US Open

Unerkannt durch New York

Bei den US Open trifft Djokovic im Halbfinale auf Ferrer, dessen große Leistungen gern übersehen werden

- Als Novak Djokovic nach seinem spektakulären Viertelfinal-Sieg gegen den früheren US-Open-Champion Juan Martin del Potro nach seinem nächsten Gegner gefragt wurde, zögerte er nicht lange. "Er ist einer der beständigsten Spieler der letzten Jahre. Ich habe großen Respekt vor ihm. Er spielt auf jedem Belag großartig", sagte der 25 Jahre alte Titelverteidiger aus Serbien.

Der so Gepriesene heißt allerdings nicht Roger Federer, Rafael Nadal oder Andy Murray. Der spanische Weltstar fehlt verletzt, der Weltranglisten-Erste aus der Schweiz ist nach seiner Viertelfinal-Pleite gegen Tomas Berdych bereits abgereist und der britische Olympiasieger könnte erst im Endspiel warten. Nein, im US-Open-Halbfinale an diesem Sonnabend, den die Amerikaner voller Stolz ihren "Super-Saturday" nennen, trifft der Weltranglisten-Zweite Djokovic auf den Spanier David Ferrer. Erstmals seit 2007 sind damit weder Federer noch Nadal in New York unter den besten Vier.

Fünf Siege in diesem Jahr für Ferrer

Ferrer ist die Nummer fünf der Welt und hat in diesem Jahr schon fünf Turniere gewonnen - nur Federer hat mehr Triumphe aufzuweisen. Der 30-jährige Profi aus Javea ist zudem neben dem ein Jahr älteren Federer der einzige Spieler auf der Tour, der in dieser Saison auf allen drei Belägen (Rasen, Hartplatz, Sand) Titel geholt hat. Und dennoch wird er von der Öffentlichkeit quasi ignoriert. "Die Leute reden nicht so viel über ihn, sie übersehen ihn", sagte auch Djokovic nach seinem 6:2, 7:6 (7:3), 6:4 gegen den Argentinier del Potro.

Den beeindruckenden Fünf-Satz-Thriller zwischen Ferrer und Janko Tipsarevic wenige Stunden vor seinem Match hat er sich genau angeschaut. Im entscheidenden fünften Satz lag Ferrer 1:4 gegen den 28 Jahre alten Serben zurück - und machte einfach stoisch weiter bis zum letzten Punkt. "Er ist ein Kämpfer", sagte Djokovic über seinen Halbfinal-Gegner. Im anderen Semifinale stehen sich der ebenso unscheinbare Federer-Besieger Berdych und Murray gegenüber.

Allen Respektsbekundungen zum Trotz geht Djokovic nach seinen bisherigen Auftritten im Flushing Meadows Corona Park aber als klarer Favorit in sein zehntes Grand-Slam-Halbfinale in Serie. Der Weg zur Titelverteidigung scheint frei für den fünfmaligen Major-Sieger, der bei diesem Turnier noch keinen Satz verloren hat.

Ausgerechnet in einem Jahr, das manche Beobachter nach dem Verlust der Weltranglistenführung an seinen Dauerrivalen Federer schon als verkorkst abgetan hatten, bietet sich Djokovic nun die große Chance auf den zweiten Grand-Slam-Titel nach den Australian Open. "Es hat eine besondere Bedeutung, hier den Titel verteidigen zu wollen", gab er zu. Und auf die Frage, ob es sich irgendwie anders anfühle, dass zum ersten Mal in seiner Karriere weder Federer noch Nadal mit ihm im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers seien, antwortete Djokovic: "Für mich macht es keinen Unterschied. Ich nehme jeden Gegner ernst. Wir haben jetzt Murray, Berdych, Ferrer und mich, wir sind alle Top-10-Spieler. Ich finde, es ist immer noch ein gutes Turnier."

Gegner Ferrer hat jedenfalls Nachholbedarf bei seinem Popularitätsstatus ausgemacht. Wenn er jetzt in den Straßen von New York unterwegs sei, wäre er nur einer von hunderttausenden? "Ich werde nicht so oft erkannt. Die Leute kennen eben eher Roger, Murray oder Djokovic, weil sie die wichtigen Trophäen gewonnen haben und nicht ich", sagte Ferrer. Der nur 1,75 Meter große Mann versichert aber glaubhaft: "Das ist perfekt für mich und macht mir nichts aus."

Im Schatten zu stehen, ist er ja gewohnt, quasi vom Beginn seiner Karriere an. Als Jugendlicher musste der Rechtshänder widerwillig und nach Anweisung seines unzufriedenen Trainers in einer dunklen Abstellkammer verschwinden. "Er sperrte mich ein, weil ich nicht trainieren wollte. Ich habe da drin zwei, drei Stunden gewartet. Aber es ist nur einmal vorgekommen", berichtete Ferrer. Inzwischen ist er der Beste vom Rest, die Nummer fünf in der Weltrangliste hinter den vier alles überstrahlenden Federer, Djokovic, Nadal und Murray. 29 der vergangenen 30 Grand-Slam-Titel haben Federer, Nadal und Djokovic unter sich ausgemacht, Murray feierte den Olympiasieg.

Bei den Frauen steht Viktoria Asarenka zum ersten Mal im Endspiel der US Open. In einem bis zum letzten Schlag spannenden Halbfinale setzte sich die Australian-Open-Siegerin aus Weißrussland in New York in 2:42 Stunden mit 3:6, 6:2, 6:4 gegen Maria Scharapowa (Russland) durch, die in Flushing Meadows 2006 gewonnen hatte. "Ich wusste, meine Gegnerin schlägt unheimlich hart. Deshalb wollte ich härter schlagen", sagte Asarenka.