Paralympics

"Sport lässt mich lebendig sein"

Mit 21 Jahren hatte Kirsten Bruhn (42) auf Kos einen Motorradunfall, seitdem ist sie querschnittsgelähmt. Jahre später entdeckte sie den Schwimmsport wieder, den sie zuvor schon betrieben hatte. Aus der Blondine wurde eine Vorzeigesportlerin mit zig Siegen und Rekorden, die nun zum dritten Mal an Paralympics teilnimmt. Vor der Eröffnungsfeier im ausverkauften Olympiastadion (22 Uhr, ARD) sprach Morgenpost-Mitarbeiter Nick Köppen mit der Wahlberlinerin, die seit April in der Öffentlichkeitsarbeit für das Unfallkrankenhaus (UKB) in Berlin-Marzahn tätig ist.

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Berliner Morgenpost:

Wir erreichen Sie in Ihrem Quartier im paralympischen Dorf - wie lebt es sich dort? Rollstuhlfahrer brauchen ja ein wenig Platz.

Kirsten Bruhn:

Das stimmt, und den haben wir auch. Es sind Apartments, in denen mehrere gemeinsam untergebracht sind und jeder so auch sein eigenes kleines Reich hat. Irgendwo zwischen spartanisch und gehoben, so würde ich das mal definieren. Luxus brauchen wir nicht, insofern ist alles okay.

Mit 21 hatten Sie den Motorradunfall, jetzt sind Sie doppelt so alt. Von nun an sind Sie länger behindert als unversehrt. Spielt das in Ihrem Kopf eine Rolle?

Nicht wirklich. Natürlich denkt man mal dran, vor allem im Mai, wenn der "Jahrestag" des Unfalls ansteht. Aber ich bin niemand, der viel nach hinten schaut. Mit dem Rollstuhl hat für mich ein anderes, aber kein zweites Leben begonnen, wie manche Behinderte sagen. Ich versuche einfach, das Beste draus zu machen.

Da erstaunt es, dass Sie relativ lange brauchten, bis der Sport fest dazu gehörte?

Das ist wahr, und wenn ich jetzt noch einmal die Chance hätte, etwas nach dem Unfall anders zu machen, dann wäre es die Verkürzung dieses Zeitraums. Das waren zehn Jahre ohne Lebensmut, Perspektive, Lust und Motivation. Zehn dunkle Jahre. Inzwischen weiß ich längst: Der Sport gibt mir die Möglichkeit, lebendig zu sein.

Warum wurde es Schwimmen?

Das habe ich schon vor dem Unfall als Sport gemacht. Danach habe ich es als Reha-Maßnahme betrieben. Bin neben den alten Sportkameraden hergeschwommen. Bis mal eine meinte, mach mal bei den Behinderten mit, da bist du sicher Spitze. Aber ich habe mich schwer getan.

Aus welchem Grund?

Weil ich nicht akzeptieren wollte, dass ich behindert bin. Das klang für mich wie Mensch zweiter Klasse. Es hat gedauert, das abzulegen. Dann habe ich mich gefragt: was hast Du zu verlieren? Und geantwortet: Gar nichts! Es waren zweieinhalb Monate bis zu den Internationalen Deutschen Meisterschaften 2002, und die liefen wider Erwarten gleich richtig gut. Ich war aufgeregt, das Adrenalin trieb mich voll an - Mann, hat das gut getan!

Ihr Motto lautet: Träume nicht Dein Leben, lebe Deine Träume. Welche sind das?

Utopische und realistische. Die, die sich auf einem Niveau bewegen, an das man vielleicht nie rankommt, sind trotzdem wertvoll, wenn man sich Stück für Stück auf sie zubewegt und immer dranbleibt. Genau das versuche ich. Das heißt für mich, seinem Leben einen Sinn geben. Ich will etwas bewegen, insofern bin ich - obwohl ein wenig anders - eben ganz normal. Ganz normal anders.

Inzwischen halten Sie sogar Vorträge über mentale Stärke und Motivation. Sie trauen sich was, tragen auch im Rollstuhl mal ein Kleid mit tiefem Ausschnitt oder Hut, es gibt Aktfotos von Ihnen. Manche halten das für ungehörig, andere für provokant.

Sollen sie doch! Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, ich hab Lust an diesem Menschsein und so verhalte ich mich. Ich denke, das ist offen und ehrlich. Das sind die Eigenschaften, die ich neben Toleranz und Fairness auch an anderen Menschen am meisten schätze.

Es heißt, diese Paralympics werden Ihre letzten. Stimmt das?

Ja, definitiv. Nach einigen abschließenden Starts werde ich mich verabschieden. Irgendwann ist eine Geschichte einfach rund, und das wird sie bei mir mit London sein. Mit dem Alter hat das weniger zu tun, aber ich will auch als gesunde Athletin und nicht als kaputte Frau aufhören.

Hat sich im Behindertensport in den vergangenen zwei Jahrzehnten wirklich etwas zum Positiven verändert?

Ich würde sagen: ja. Wobei das freilich noch lange nicht heißt, jetzt ist alles gut. Man muss freilich realistisch bleiben. Wo man früher jahrzehnte- oder jahrelang auf der Stelle trat, wird nicht auf Anhieb der große Sprung folgen. Es geht ja nicht nur um die finanzielle Unterstützung, sondern um viele Kleinigkeiten im Umfeld. Da ist jeder Schritt wertvoll.

Das IOC zum Beispiel verbietet aus Marketing-Gründen die Werbung mit den fünf olympischen Ringen bei den Paralympics. Ist das nicht widersinnig?

Mein Verständnis dafür hält sich auf jeden Fall in Grenzen. Ich frage mich, warum tun die sich so schwer damit? Rechts die Ringe, links unsere drei Tropfen - das verkörpert doch inhaltlich gleiche Aussagen.

Sollten Olympia und Paralympics unter einem Veranstaltungsdach stattfinden?

Das wird zwar immer mal wieder diskutiert, aber ich halte eine parallele Austragung logistisch nicht für machbar. Den Behindertensportlern würde das auch kaum was bringen, die würden doch durchs Raster fallen. Nimmt man mal meine Schwimmerei: Da würde dann stets ein Vergleich mit Britta Steffen stattfinden, und der Laie gar nicht verstehen, warum die Leistungen so unterschiedlich sind.

Und was ist mit Läufer Oscar Pistorius, Schwimmerin Natalie du Toit und Tischtennisspielerin Natalia Partyka, die bereits hier wie da gestartet sind?

Ich sehe sie als Ausnahmen von der Regel, die unterschiedlich zu bewerten sind. Wenn die Leistungen wie bei du Toit oder Partyka ohne Hilfsmittel erzielt worden sind, habe ich davor große Hochachtung. Auch Pistorius hat etwas Tolles vollbracht, aber das ist definitiv nicht vergleichbar. Und auch nicht förderlich für den Behindertensport.

Die Sporthilfe hob die Prämie für eine Goldmedaille gerade auf 7500 Euro an. Also auf die Hälfte der Olympiaprämien. Finden Sie das okay?

Okay ist es nicht. Aber auch hier stecken wir in einem Entwicklungsprozess. In Sydney gab es noch so gut wie gar nichts. Setzt man da die 7500 Euro ins Verhältnis, ist das schon etwas. Was nicht heißt, sich damit zufrieden zu geben.

Nach dem Olympia-Abschneiden hat eine Strukturdebatte eingesetzt. Tut die auch im paralympischen Bereich not?

Ja. Im Vergleich mit anderen Nationen, wo Standing und Unterstützung des Behindertensports viel ausgeprägter sind, sind wir nicht in der Spitzengruppe. Manche hören es nicht gern, aber ich wünschte mir in Talentförderung und -sichtung manches aus DDR-Zeiten zurück. Wenn in der Bewegungserziehung von den Kindergärten angefangen immer weniger passiert, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir wie in Peking Elfter der Paralympics-Nationenwertung werden.

Wann sind die Paralympics in London für Sie gute Spiele?

Wenn sie Versprechungen einlösen, Hoffnungen erfüllen, Ansprüche realisieren. Persönlich: wenn ich über meine beiden Weltrekordstrecken 100 m Brust und 100 m Rücken jeweils eine Medaille gewinne.