest an einen Erfolg gegen den Nachbarn.

Wer den 23-Jährigen dieser Tage im Kreis der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erlebt, sieht einen jungen Mann, der längst nicht mehr jener eher schüchterne Mittelfeldspieler ist wie noch im Februar 2009 bei seinem Debüt für das Nationalteam. Özil wirkt reifer als zuvor, was angesichts von inzwischen 40 Länderspielen (elf Tore), der WM in Südafrika, zwei Spielzeiten bei Real Madrid und diversen Erfolgen durchaus als logische Folge bezeichnet werden darf. Özil weiß aber auch, dass die Erwartungen an ihn eher steigen, auf keinen Fall aber weniger werden.

Lob von Löw

So hatte er denn auch vor dem Start in die WM-Qualifikation wissen lassen: "Mit meinen 23 Jahren bin ich noch nicht am Ende meiner Entwicklung." Es ist dieser Satz, an dem er sich messen lassen will. Und auch muss. Denn das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird, ist weiter enorm. Özil ist - neben Mario Götze - der technisch versierteste Spieler, den die Nationalelf derzeit hat. Das weiß auch Joachim Löw. "Es hat alles Hand und Fuß, was er macht. Er ist so geschickt am Ball, wie er sich um den Gegner herum windet und sofort den Blick nach vorn hat", lobte der Bundestrainer. "Er startet sofort offensive Aktionen. Das spricht für seine Klasse." Eigenschaften, die auch am vergangenen Freitag gegen die Färöer deutlich wurden, wo er nicht allein das Spiel ankurbelte, sondern zugleich als zweifacher Torschütze glänzte.

Kritiker werden nun anmerken, dass die Schafsinseln - bei allem Respekt - wahrlich nicht zur Creme de la Creme des internationalen Fußballs gehören. Und doch war es Özil, der aus dem spielerisch starken Mittelfeldquartett, komplettiert durch Marco Reus, Mario Götze und Thomas Müller, herausragte. Nicht nur wegen seiner beiden Treffer. Folglich wird Özil gegen Österreich auch wieder jene zentrale Rolle zuteil werden, die er sowieso schon seit jeher im DFB-Trikot ausfüllt. Und das im bislang erfolgreichen 4-2-3-1-System, also etwas vorsichtiger. Götze, der ohnehin nach langer Verletzungspause wieder behutsam aufgebaut werden soll, wird wohl auf die Bank müssen, für ihn rücken entweder Toni Kroos oder Lars Bender als zweiter Mann ins defensive Mittelfeld neben Sami Khedira.

Für Özil ist es die ideale Konstellation. Er braucht das Spiel vor sich. Das merkt man vor allem dann, wenn dies mal nicht der Fall ist. Wie im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Italien. Weil Toni Kroos für die Bewachung des Azzurri-Spielgestalters Andrea Pirlo abgestellt war, musste Özil immer wieder auf die Flügel ausweichen - und konnte das deutsche Spiel folglich nicht derart lenken, wie man es von ihm erhofft hat, ja sogar schon gewohnt gewesen ist. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt, Deutschland scheiterte mit 1:2 und fuhr tief enttäuscht nach Hause.

Dass es Özil gewesen ist, der in der Schlussphase die Verantwortung übernommen und mit seinem verwandelten Strafstoß gegen Italien zumindest das kleine Fünkchen Hoffnung auf das EM-Finale am Leben gehalten hatte, änderte nichts an der Kritik, die auf ihn und die Mannschaft in den Tagen und Wochen danach einprasselte. Er sei in den entscheidenden Momenten nicht in der Lage, das Team zu führen, hieß es. Und tatsächlich wirkte Özil in Polen und der Ukraine phasenweise ausgelaugt, was angesichts der Dreifachbelastung mit Meisterschaft, Pokal und Champions League bei Real Madrid durchaus nachvollziehbar ist. Dennoch blieb Özil realistisch genug um zu erkennen, dass es "für mich keine überragende EM war".

Motivation durch Modric

Die Kritik an ihm ist in Madrid jedenfalls noch nicht verstummt. Viel mehr erhielt sie durch die Verpflichtung von Luka Modric neue Nahrung. Der 26-jährige Kroate wechselte für 42 Millionen Euro vom Premier-League-Klub Tottenham Hotspur zu den Königlichen, "um Özil Beine zu machen", wie spanische Medien zu wissen glauben. Dass der Gescholtene dabei gelassen bleibt, spricht für sein gestiegenes Selbstbewusstsein. "Bei Real Madrid hast du doch immer Konkurrenz. Das ist ein Klub mit 20 oder mehr Weltklasseleuten, da musst du dich immer beweisen", sagte Özil. Selbst der Bundestrainer sieht im Modric-Transfer kein Problem für seinen Dirigenten. "Vereine mit diesen Ambitionen wie Real Madrid müssen über einen ausgeglichenen Kader verfügen. Ich mache mir keine Sorgen um Mesut. Es ist ganz normal, dass sie nicht immer spielen bei der Belastung", sagte Löw.

Gut möglich, dass Özil diese Motivation durch Modric sogar hilft, seine Qualitäten noch besser abrufen zu können. Zum Beispiel heute Abend gegen die Österreicher. Deren Coach weiß jedenfalls, auf wen es aufzupassen gilt. "Da, wo Mesut ist, sollte auch einer von uns sein. Er ist weltklasse, hat die absolute Ruhe am Ball und Übersicht." Das klingt nach großem Respekt für den deutschen Spielmacher. Das Feld für eine Fußball-Oper mit Happy End für das DFB-Team ist jedenfalls bereitet. Mit Özil als Dirigenten. Und ganz ohne die Wiener Philharmoniker.