Zweite Liga

Derbypleite belastet Unions Teamgeist

Quirings Wessi-Spruch sorgt für Irritationen

- Wie tief der Stachel sitzt, weil nach vier Spielen in der Zweiten Liga weiter auf den ersten Saisonsieg gewartet werden muss, noch dazu ausgerechnet gegen den Lokalrivalen Hertha BSC verloren wurde, dokumentierte keiner so explizit wie Christopher Quiring. "Wenn die Wessis in unserem Stadion jubeln, krieg' ich das Kotzen", sagte der Mittelfeldspieler des 1. FC Union nach dem 1:2 gegen den Aufstiegskandidaten aus Neu-Westend in die Mikrofone des TV-Senders Sport1 - und damit vor einem bundesweiten Publikum. Ein Wutausbruch, der in der Wortwahl schon erstaunt, suggeriert er doch eine Ost-West-Rivalität, die weder die Fanszenen der beiden Vereine noch die Klubs selbst vorleben oder pflegen.

"Das ist ein Ausdruck von Enttäuschung, nicht als Ost-West-Konflikt gemeint", nahm Trainer Uwe Neuhaus seinen Schützling gestern in Schutz. Quiring selbst relativierte seine Aussage wie folgt: "Ich war direkt nach dem Spiel einfach nur stinksauer und richtig geladen. Nach meinem Ausgleichstor dachte ich, wir drehen das Ding, stattdessen laufen wir in einen saudummen Konter. Ansonsten genügt wohl ein Blick auf mein Geburtsdatum, um zu erkennen, dass das nicht politisch gemeint war."

Quiring ist Jahrgang 1990 und hat die Wendezeit, in der die sicherlich negativ vorbelasteten Begriffe "Ossi" und "Wessi" entstanden sind, nicht mehr miterlebt. "Aber Ost und West kann man in Berlin offenbar nicht erwähnen, ohne dass es gleich politisch gesehen wird. Wenn sich jemand dadurch angegriffen gefühlt hat, tut mir das leid", entschuldigte sich Quiring. Bei Hertha registrierte man alles mit einem Schmunzeln. "Das ist ein junger Mann, der total frustriert war, dass sein Tor nicht zu einem Punkt gereicht hat", sagte Coach Jos Luhukay. Peer Kluge sagte nur: "Ich finde das komisch. Es gab doch genug über das Sportliche zu reden."

Und da sieht es an der Alten Försterei alles andere als freundlich aus. Ein Punkt aus vier Spielen - nie ist eine Union-Mannschaft schlechter in eine Zweitliga-Saison gestartet. Torsten Mattuschka, der Kapitän, versuchte sich am Balanceakt zwischen Frustbewältigung und dem bewahren eines kühlen Kopfes. "Wir sind schon öfter aus solchen Krisen wieder herausgekommen", sagte Mattuschka zunächst. Um wenig später zurückzurudern: "Was heißt Krise? Wir haben uns sicher mehr ausgerechnet. Aber wir werden jetzt nicht aufhören, Fußball zu spielen."

Zyniker behaupten indes, Union müsse endlich mal damit anfangen. Immer wieder sind es individuelle Fehler (gegen Hertha Pfertzels Ballverlust vor dem 0:1 durch Wagner), die die Köpenicker in Rückstand bringen. Immer wieder heißt es dann, sich über den Kampf zurück ins Spiel zu bringen. Spielerische Elemente bleiben oft auf der Strecke. Wenn dann der Gegner - wie nun Hertha - die Räume gut zustellt, bleibt nur der lange, hohe Ball in die Spitze. Und der verpufft meist wirkungslos. "Wir haben keine Passmöglichkeiten durch die Schnittstellen gefunden. Dabei wollten wir mehr kombinieren", erklärte Neuhaus. Da dies nicht gelang, wurde Union auch nur selten torgefährlich.

Dass darunter der Teamgeist leidet, wurde schon während der Partie offensichtlich. Zur Halbzeit sah man Mattuschka mit Markus Karl im heißen Disput, nach Abpfiff schimpfte Karl mit Innenverteidiger Christian Stuff. "Wir dürfen nichts schön reden", so Mattuschka. Es war Teamkollege Marc Pfertzel, der an seine Mitspieler appellierte: "Wir müssen zusammenhalten, dann können wir da unten rauskommen. Die Stimmung zwischen uns ist gut, sie war es auch immer." Doch auch ihm gelang es am Tag danach nicht, die Enttäuschung zu verbergen. "Ich habe gedacht, nach dem 1:1 gewinnen wir noch. Aber momentan wird jeder kleine Fehler sofort bestraft", sagte der Franzose.