Unsportlich

"Diese Fans sind Arschlöcher"

Außergewöhnlich heftig kritisiert Vereinspräsident Kind jene Anhänger von Hannover 96, die Gegner mit unflätigem Vokabular besingen

- Das Interview, das Jan Schlaudraff nach dem 4:0 für Hannover 96 beim VfL Wolfsburg voller Stolz geben wollte, fand ein abruptes Ende. Der vom Erfolg noch ganz beseelte Mittelfeldspieler musste seinem aufgeregten Präsidenten weichen, der einfach keine Lust mehr hatte, seinen Ärger für sich zu behalten. "Diese Fans sind Arschlöcher", sagte Martin Kind und beschimpfte den Anhang seines eigenen Vereins unerwartet deutlich in der Wortwahl.

Einige unbelehrbare Fans des Klubs aus Niedersachsen schaffen es schon seit Monaten, sich gründlich daneben zu benehmen. Am Sonntagnachmittag aber war für den resoluten Kind die Grenze des guten Geschmacks eindeutig überschritten. "Sohn einer Hure" - mit diesem unüberhörbaren Schmähruf war der von Hannover 96 zum VfL Wolfsburg gewechselte Innenverteidiger Emanuel Pogatetz während des Spiels beleidigt worden.

Es war eine Mischung aus Wut und Ratlosigkeit, die dem Vereinschef Kind seine Freude über den nächsten Geniestreich einer starken 96-Mannschaft verdarb. Zwei Jahre lang war Pogatetz in Hannover ein sehr zuverlässiger, beliebter und nicht geschmähter Innenverteidiger gewesen. Seinen Wechsel zum zahlungskräftigeren Niedersachsen-Rivalen Wolfsburg wollen ihm einige der so genannten Fans aber offenbar nicht verzeihen - und hatten deshalb eine Verbalchoreografie vorbereitet, die erschreckend niveaulos ausfiel.

"Das ist unappetitlich. Diese Fans sind weder Bundesliga- noch Europa-League-tauglich", findet Kind. "Wir sollten so etwas nicht unterstützen und müssen irgendwann mal Klarheit schaffen. Solche Leute sollen zu Hause bleiben. Auf die können wir gut verzichten." Die Vehemenz, mit der Hannovers Präsident gegen die Entgleisungen der eigenen Fans vorgeht, ist bemerkenswert. Aber seine scharfen Worte und verstärkte Kontrollmaßnahmen haben zuletzt leider auch nicht dazu geführt, dass im 96-Stadion keine Pyrotechnik mehr zu sehen war. Und das umstrittene Plakat, das den 1925 geköpften Massenmörder Fritz Haarmann aus Hannover zeigt, taucht schon seit Jahren immer wieder im 96-Fanblock auf. Die Bitte der Vereinsführung, das Konterfei nicht mehr zu zeigen, wurde von den Ultras in Hannover ignoriert.

Vier Gegentore in einem Spiel zu verkraften, das ist für einen ehrgeizigen Profi wie Pogatetz schon schwer genug zu ertragen. Aber die Beleidigungen von jenen Fans, die ihm bis vor kurzem noch zugejubelt hatten, sorgten für eine noch größere Trauer. "Ich habe in Hannover zwei Jahre lang mein Bestes gegeben. Solche Reaktionen habe ich nicht erwartet. Für mich ist das sehr enttäuschend und schade", sagte der österreichische Nationalspieler, und die Enttäuschung war ihm sehr deutlich anzuhören.

Pogatetz und sein Partner Naldo waren in der Wolfsburger Innenverteidigung überfordert. Das Team des VfL fand gegen die Spielfreude von Hannover 96 und den alles überragenden Vorlagengeber Szabolcs Huszti kein Mittel. Der Tunesier Karim Haggui, zweimal der Pole Artur Sobiech und der Däne Leon Andreasen schossen die Tore zu einem Auswärtssieg, der für die ambitionierten Wolfsburger einer Demütigung gleichkam.

Welche Art von Anfeindungen sich ein Fußballprofi gefallen lassen muss, darüber gibt es im Lager von Hannover 96 durchaus geteilte Meinungen. "Ich sehe das nicht so kritisch", sagte Trainer Mirko Slomka, als er damit konfrontiert wurde, welche Schimpfworte die 30.000 Zuschauer zu hören bekommen hatten. Offensivspieler Schlaudraff versuchte, die Dinge zu differenzieren. "Natürlich sind solche Beleidigungen unter der Gürtellinie. Aber damit kommt jeder Profi klar. Wir sollten im Fußball nicht alles verbieten", sagte der frühere Nationalspieler. Trotzdem war Schlaudraff natürlich so feinfühlig gewesen, Pogatetz nach der Partie noch einmal zum Trost zu umarmen.

Hannovers Klubführung sorgte kurzentschlossen noch am Sonntagabend dafür, dass auf der Homepage des Vereins eine Entschuldigung an Pogatetz veröffentlicht wurde, mit der sich 96 von den "Diskriminierungen gegen einen tadellosen Profi" distanzierte. Nach Angaben von 96-Vereinssprecher Alex Jacob werde der Klub künftig nicht mehr den Begriff "Fans" benutzen, sondern nur noch von Zuschauern sprechen, wenn es um den besagten Kreis der Hannover-Anhänger geht.