Rollstuhltennis

Seit neun Jahren und 470 Spielen unbesiegt

Esther Vergeer dominiert im Rollstuhltennis. Nun wünscht sie sich selbst eine Niederlage

Immer mal wieder tauchen diese ganz besonderen Exemplare in einzelnen Sportartarten auf. Sie dominieren wie vor ihnen noch niemand, sie faszinieren das Publikum und bringen ihre Gegner einen nach dem anderen zum Verzweifeln. Scheinbar unbesiegbar hecheln sie von Wettkampf zu Wettkampf; alles, was sich ihnen in den Weg stellt, wird gnadenlos niedergekämpft. Dann aber ist Schluss. Ganz plötzlich tritt ein Spielverderber auf. So war es bei Martina Navratilova, die einst 74 Tennismatches in Folge gewann. So war es bei Rafael Nadal, der auf Sand 81 Mal hintereinander als Sieger vom Platz ging. Oder nehmen wir die deutschen Rodlerinnen. Nach 99 Triumphen raste ausgerechnet bei einer WM und vor der magischen Grenze von 100 Siegen eine Konkurrentin schneller die Bahn hinunter.

Viertes Gold bei den Paralympics

Esther Vergeer jedoch wehrt alle Versuche ihrer Gegnerinnen, sie endlich einmal zu schlagen, scheinbar mühelos ab. Die 31 Jahre alte Niederländerin ist die unbestrittene Nummer Eins im Rollstuhltennis. In London hat sie nun ihr viertes paralympisches Einzelgold in Serie gewonnen. Aber damit nicht genug: Die Weltranglistenerste ist damit seit dem Jahr 2003 in 470 Matches nacheinander ungeschlagen.

Selbst im Finale von London hatte Vergeer leichtes Spiel. Sie besiegte ihre Landsfrau Aniek van Koot, immerhin Nummer zwei der Welt, nach 59 Minuten 6:0, 6:3 - und jubelte danach dennoch, als sei Siegen für sie kein Normalfall. Im gesamten Turnierlauf verlor Vergeer in ihren Matches gerade einmal sieben Spiele. Gegen ein bisschen mehr Gegenwehr der Konkurrenz hätte sie nichts einzuwenden. "Ich hoffe, dass mich eines Tages irgendwann einmal jemand schlägt", sagt die Niederländerin. Ein seltsamer Satz für eine Sportlerin, doch Vergeer fügt gleich hinzu: "Aber ich mag es natürlich nicht zu verlieren." Für ihren Sport und die Spannung wäre es jedoch nicht schlecht. Das Problem: Vergeer ist einfach zu gut. Andererseits hat ihre Dominanz auch etwas Gutes. Denn ohne ihre Extraklasse und diese unglaubliche Siegesserie wäre es kaum gelungen, Rollstuhltennis bei den Paralympics in London derart ins Blickfeld zu rücken. Das Frauenturnier geriet dabei zu einer Demonstration der Niederländerinnen, die am Ende alle drei Medaillen holten.

Vergeers Triumphzug klingt so einmalig, dass er an der Spitze aller Siegesserien im Sport stehen müsste - aber nichts da. Ein Mann kann das toppen. Der pakistanische Squashspieler Jahangir Khan gewann in den 80er-Jahren insgesamt 555 Partien in Folge. Im Vergleich zu der Niederländerin ist er jedoch ein Vielspieler, brauchte fünf Jahre für seinen Siegeszug. Vergeer ist bereits bei neun Jahren; die Spitzenposition in der Weltrangliste blockiert sie bereits seit 13 Jahren. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. "Natürlich versuche ich immer noch, mich zu verbessern und das Rollstuhltennis weiter zu entwickeln", sagt sie.

Vielleicht würde sie heute gegen die Scharapowas und Kerbers dieser Welt spielen, wäre da nicht eine verhängnisvolle Zeit in ihrer Kindheit gewesen. Im Alter von sechs Jahren klagte Vergeer über starke Kopfschmerzen und kam ins Krankenhaus. Es folgt eine Operation. Das kleine Mädchen musste später weitere Male eingeliefert werden, bis 1990 eine Blutgefäßabweichung im Bereich des Rückenmarks erkannt wurde. Seit der dann folgenden Operation sitzt sie im Rollstuhl. Gehörte der Sport einst zu ihrem Rehabilitationsprogramm, ist er heute sogar ihr Beruf.

Pirouetten mit dem Rollstuhl

"Ob ich ein Erfolgsgeheimnis habe?", fragt sie, "ich weiß es nicht. Vielleicht ist es der Mix aus harter Arbeit, Entschlossenheit und Leidenschaft für meinen Sport." Keine andere Athletin jedenfalls spielt technisch so sicher wie sie, keine andere dreht so schnell und geschickt die Rollstuhlpirouetten zum Richtungswechsel. In ihre Heimat ist Vergeer eine bekannte Sportlerin - nicht nur innerhalb der paralympischen Bewegung. Selbst die Amerikaner waren schon 2010 auf sie aufmerksam geworden: Damals posierte sie fast nackt im Magazin des größten US-Senders.

Eine Seriensiegerin können in London aber auch die deutschen Teilnehmer bejubeln, nachdem Handbikerin Andrea Eskau (41) der zweite Sieg gelang. Zwei Tage nach ihrem Erfolg im Zeitfahren siegte die für Magdeburg startende Thüringerin auf der Motorsportstrecke in Brands Hatch nach 1:31:05 Stunden auch im Straßenrennen, bei dem sie bereits 2008 in Peking erfolgreich gewesen war. Weltmeister Heinrich Popow hat seinen angekündigten Goldlauf über die 100 Meter in die Tat umgesetzt. Der linksseitig oberschenkelamputierte Leverkusener setzte sich in 12,40 Sekunden vor Scott Reardon (Kanada/12,43) und Wojtek Czyz (Kaiserslautern/12,52) durch.

Alex Zanardi (Italien) holte das zweite Gold. Der frühere Formel-1-Pilot gewann mit seinem Handbike zwei Tage nach dem Triumph im Zeitfahren auch das Straßenrennen in Brands Hatch. Es war sein letzter Auftritt bei den Paralympics.