Berliner Derby

"Der 1. FC Union kann am Ende vor Hertha stehen"

- Ob früher als ein Spieler der SG Wattenscheid 09 oder auch danach als Cotrainer bei Borussia Dortmund und nun als Trainer des 1. FC Union: Uwe Neuhaus verfügt über jede Menge Erfahrungswerte in Sachen Derby. Morgenpost-Redakteur Michael Färber sprach mit dem 52-jährigen Coach des Fußball-Zweitligisten aus Köpenick vor dem ersten Duell um die Stadtmeisterschaft 2012/13 über das Punktspiel am Montagabend gegen Hertha BSC (20.15 Uhr, Sport1 live) und über seine Erlebnisse bei bisherigen Duellen mit Lokalrivalen.

Berliner Morgenpost:

Freuen Sie sich auf das Derby, Herr Neuhaus?

Uwe Neuhaus:

Ja!

Das überrascht jetzt doch ein wenig, sonst bekommt man immer zu hören, das sei auch nur eines von 34 Spielen, in dem es auch nur drei Punkte zu gewinnen gibt.

Aber es bleibt immer ein besonderes Spiel. Wenn man mal ein Derby mitgemacht hat, egal bei welchem Verein und in welcher Konstellation, weiß man, dass es emotional schon eine andere Rolle spielt als ein normales Spiel. Deshalb ist es schon eine schöne Sache.

Was macht das Berliner Derby so besonders? Union und Hertha stehen sich erst zum dritten Mal um Punkte gegenüber. So eine richtig große Tradition hat es ja demnach nicht...

Es liegt in der speziellen Geschichte der Vereine. Man war in Zeiten der Trennung befreundet, zur Wendezeit waren viele Fans von Union drüben und haben auch Hertha unterstützt. Man hat sich ein bisschen angenähert. Doch danach ist das wieder auseinandergedriftet. Dann die beiden Spiele vor zwei Jahren, die haben besonders viel Spaß gemacht, weil wir sie erfolgreich gestalten konnten. Derbys, die man verliert, sind doppelt schlimm. Und Derbys, die man gewinnt, sind vierfach schön. Aber ich denke, so eine Rivalität hat weniger mit dem zu tun, was auf dem Platz passiert.

Wenn jemand Erfahrungen in Derbys sammeln konnte, dann sicherlich Sie. Als Spieler mit Wattenscheid gegen den VfL Bochum, als Cotrainer von Borussia Dortmund im Revierderby gegen Schalke 04. Wie ist der Spieler Neuhaus in so ein Derby rein gegangen?

Ich habe vor allem versucht, die Presse auszublenden, kein Scherz. Als Spieler war ich da auch konsequent, habe mich auf Spielereien im Vorfeld nicht eingelassen, obwohl die Medienlandschaft damals, Anfang der 90er-Jahre, ja noch wesentlich harmloser war. Dennoch hat so ein Derby natürlich bei der Presse einen ganz anderen Stellenwert gehabt. Ich war aber keiner, der mit großen Worten voraus gegangen ist, sondern hab mich viel lieber auf die Dinge konzentriert, die auf dem Platz passieren. Gut möglich, dass ich mich da mental noch akribischer vorbereitet habe.

Wie muss man sich das Trainerdasein in Dortmund nach einem Derbysieg gegen den FC Schalke vorstellen?

Ich habe zu der Zeit ja nicht in Dortmund gewohnt. Ich glaube auch, dass dies ganz gut war, weil es mir am liebsten ist, in der Öffentlichkeit meine Ruhe zu haben. Dass dies nicht immer machbar ist, weiß ich ja mittlerweile auch. Aber nach einem gewonnenen Derby hat man schon einen besonderen Stellenwert. Alle sind zufrieden, da spielen Tabellenstände überhaupt keine Rolle mehr, über alles wird hinweg gesehen. Es verstärkt noch einmal alles. Ganz krass ausgedrückt: Nach einem Sieg ist man ein guter Mensch, nach einer Niederlage ein schlechter.

Wie kann man das erklären, dass für Fans ein Sieg gegen den Derbyrivalen praktisch wichtiger ist als zum Beispiel ein Abstieg?

Rational betrachtet, ist das überhaupt nicht nachzuvollziehen. Das hat sich so im Laufe der Jahre entwickelt. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, die ein Derby mit sich bringt.

Spielt in einem Derby der Heimvorteil eigentlich eine große Rolle, oder ist es vielleicht gar keiner?

Ich glaube, die Motivation an sich ist bei jedem noch ausgeprägter. Das ist ja auch die Gefahr. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass niemand über das Ziel hinausschießt. Das bringt dann wenig. Man muss den richtigen Spannungsbogen aufbauen, damit man am Spieltag bei 100 Prozent ist und nicht bei 120, sonst geht es sportlich nach hinten los. Manchmal kann es auch lähmen. Wenn man jetzt unsere Situation nimmt, dann haben wir durch die Tabellenkonstellation schon noch eine zusätzliche Drucksituation. Aber auch das müssen wir ausblenden, denn die Tabelle darf am Montag überhaupt keine Rolle spielen.

Wo liegen die Unterschiede zwischen einem Derby als Spieler und einem als Trainer? Würden Sie sich vielleicht sogar wünschen, wieder auf dem Platz zu stehen statt an der Außenlinie?

Das wünsche ich mir grundsätzlich. Weil ich dann erstens ein paar Jahre jünger wäre (lacht), und ich dann auch aktiv eingreifen könnte. Als Trainer muss ich meine Aufgaben vorher erledigt haben, ebenso wie die Spieler ihre dann auf dem Platz erledigen. Ob der Lautstärkepegel dann ein wenig höher ist, darf keine Rolle spielen.

Welches andere Derby hätten Sie denn gern einmal miterlebt?

Auf jeden Fall Boca Juniors gegen River Plate in Buenos Aires. Weil es eine andere Kultur ist, die einen spüren lässt, dass dort - auch aufgrund der Mentalität der Menschen - noch mal eine Steigerung zu erleben ist.

Derbys produzieren auch gern Helden, wie zum Beispiel Torsten Mattuschka mit seinem Siegtreffer im Olympiastadion im Februar vergangenen Jahres. Freut Sie das als Trainer, oder haben Sie doch eher ein mulmiges Gefühl dabei, getreu dem Motto: Der Star ist die Mannschaft?

Nein, ein mulmiges Gefühl auf keinen Fall. Für den Betroffenen selbst ist es natürlich schon eine schöne Sache. Aber grundsätzlich freut man sich einfach, Derbys zu gewinnen, weil nicht nur der Einzelne im Vordergrund steht, sondern die gesamte Mannschaft. Ich halte nichts von Heldentum, auch weil wir die Kehrseite der Medaille alle kennen.

Am Montag ist wieder die Zeit für neue Helden, erst recht nach dem schwachen Auftakt der beiden Berliner Mannschaften. Erstaunt es Sie, dass beide Teams so schlecht in die Saison gestartet sind? Ein Derby Zweiter gegen Vierter wäre ja auch nicht so schlecht gewesen...

Ich glaube, damit haben beide zumindest nicht gerechnet. Dass es so kommen kann, das sieht man ja jedes Jahr immer wieder. Aber ich bleibe auch da auf dem Teppich. Wobei mir die andere Konstellation schon besser gefallen hätte.

Wird es denn tatsächlich ein Kulturkampf werden, wie das neue Union-Derbyshirt ankündigt?

Ja. Wenn man die Kultur der Fans miteinander vergleicht, dann ist das bei Union etwas ganz Besonderes, ohne Hertha jetzt zu nahe zu treten. Ich habe persönlich überhaupt nichts gegen Hertha, auch nicht in der jetzigen Konstellation als Union-Trainer. Aber Hertha ähnelt eher einem normalen Verein, wie er öfter in der ersten und Zweiten Liga zu sehen ist. Bei Union ist es historisch bedingt etwas völlig anderes. Was die Fans hier für diesen Verein schon alles getan und geschaffen haben, welche Leiden sie auf sich genommen haben - vielleicht war das bei Hertha gar nicht notwendig, oder die Fans hatten gar nicht die Möglichkeit dazu, entsprechend zu handeln. Das ist bei Union schon sehr speziell.

Wird Union denn die Stadtmeisterschaft erfolgreich verteidigen können?

Natürlich sind wir in der Lage, das zu schaffen. In zwei Spielen ist alles möglich. Wir können auch am Ende der Saison vielleicht vor Hertha stehen, das wäre auch möglich. Im Fußball ist alles möglich, das zeigt jede neue Saison. Auf Dauer wird es aber schon schwer, an Hertha vorbeizuziehen, weil Hertha einfach Strukturen und Möglichkeiten besitzt, die schon Jahrzehnte vorhanden sind. Da ist schon noch ein Unterschied.

Derby-Fieber Alles zum Derby des 1. FC Union gegen Hertha BSC finden Sie unter: www.morgenpost.de/union sowie www.morgenpost.de/hertha