Fan-Gipfel

"Das nächste Derby sollte in Liga eins stattfinden"

Fan-Gipfel vor dem Stadt-Duell: Eine Diskussion über Kommerzialisierung, Kultfiguren und Aufstiegs-Träume

- Wahre Fan-Freundschaft zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union gab es zuletzt zur Wendezeit 1990. Seitdem gingen beide Lager ihre eigenen Wege. Vor dem dritten Duell um Punkte am Montag (20.15 Uhr, Sport1) diskutierten die Morgenpost-Redakteure Michael Färber und Uwe Bremer mit den Hertha-Fans Stefan Wendorf und Martin Fischer sowie den Union-Anhängern Stefanie Lamm, Jan Hollants und Jens Antrack über die Entwicklung beider Klubs.

Berliner Morgenpost:

Willkommen beim Kulturkampf, Frau Lamm.

Stefanie Lamm:

Danke, ich bin gern hier. Aber Union gegen Hertha, das ist kein Kulturkampf. Es geht um Fußball.

Ist Fußball nicht auch Teil der Kultur?

Stefanie:

Klar ist Fußball eine Kultur für sich. Aber Fußball ist nicht zwei Kulturen. Ich sehe die Sache mit dem Kampf nicht. Nicht im Sinne von: dass da Welten aufeinanderprallen. Das sind die einen Fans und die anderen. Jeder fiebert mit seiner Mannschaft mit. Nur weil jemand blau-weiß trägt, heißt das nicht, dass er deshalb ein schlechterer Fan ist.

Willkommen an die Hertha-Fraktion. Überrascht, dass schon wieder ein Derby ansteht?

Martin Fischer:

Ich bin schockiert.

Stefan Wendorf:

Das trifft es.

Martin:

Was im letzten halben Jahr passiert ist, ist gar nicht schön. Aber grundsätzlich finde ich die Aufgeregtheit vor dem Spiel unschön. Wir sind nicht nur Fußball-Fans, sondern auch noch aus einer Stadt. Okay, jetzt trifft man sich, spielt gegeneinander. Und hinterher sollte man ein Bier miteinander trinken können.

Jens Antrack:

Ich finde Aufgeregtheit okay, solange da nicht so ein Kampf reininterpretiert wird. Aber machen wir uns nichts vor: Union gegen Hertha ist kein Spiel wie jedes andere.

Martin:

Man will schließlich nicht gegen den Bruder verlieren.

Ist Union gegen Hertha ein Bruderkampf?

Martin:

Für mich schon, ich komme daher.

Stefan:

Ich habe diese Vergangenheit wie Martin nicht. Ich kann mich aber noch gut erinnern an die Fanfreundschaft zu Mauerzeiten. Weniger nachvollziehen kann ich diese teilweise künstlich herbeigeschriebenen Feindseligkeiten zwischen den Vereinen. Das ist nicht meins. Ich würde mir wünschen: Wenn schon so ein Derby zustande kommt, dass es im Geist von sportlicher Auseinandersetzung abläuft.

Seit dem letzten Derby hat sich einiges geändert. Hertha ist so eine Art Fahrstuhlmannschaft geworden. Union ist nicht mehr die kleine Nummer, die sie mal war.

Stefanie:

Das bestärkt mich darin, dass es eben kein Kampf der Kulturen ist. Union ist gewachsen, Hertha fängt ein wenig zu wackeln an. Beide Vereine haben sich angenähert.

Jan Hollants:

Ich finde, es geht darum, wie gestalten die Klubs den Fußball in ihren Stadien aus. Und da finde ich beide Vereine ziemlich unterschiedlich. Was die Einbindung der Fans angeht, den Ablauf im Stadion. Wir bei Union wollen bestimmte Sachen nicht, die bei Hertha stattfinden.

Zum Beispiel?

Jan:

Zum Beispiel die Stadionbeschallung. Wir wollen mehr Partizipation am Verein.

Stefan:

Das geht nur bis zu einer bestimmten Größe. Von außen ist mein Eindruck, dass die Beteiligung der Fans an vielen Projekten auf Dauer so nicht haltbar sein wird, einfach, weil das irgendwann zu groß wird.

Jan:

Genau darum geht es. Wir haben uns in einer bestimmten Art und Weise in der Zweiten Liga etabliert. Wir sind noch nicht da, wo der Verein auf alle Fälle mal hinmöchte, in die Bundesliga. Aber wir müssen jetzt den nächsten Schritt machen. Und das ist unsere Schwierigkeit. Wie wachsen wir weiter, ohne die Identität zu verlieren? Früher haben wir gesagt: Hertha ist unser Ventil, Hertha saugt alle Leute ab, die ein Event haben möchten mit großem Fußball im großen Stadion.

Stefan:

Ich gehe seit den 70er-Jahren ins Olympiastadion. Ich habe bei Hertha, von kurzen Phasen abgesehen, nicht viel großen Fußball gesehen. Aber ich gehe nicht wegen des Gegners dorthin, sondern wegen meines Vereins. Ich finde es übrigens auch nicht neu, dass Hertha sich mit der Zweiten Liga beschäftigen muss. Das war in den Achtzigern so und auch lange in den Neunzigern. Dass Hertha versucht hat, die Infrastruktur eines Branchenriesen aufzubauen, das war eine relativ neue Entwicklung. Und wenn man genau hinschaut, befindet sich der Verein seit einigen Jahren im Abschwung.

Jens:

Das ist bei Hertha aber im Verein drin. Von vielen Spielern kommt der Eindruck rüber, dass sie sich viel zu gut finden für die Gegner in Liga zwei.

Stefan:

Ich gestehe, dass ich im Moment ratlos bin. Ich weiß nicht genau, warum Hertha so lange im Abschwung ist. Es ist fast alles ausgetauscht worden: die Mannschaft gleich mehrfach, die Trainer in Serie. Wenn ich dann im Blog immerhertha lese, dass Hertha deshalb verlieren würde, weil der Manager auf der Bank einen traurigen Gesichtsausdruck hat, das ist doch Absurdistan.

Bei Union geht es seit längerem berauf. Gibt es einen Rat für die Herthaner?

Jan:

Wir sind auch ratlos. Für mich ist dies die erste Saison, dass ich bei Union kein Gefühl habe, wo es hingeht.

Martin:

Aber das ist doch so in dieser Liga. Alles ist so dicht beisammen.

Jan:

Stimmt. Aber wir bei Union stehen vor der Aufgabe, unser Spiel neu erfinden zu müssen. Früher war die Einstellung: Wenn wir schon nichts gewinnen, machen wir wenigstens euren Rasen kaputt. Alle wollten das Geackere sehen. Und jetzt sollen wir den Gegner bespielen...

Stefanie:

...und keiner weiß wie.

Tolle Voraussetzungen für ein Derby...

Jan:

Es werden jetzt andere Spieler geholt. Aber gleichzeitig wird bei Union auch immer zurückgezuckt. Die schnellen Spieler werden dann nicht gemeinsam aufgestellt, sondern nur einer. Im Zweifel wird, statt etwas zu riskieren, immer in die sicherere Formation zurückgegangen. Meiner Meinung nach müsste der Trainer sagen: Union will oben anklopfen. Da müssen wir etwas ausprobieren. Und das beinhaltet das Risiko, dass das fürchterlich schief geht.

Hilft da eine Wutrede à la Luhukay?

Jan:

Nein, das ist keine Frage der Motivation, die Spieler wollen schon.

Martin:

Spieler wollen immer, auch bei Hertha.

Stefan:

Ich bin mir da nicht so sicher. Aber ich verstehe das richtig: Der Weg von Union soll in die Bundesliga führen?

Jan:

Ja, das ist das Ziel von Präsident Dirk Zingler.

Stefan:

Das klingt aber deutlich anders als vor zwei Jahren. Da habt ihr gesagt: Wir möchten Zweite Liga spielen. Aber Union soll Union bleiben, in der Dritten Liga würden wir auch an die Alte Försterei gehen.

Jan:

Ja, das hat sich geändert. Jetzt heißt es: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Guter Fußball kostet Geld. Union baut eine neue Tribüne. Damit soll die Chance verbessert werden, Vip-Plätze und Logen verkaufen zu können.

Stefanie:

Bei Union gibt es eine Obergrenze. Das Stadion wird am Ende 22.500 Zuschauer fassen, entsprechend begrenzt sind die Vermarktungsmöglichkeiten. Auch in der neuen Alten Försterei wird Union nicht in jedem Wettbewerb spielen können. Das ist aber bekannt. Das ist es, was Präsident Zingler meint, wenn er sagt: Es wäre toll, wenn wir mal in der Bundesliga reingucken könnten. Aber da gehören wir nicht dauerhaft hin. Bei Union ist alles auf allen Ebenen im Umbruch. Das merkt man überall. Bei diesen neuen Derby-Shirts waren die Fans sich sehr uneinig, ob das eine gute oder eine schlechte Idee ist.

Jan:

Unser Vorstand hat ja vorgebaut. Mit der Volksaktie für den Stadionbau etwa ist ein Gremium von Fans entstanden, das gefragt werden muss. Da haben Leute 500 Euro hingetragen und sich, sagen wir, einen Gullydeckel gekauft und wissen: Das ist mein Stadion.

Je länger Union in der Zweiten Liga spielt, desto höher werden die Einnahmen, etwa durch die TV-Gelder. Der Etat steigt Jahr für Jahr. Was bedeutet das für den Verein?

Stefanie:

Ja, Union ändert sich. Es werden mehr Dauerkarten verkauft. Da kommen Leute mit anderen Stimmen, mit anderen Ansprüchen dazu.

Jens:

Da kommt der eine oder andere Eventfan rein. (Gelächter in der Runde)

Jan:

Bei mir in der Firma ist ein Engländer, der hat mir mal gesagt: Bei uns unterscheidet man zwischen Supportern und Fans. Die Supporter sind die, die gnadenlos hinter ihrem Verein stehen. Die Fans kommen, weil sie einfach ein schönes Spiel sehen wollen. Wir bei Union haben zunehmend auch Fans im Stadion. Das, finde ich, ist immer noch ein Unterschied zu Hertha. Beim letzten Derby habe ich beim 1:0 von Hertha gedacht: Wow. So laut kann das Olympiastadion sein. Da stehst du als Union-Fan in deiner Ecke und verstehst dein eigenes Wort nicht mehr. Aber dann? Dann habe ich nur noch Unioner gehört. Bis das 1:1 fiel. Und den Rest des Spiels sowieso. Da kam von den Hertha-Fans gar nichts mehr. Diese Entwicklung haben wir bei Union jetzt mehr und mehr auch.

Im Morgenpost-Blog immerhertha.de hieß es: Die sind ganz schön geschäftstüchtig, die Kapitalismus-Kritiker aus Köpenick.

Stefanie:

Ich habe Union nie als Kapitalismus-kritisch verstanden.

Stefan:

Das klang beim letzten Mal aber schon durch.

Jens:

Wenn man eine Shirt-Aktion für ein Spiel macht, finde ich es unproblematisch.

Stefanie:

Union hat sich nie als in diesem Sinne politisch begriffen. Dass es zu diesem Anlass etwas zum Anziehen gibt, kann man machen, finde ich.

Themenwechsel. Was fällt dir zu Torsten Mattuschka ein, Stefan?

Stefan:

Kult-Unioner, das fällt mir dazu ein. Wenn ein Unioner diesen Namen in den Mund nimmt, leuchten die Augen. Dann wird von einem gesprochen, der irgendwie schon immer dazugehört hat.

Wie ist es sonst um Typen in beiden Teams bestellt?

Stefan:

Bei Hertha gibt es derzeit kein Gesicht, von dem man sagen könnte, das repräsentiert den Verein. Hertha muss sich nach viel Chaos erst mal wieder als Einheit finden. Klar sind einige da, die sich dafür eignen würden. Thomas Kraft sicherlich, auch Mike Franz könnte einer werden, der war auch in anderen Vereinen immer einer von denen, die mal ein klares Zeichen setzen.

Jan:

Bei Union sind es Kohlmann, Parensen und Glinker.

Stefanie:

Parensen haben die Leute wirklich richtig lieb. Er ist für mich jemand, der für die Fans das verkörpert, was einen Unioner auszeichnet. Aber Maik Franz ist ja auch nicht auf den Kopf gefallen.

Stefan:

Absolut. Ich habe auch große Hoffnungen, die sich mit dem Mann verbinden. Er ist jemand, der mir als Gesicht des Vereins gefallen könnte, so ein Typ Arbeiter oder Kämpfer. Und er ist authentisch. An solchen Typen hat es zuletzt bei Hertha gefehlt.

Schnell noch ein Blick ins Jahr 2017. Wo sehen Sie Ihren Verein in fünf Jahren?

Jens:

Wir sollten uns in der Zweiten Liga weiter etablieren. Und wenn man ins Stadion geht, will man auch Siege sehen. Aber man sollte auch nicht die Bremse ziehen nach dem Motto: Jetzt sind wir hier oben und werden lieber nur Vierter.

Martin:

Ich hoffe, dass es Hertha in fünf Jahren als Fußballverein noch gibt:

Das klingt aber düster.

Martin:

Nicht düster, es war ja in den vergangenen Jahren schon alles auf Kante geschnitten. Ich habe mich damit angefreundet, und dafür läuft es relativ gut. Ich denke aber auch, dass Hertha in fünf Jahren wieder in der Bundesliga etabliert ist.

Stefan:

Ich bezweifle, dass das so schnell passieren wird. Weil man gerade in der Zweiten Liga immer damit rechnen muss, auch länger Zweite Liga zu spielen. Selbst wenn es im Wechsel mit der Bundesliga stattfindet, man wird kleinere Brötchen backen müssen. Hertha muss aus den Schulden rauskommen, doch die Zukunft ist ja schon auf Jahre hinaus verpfändet.

Stefanie:

Mein Wunsch ist, dass sich alles so fortsetzt, wie es angefangen wurde. Ich war nach dem Transfer von Chinedu Ede (für 1,2 Mio. Euro zu Mainz 05, d.Red.) angenehm überrascht, dass es keine ausgeflippten finanziellen Entscheidungen gegeben hat. Ich möchte auch gern Dirk Zingler behalten, weil er die mächtigste Stimme der Fans ist, die man haben kann.

Jan:

Ich wünsche mir, dass das nächste Derby in der ersten Liga stattfindet.