Zweite Liga

Liebesgrüße an die Konkurrenz

Derbysieg verschafft Hertha einen Schub im Aufstiegskampf. Stürmer Wagner ein Volltreffer

- Egal, mit wem man am Tag danach sprach: Ob mit dem Trainer, dem Kapitän oder dem Torschützen, jeder brachte den Hinweis in seiner Aussage unter: "Wir müssen uns noch erheblich verbessern." Doch die große Botschaft nach dem dritten Derby gegen den 1. FC Union lautete: Der Bock ist umgestoßen. Mit 2:1 hatte der Favorit Hertha BSC endlich den ersten Sieg im Prestigeduell eingefahren. Ein Sieg, "der mehr wert ist als drei Punkte", wie Sandro Wagner sagte, der Torschütze des wichtigen 1:0. "Für die Moral war das wichtig, für die Fans auch. Sie mussten viel Schmäh über sich ergehen lassen von der letzten Derby-Niederlage. Das konnten wir wieder gerade rücken."

Hertha hatte vor 16.750 Fans in der Wuhlheide ein robustes Spiel aufgezogen. Die Gäste ließen in der ersten Hälfte nicht eine Union-Chance zu. Und nutzten selbst die erste Gelegenheit zur Führung, als Wagner eine schnelle Ballstafette über Änis Ben-Hatira und Peer Kluge mit einem trockenen Flachschuss ins Union-Tor krönte. Es war bereits der zweite Treffer des neuen Stürmers, der zuvor beim 2:1 gegen Regensburg erfolgreich war. "Ich finde langsam mein Selbstvertrauen wieder", sagte Wagner. Der Angreifer hatte in der vergangenen Saison weder für Werder Bremen noch für den 1. FC Kaiserslautern ein Tor erzielen können.

"Mir kommt das System in Berlin mit zwei Angreifern entgegen", sagte Wagner. Trainer Jos Luhukay wollte Wagner unbedingt, als wuchtige, körperbetonte Ergänzung zu Sami Allagui und Elias Kachunga, die eher über ihre technische Fähigkeiten und die Schnelligkeit kommen.

Luhukay lobt Ramos

Nach vier Spieltagen wird der eine oder andere Fan überrascht sein, dass nicht Königstransfer Allagui, für 1,5 Millionen Euro Ablöse aus Mainz gekommen, im Rampenlicht steht. "Sami ist ein Super-Goalgetter", nimmt Wagner sofort seinen Kollegen in Schutz.

Ihr Vorgesetzter jedoch ist nicht beeindruckt. "Ich habe Sami zur Pause ausgewechselt, weil er nicht gut im Spiel war", sagte Luhukay. Der Deutsch-Tunesier sollte das als letzte Warnung verstehen. Schon in der Woche zuvor hatte der Trainer bemängelt, Allagui verhalte sich zu passiv. Und nicht zufällig lobte Luhukay seine Einwechselspieler Adrian Ramos und Ronny. "Adrian hat das sehr gut gemacht. Schade, dass er seine Chance in der letzten Minute nicht nutzen konnte."

Kämpferisch waren sich Union und Hertha auf Augenhöhe begegnet, den Ausschlag im Derby gab die Qualität in der Offensive. Just im gleichen Moment, in dem die Hausherren das 1:1 durch Christopher Quiring erzielten (69.), brachte Luhukay Ronny: "Er hat uns Ballsicherheit und Ruhe gebracht, Ronny hat die Bälle sehr gut verteilt."

Und als die Partie auf des Messers Schneide stand, zeigte der Brasilianer, dass er auch ohne seinen zu Dynamo Kiew abgewanderten Bruder Raffael, der gestern die Mannschaft, den Trainer- und Betreuer-Stab sowie sämtliche Mitarbeiter der Geschäftsstelle von Hertha BSC zu einem Ausstand mit einem italienischen Buffet geladen hatte, spielentscheidend sein kann.

Union-Trainer Uwe Neuhaus versetzte der Werbebande hinter der Trainerbank einen wütenden Tritt - er ahnte, dass der brachiale Freistoß von Ronny den 2:1-Siegtreffer bedeutete. Es war die Entscheidung in dem Prestigeduell. Ronny jubelte mit zwei ausgestreckten Zeigefingern Richtung Himmel: "Ich danke Gott." Sein Bruder Raffael war zwar, aus der Ukraine kommend, zum Familienbesuch in Berlin. Da es aber nicht mehr möglich war, vier Karten für die Familie in der restlos ausverkauften Alten Försterei zu bekommen, verfolgte der ältere Bruder die Schlüsselszene nur am Fernsehschirm. "Raffael hat mir gratuliert, er freut sich sehr", sagte Ronny gestern.

Ungeachtet nach wie vor vorhandener spielerischer Defizite war die Art und Weise des Auftretens in der Wuhlheide auch eine Botschaft. "Eine geile Sache", sagte Kapitän Peter Niemeyer, "für solche Spiele wird man Fußball-Profi." Änis Ben-Hatira sagte: "Es war ein heißes Derby, hart, aber fair. Das hat richtig Spaß gemacht. Und klar: Das ist auch ein Gruß an die Konkurrenz."