Interview mit Graciano Rocchigiani

"Solche Kämpfe sind schlecht fürs Profiboxen"

Graciano Rocchigiani über den Titelkampf Vitali Klitschkos und warum er Herausforderer Manuel Charr nicht länger betreuen wollte

Am Sonnabend (22.10 Uhr, RTL) stehen sich in Moskau Schwergewichts-Weltmeister Vitali Klitschko (41) und sein Herausforderer Manuel Charr (27) im Kampf um den Gürtel des World Boxing Council (WBC) gegenüber. Morgenpost-Redakteur Matthias Brzezinski sprach mit Ex-Weltmeister Graciano Rocchigiani (48), der den in Köln lebenden Deutsch-Libanesen Charr vor dessen letzen Kampf trainiert hatte, über das Risiko einer Rufschädigung und über die Berufsboxszene in Deutschland.

Berliner Morgenpost:

Herr Rocchigiani, Ihr Schützling greift nach einem WM-Titel. Das muss doch ein großartiges Gefühl sein.

Graciano Rocchigiani:

Na klar. Manuel haut Vitali in der ersten Runde weg, wird blitzschnell Millionär, belohnt mich reichlich und wir haben uns alle lieb.

Das ist fein, vielen Dank für das nette Gespräch - oder gibt es zum möglicherweise letzten Auftritt im Ring von Vitali Klitschko doch noch etwas anzumerken?

Da gibt es zwei Dinge. Mein Bruder Ralf und ich haben nur einmal bei Charr in der Ecke gestanden. Danach war Schluss. Es hatte mit uns keinen Zweck. Ich glaube, dass solche Kämpfe fürs Profiboxen ganz schlecht sind.

Charr hatte nach dem mühevollen, aber siegreichen Kampf gegen Taras Bidenko, bei dem Sie ihn betreut hatten, gesagt, er wolle seine Rockys nicht so schnell hergeben. Nun ist die Boxehe geschieden, woher kommt der Sinneswandel? Schließlich haben Sie ihn mal als schlagstarke Hoffnung gelobt. Als einen, der anders sei als das amerikanische Fallobst, das die Klitschkos viel zu oft vor den Fäusten hatten.

Dazu stehe ich. Aber das war vor dem Kampf gegen Bidenko. Manuel hat einige gute Fähigkeiten, aber er ist absolut kritik- und beratungsresistent. Er hat ein Problem, sich einzuordnen. Nicht immer, aber zu oft. Was er in seinem Leben neben dem Sport macht, meine ich damit nicht. In der Vorbereitung auf einen Kampf geht es einem Trainer aber auf den Keks, wenn der Boxer alles besser weiß und am Ende siehst du, wo der Mann wirklich steht.

Wo steht Charr denn wirklich?

Er ist ein starker Junge, er ist mutig, er ist ungeschlagen und er hat reichlich Selbstbewusstsein - aber er hat keine Ahnung, was ihm gegen einen gut vorbereiteten Klitschko blüht.

Dann wird es nichts mit der Million?

Für Manuel kommt das alles zu früh. Ich will ihm nichts Schlechtes nachsagen, aber er ist noch weit von der Weltklasse entfernt. Vielleicht könnte er dahin kommen, wenn er sich vernünftig verhalten würde. Sein Kampf gegen Bidenko war Krampf, er hatte Probleme mit der Kondition. Er war am Anfang ganz gut und hat dann abgebaut. Ein Typ, der satt über den Berg ist und nie ein Großer war. Manuel will alles zu schnell. Wenn Vitali in Moskau fit in den Ring steigt, geht es nicht über die Runden.

Er sei am Arm verletzt gewesen, hatte Charr die mittelmäßige Leistung erklärt.

Das geht mir auch auf die Nerven. Zu viele Boxer erzählen nach einem miesen Ding was von Erkältung, Verletzung, kranker Oma oder Liebeskummer.

Jetzt ist er fit und sagt voraus, er sei ein Löwe und Klitschko sein Fleisch. Und da wolle er zubeißen.

Guten Appetit.

Charr überschätzt sich?

Genau. Und er hat zu viel um die Ohren. Er will sein eigener Manager sein. Er hatte in unserer Zeit einen Diättrainer. Und im Kampf war er so schwer wie noch nie in seiner Laufbahn. Dazu fällt mir doch nichts mehr ein. Das bringt alles nichts, es sei denn man hat eine Position wie die Klitschkos. Dann kann man machen was man will. Aber das Komische im Schwergewicht ist ja, mit einem Glücksschlag kann er Vitali tatsächlich schlagen.

Verstehen Sie die Gegnerwahl von Vitali Klitschko? Er kann bei einem Sieg nicht wirklich an Ruhm gewinnen, bei einer unwahrscheinlichen Niederlage wäre er automatisch eine Lachnummer. Wollte er nur einen einfachen Gegner, bevor er sich seinen politischen Interessen widmet?

Ich kenne seine Gründe nicht. Sicher ist aber, dass er bei einer freiwilligen Titelverteidigung das Risiko klein halten will. Ich weiß auch nicht, ob er bei seinen ganzen politischen Sachen hundert Prozent fit ist. Ich denke aber schon.

Es gibt freiwillige und Pflicht-Titelverteidigungen. Und die Boxer können dank der vielen Verbände gutes Geld verdienen. Hin und wieder auch die ausgesuchten Gegner.

Ja, das stimmt. Aber das Boxen ist nicht besser geworden. Es gibt WM-Kämpfe, die lächerlich sind. Und es gibt andere Pseudo-Titel die genauso lächerlich sind. Deswegen verliert alles andere an Wert. Eine Europameisterschaft zählt doch heute nichts mehr. Nur bei einer WM können die Verbände satt kassieren. Wenn ein Klitschko boxt, wird für einen Verband eine sechsstellige Summe fällig. Von einer deutschen Meisterschaft brauchen wir gar nicht mehr zu reden.

Dann könnte man ja sagen, Manuel Charr passt sich den Umständen einfach an und nutzt die Chance seines Lebens.

Das kann man sagen. Aber wenn er Pech hat, bekommt er die Prügel seines Lebens. Ob er dann noch einmal eine WM-Chance bekommt, wird sich zeigen. Ob er bei den Klitschkos und RTL wenigstens gute Kohle bekommt, weiß ich nicht.

Von seiner Kampfbörse, die bei 250.000 Euro liegen soll, will Charr zunächst seine Schulden begleichen. Und seiner Mutter eine Einbauküche schenken, weil sie ihn und seine Geschwister nach der Flucht aus dem Libanon allein durchgebracht hat. Das ist doch eine tolle Einstellung.

Er hatte eine Scheiß-Kindheit und dass er seiner Mutter helfen will, ist richtig gut. Er hat Krieg erlebt und eine Flucht. Aber das macht ihn im Ring erst mal nicht besser. Noch mal: Vielleicht steckt in ihm ein Großer. Aber dafür muss er ganz anders arbeiten und auftreten als er es jetzt tut.

Da sagt ein schwieriger Charakter, wie Sie es einer waren und sind.

Ich war nicht pflegeleicht. Ich war auch renitent. Ich habe reichlich Fehler gemacht. Aber ich war Europa- und Weltmeister, weil ich im entscheidenden Moment auf Trainer und Manager gehört habe, die Ahnung vom Boxen hatten. Nur darum geht es im Moment auch bei Manuel.

Was Vitali Klitschko ganz sicher nicht interessiert. Glauben Sie, dass er sich total aus dem Sport zurückzieht?

Es gibt für ihn ja demnächst Wahlen. Wenn er gewählt wird, wird er sicher in die Politik gehen. Er ist 41, was soll da im Ring noch kommen? Wenn er einen neuen Job anfängt, wird er ihn so gründlich machen wie den alten.

Sehen Sie jemanden, der auf die Schnelle Vitali Klitschko ersetzen könnte?

Nein, wenn er geht, bleibt sein Bruder Wladimir als Nummer eins zurück. Aber das heißt nicht, dass sich die Sache nicht wieder ändert. Schwergewichtsboxen wird es auch nach den Klitschkos geben.

Sehen Sie einen deutschen Schwergewichtler auf dem Weg an die Spitze?

Nein!

Und wie steht es um die anderen Gewichtsklassen in Deutschland?

Besser. Der gute Kampf von Arthur Abraham gegen Robert Stieglitz hat mich gefreut. Wobei ich ganz klar sage, einer wie Stieglitz, der verloren hat, ist deswegen nicht ein schlechter Boxer. Heute kommt ein neues Talent und kriegt erst mal einen irren Kampfrekord verpasst. Lauter Siege, oft gegen Pfeifen. Bloß nicht verlieren. Und keiner kann erklären, warum das so sein muss. Alle großen Boxer aus der so genannten guten alten Zeit haben verloren. Geschadet hat es ihnen nicht. Ich drücke Stieglitz auch die Daumen. Marco Huck und Yoan Pablo Hernandez sind Weltmeister und werden sicher noch für Betrieb sorgen. Der nächste Deutsche, der Champion werden kann, ist für mich Jack Culcay (2009 Amateurweltmeister und im Sauerland-Team unter Vertrag, d. R. ). Er hat eine gute Einstellung, kann boxen und kümmert sich nur um seinen Sport.