Ilke Wyludda

Mit voller Kraft in ein zweites Leben

1996 wurde Ilke Wyludda Olympiasiegerin. Nach einer Beinamputation kämpfte sie sich zurück und startet nun heute bei den Paralympics

- Ihr Schrei ist immer noch so laut und kraftvoll wie einst. Auch das Gefühl für diese kleine runde Scheibe ist ihr über all die Jahre nicht abhandengekommen. Und doch ist alles anders. "Früher hat der Trainer immer gesagt, ich werfe ohne Beine", sagt Ilke Wyludda, Diskus-Olympiasiegerin von 1996, und meint ihre Technik. "Jetzt werfe ich ohne Beine, aber das Gleiche ist es trotzdem nicht." In ihrem ersten Sportlerleben wirbelte Wyludda durch den Diskusring, schleuderte die Scheibe gleich mehrmals in ihrer Karriere über 70 Meter. Heute geht das nicht mehr. Wyludda sitzt auf einem speziellen Wurfhocker, wenn sie den Diskus auf das Grün schiebt - der einstigen Spitzensportlerin fehlt der rechte Unterschenkel. Durch den Alltag geht sie mit einer Prothese.

Wyludda war Europameisterin, WM-Zweite und ist Olympiasiegerin - jetzt ist die 43-Jährige einer der Stars der Paralympics in London. Sie könnte Geschichte schreiben und als erster Mensch nach Olympiagold auch den Sieg bei den Paralympics holen. Doch darum geht es ihr nicht. Gold zu erwarten, wäre vermessen. "Ich lasse alles auf mich zukommen. Dass ich überhaupt dabei bin, ist eine tolle Sache. Alles andere ist Zugabe", sagt sie. "Ich werde es genießen." Erst hat Wyludda sich ins Leben, jetzt auf die große sportliche Bühne zurückgekämpft.

Dicke Krankenakte

Wie nie zuvor werden die Paralympics dieses Mal von großen Namen geprägt. Da ist neben Wyludda auch Oscar Pistorius, der beidseitig amputierte Leichtathlet. Er hatte schon Anfang August für Aufsehen gesorgt, als er bei den Olympischen Spielen lief. Dann ist da der frühere Formel-1-Pilot Alex Zanardi. 2001 hatte der Italiener bei einem Unfall eine Menge Blut und beide Beine verloren. Jetzt tritt er mit dem Handbike an. Wie Wyludda hätte Zanardi fast sein Leben verloren, und wie Wyludda kennt auch er das Leben eines Hochleistungssportlers ohne Handicap. Die Geschichten von Pistorius, Zanardi und Wyludda stehen stellvertretend für so viele bei diesen Paralympics. Sie zeigen, was durch Mut und Willenskraft alles möglich ist.

Ein großes Kämpferherz hatte Wyludda jedoch schon immer - sie musste es auch haben, um trotz ihrer erstaunlichen Krankenakte zu Zeiten ihrer Karriere immer wieder zurückzukehren. Arthrose im rechten Knie, Kreuzband-, Patella- und Achillessehnenrisse hat sie überstanden. Bei einem Dopingtest 1998 soll sie eine Liste mit 63 Medikamenten vorgelegt haben. Wer das erträgt und weitermacht, muss hart zu sich selbst sein. Anfang des Jahrtausends machte sie dann Schluss mit der Karriere im Diskusring. Wyludda verschwand ins Privat- und Berufsleben - erst zu jener unheilvollen Nachricht Ende 2010 tauchte ihr Name wieder überall auf. Eine offene Wunde am rechten Bein hatte sich bakteriell infiziert. Wollte sie leben, musste sie sich den Unterschenkel und das Kniegelenk amputieren lassen.

Heute arbeitet sie ausgerechnet an jenem Ort, wo ihr Leben fast zu Ende gewesen wäre - und wo es neu begann. Wyludda ist Anästhesistin im Krankenhaus von Halle an der Saale. Es gibt wohl wenige Ärzte, die ihre Patienten so gut verstehen wie sie. "Ich kann mit ihnen ganz anders umgehen als jemand, der mit Krankheiten nie zu tun hatte", sagt die 43-Jährige.

Dass sie nach der Amputation nicht nur beruflich, sondern auch sportlich wieder auf Erfolgskurs ist, war anfangs nicht geplant. Wyludda wollte eigentlich nur ihre Fitness verbessern, doch der alte Ehrgeiz kam zurück. Und auch ihr alter Coach. "Sie trainiert wie eine Wilde, Umfänge wie damals. Alles in ihrem Leben macht sie mit totalem Engagement", sagte ihr Trainer Gerhard Böttcher schon bald. Wyludda hatte ein neues Ziel und eine neue Leidenschaft. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit erfüllte sie sich mit der Qualifikation für die Paralympics in London dann auch gleich einen Traum in ihrem zweiten Sportlerleben. Und sie nutzte ihren Bekanntheitsgrad, um der Mannschaft Gehör zu schaffen. "Der Behindertensport hat in Deutschland leider Gottes immer noch nicht den Stellenwert, den er verdient", sagte sie kürzlich.

Heute wird sie nun im Diskuswerfen antreten, vier Tage später im Kugelstoßen. Große Aufmerksamkeit ist ihr gewiss. Schließlich liegt die Vermutung nahe, dass eine Olympiasiegerin auch beste Chancen haben sollte, bei den Paralympics Gold zu holen. Diskus bleibt Diskus. Wyludda jedoch sagt: "Ich habe bei null angefangen." Tiefstapelei ist das nicht. Zwar ist ihr das Gefühl für die Diskusscheibe geblieben, der Bewegungsablauf aber ist ein ganz anderer. "Das kann man nur schwer miteinander vergleichen. Die Voraussetzungen sind komplett anders", sagt Steffi Nerius. Die Speerwurf-Weltmeisterin von 2009 ist in London als Trainerin dabei, arbeitet seit zehn Jahren im Behindertensport. Sie schätzt Wyluddas Chancen auf einen Platz unter den besten sechs im Kugelstoßen sogar höher ein als im Diskuswerfen. "Ich würde es schade finden, wenn Ilke von außen jetzt einen immensen Druck zu spüren bekommt, dass sie vorne mitmischen müsste. Das wäre eine Fehlinterpretation", betont Nerius.

Einen kleinen Vorteil hat Wyludda zumindest: Auf die gigantische Stimmung im Stadion ist niemand besser vorbereitet als sie. Immerhin hat sie drei Olympische Spiele miterlebt. Und dort war die Atmosphäre schon vor Jahren so euphorisch wie sie jetzt erstmals auch bei den Paralympics ist. Aber dennoch: Ilke Wyludda geht in London als Neuling an den Start.