Gewalt

Auf der Flucht vor den eigenen Fans

Kölner Pezzoni löst Vertrag auf, weil ihm gewaltbereite Anhänger vor der Wohnung auflauerten

- Es gibt Hunderte solcher Nachrichten während einer Transferperiode. Doch hinter dieser verbirgt sich ein Drama. "Wir haben mit Kevin Pezzoni in den vergangenen Tagen intensive Gespräche geführt. Ich bin zufrieden, dass wir eine Lösung im besten gegenseitigen Einvernehmen gefunden haben. Kevin ist bereit für eine neue fußballerische Heimat und wir wünschen ihm für seine weitere Karriere viel Erfolg", teilte Jörg Jakobs, Transfermanager beim 1. FC Köln, am Freitag lapidar auf der Vereinshomepage mit.

Pezzonis Vertrag wurde also aufgelöst. Ein normaler Vorgang im Fußball-Business. Eigentlich. Doch hier sind die Gründe ein Skandal. Wie sich herausstellte, wurde der 23-jährige Abwehrspieler von Kölner Fans massiv bedroht. Deshalb bat er um Vertragsauflösung. Der Verein stimmte offenbar willig zu, statt für den Spieler zu kämpfen und sich endlich einem Problem zu stellen, das schon lange in der Domstadt schwelt: den gewaltbereiten FC-Fans.

"Es sind Dinge vorgefallen, die Kevin das Fußballspielen in diesem Klub nicht mehr ermöglichen. Eine Gruppe von Menschen hat ihm in dieser Woche vor seiner Privatwohnung aufgelauert, ihn angepöbelt und ihn massiv bedroht. Sie haben ihm klar gemacht, dass sie ihm wehtun wollen. So kann ein 23-Jähriger nicht mehr unbeschwert Fußball spielen", sagte FC-Trainer Holger Stanislawski. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wurde sogar das Auto des Spielers beschmiert. "Das hat sich in den vergangenen Tagen alles zugespitzt. Kevin hat sich nicht mehr in der Lage gefühlt, in Köln zu spielen", sagte sein Berater Thomas Kroth dieser Zeitung.

Immerhin bezogen die Mitspieler gestern Abend Stellung. "Wir lassen als Mannschaft nicht zu, dass einzelne Spieler von einzelnen Chaoten gedemütigt und persönlich angegangen werden", schrieb die Mannschaft in einem Offenen Brief. "Wir erwarten Fairness und Respekt im Umgang mit jedem einzelnen Spieler. Wenn einem Spieler vor der Haustür aufgelauert wird, wenn Lebenspartner beleidigt und hässliche Nachrichten geschrieben werden, dann ist eine Grenze überschritten. Das werden wir nicht akzeptieren."

Am vergangenen Wochenende hatte Pezzoni bei der 0:2-Niederlage in Aue eine schwache Leistung geboten und war schon nach 34 Minuten ausgewechselt worden. Danach setzte eine wahre Hetzjagd ein. Bei Facebook gründete sich eine Anti-Pezzoni-Gruppe, der über 400 Menschen beitraten. Dort wurde dazu aufgerufen, Pezzoni beim Training "zu zeigen, wo es lang geht". Es war nicht der erste Zwischenfall, bei dem Kölner Fans durchdrehten. Pezzoni wurde im Februar bei einer Karnevalsfeier von einem FC-Anhänger die Nase gebrochen. Beim letzten Saisonspiel, das den Abstieg des Klubs besiegelte, randalierte ein Mob auf der Tribüne. Zuvor hatten sie am Vereinsheim ein Plakat angebracht: "Wenn ihr absteigt, bringen wir euch um".

Im März hatten Kölner Hooligans einen Bus mit Gladbacher Fans attackiert. Sie bewarfen das Fahrzeug mit Steinen und versuchten, es von der Fahrbahn abzudrängen. Wenige Tage später stoppten 200 Fans den Mannschaftsbus, um die Spieler zur Rede zu stellen. Abwehrspieler Christian Eichner verließ im Mai das Stadion aus Sicherheitsgründen im Kofferraum des Autos seiner Eltern. Im selben Monat klingelten Fans nachts an der Wohnungstür des Mannschaftskapitäns Geromel.

Auch im Ligaverband schrillen nun die Alarmglocken. "Dass wie in diesem Fall sogar in die Privatsphäre eines Spielers eingedrungen wird, ist eine neue Stufe der Eskalation. Das ist unter keinen Umständen akzeptabel. Jetzt muss endgültig für jedermann klar sein, dass es ab einem bestimmten Punkt keinerlei Toleranz mehr geben kann. Und das ist, sobald Gewalt in welcher Form auch immer im Spiel ist", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball.