Gewinnspiel

Trainieren wie eine Olympiasiegerin

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Alexandra Gross

Ein besonderer Tag für die Sieger des Gewinnspiels von Vattenfall und Berliner Morgenpost: Lena Schöneborn trifft Mitglieder der SG Treptow

- Zehn Meter beträgt der Abstand, so will es das Reglement. Ein Maßband hat Lena Schöneborn gerade nicht zur Hand, also schreitet sie auf dem zerfurchten Rasen am Adlerplatz die Strecke mit großen Schritten ab - und muntert die umstehenden Frauen und Männer der SG Treptow 93 dazu auf, es ihr gleichzutun. "Wir nehmen dann einfach den Mittelwert", sagt die Moderne Fünfkämpferin gut gelaunt und schleppt den Metalltisch, der als Entfernungsbegrenzung dient, bis zu der nunmehr ausgemessenen Stelle. Modern sieht er aus, der Schießstand auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions. Mit Stolz berichtet Schöneborn, dass dieser extra für die Olympischen Spiele in London gebaut worden sei. Die 26-Jährige lacht: "Nur das Timing mit dem Aufbau war nicht ideal. Der Schießstand wurde erst einen Tag vor unserer Abreise nach London fertig."

120 Schüsse pro Training

Wenig später fühlen sich die Vereinsmitglieder der SG Treptow fast wie richtige Fünfkämpfer. Sie haben den Hauptpreis im Gewinnspiel von Vattenfall und der Berliner Morgenpost gewonnen: ein Tag mit Peking-Olympiasiegerin Lena Schöneborn. Rund 750 Menschen treiben in dem Verein Sport, der aus der "Betriebssportgemeinschaft Bezirksamt Treptow" hervorgegangen ist.

Der Tag mit der Berliner Ausnahmeathletin beginnt um 10 Uhr, ungewöhnlicherweise mit dem Schießen. Eigentlich startet der Wettkampf im Modernen Fünfkampf mit Fechten, aber das Wetter sei gerade so schön, sagt Schöneborn, "da werfen wir jetzt mal schnell das Programm um." Bei 24 Grad und Sonne stimmen alle rasch zu. Aus einem mit grauem Schaumstoff gefütterten Thermobag holt Schöneborn die Waffe. Eine Laserpistole. "Aber es macht immer noch puff, weil ja noch Druckluft drauf ist", sagt die Olympiasiegerin von 2008. Im Wettkampf müssen die Athleten innerhalb von 70 Sekunden fünf Treffer landen, die Disziplin findet in Kombination mit dem Querfeldeinlauf statt, dem sogenannten Combined.

2011 wurde von der Luft- auf die Laserpistole umgestellt. "Bei der Einreise in fremde Länder tun sich aber viele Beamte schwer damit, weil der Laser nicht so leicht zu kontrollieren ist wie früher die Waffe mit der Munition", erzählt Schöneborn und erklärt den neugierigen Gewinnern aus Treptow, wie die Waffe zu führen ist, nachdem man mit einem Puls von etwa 190 an den Schießstand gelangt ist: "Langsam von unten nach oben heben." Nach jedem Schuss muss die Waffe kurz den Tisch berühren, sonst gibt es eine Strafe von zehn Sekunden. Außerdem muss die Waffe, die 1000 Gramm wiegt, geladen werden, damit der Laser wieder aktiv ist. Pro Trainingseinheit feuert Lena Schöneborn 100 bis 120 Schüsse ab.

Die Füße hüftbreit auseinander, nimmt Stefan Hornburg mit der Laserpistole Aufstellung. Er hebt den Arm, zielt mit dem Laserstrahl auf die fünf Scheiben. Zwei Treffer schafft er am Ende, dabei hat er nie zuvor im Leben geschossen. Der Personal-Trainer strahlt. "Die Waffe hat ganz zart in der Hand gelegen, vorne war es aber ein bisschen wackelig", beschreibt er seine Empfindung, "aber das sieht schwerer aus, als es ist." Danach greift Karatekämpferin Lisa-Marie Kaufmann zur Waffe, daran hindert sie auch der offene Bruch am großen Zeh nicht. "Puh, nach einiger Zeit wird die Waffe ganz schön schwer", sagt sie.

Mit dem Schießen kam Lena Schöneborn in London gut zurecht, 46 Sekunden benötigte die Berlinerin für alle drei Durchgänge im Greenwich Park. "Das war für meine Verhältnisse recht gut", erzählt sie. Ihre Teamkollegin Annika Schleu war in 38 Sekunden noch schneller, am Ende aber kam Schöneborn nur auf Platz 15, Schleu wurde 26. Beide Athletinnen waren tief enttäuscht, im Garten von Queen Elisabeth II. flossen reichlich Tränen. Dabei hatte bei Schöneborn das Reiten alle Medaillenträume zum Platzen gebracht. Bereits am ersten Hindernis hatte ihr Wallach Zidane verweigert, danach folgten zwei Abwürfe und eine hohe Zeitstrafe. Die 59 Sekunden Rückstand waren im abschließenden Combined nicht mehr aufzuholen. "Da das Pferd im Modernen Fünfkampf zugelost wird, ist das immer auch ein bisschen Glückssache", erklärte Schöneborn ihren aufmerksamen Zuhörern. Allerdings sei auch beim Fechten immer viel Unberechenbarkeit mit dabei. "Weil wir ja immer nur auf einen Treffer kämpfen. Und das gleich 35 Mal hintereinander." Man müsse sich also immer ganz schnell auf den neuen Gegner einstellen.

Im Fechten zählt jede Sekunde

Schräg gegenüber vom Schießstand ist die Fechthalle. Sie dürfte die meisten Besucher an die Schulzeit erinnern, der Geruch ebenfalls. Linoleum gemischt mit leicht abgestandener Luft. Auf dem Boden sind silberfarbene Planchen eingelassen, hier üben Nachwuchs und Topathleten Parade und Riposte. Lena Schöneborn erklärt, wie der Degen zu greifen ist. "Es gibt den Pistolengriff und den französischen Griff." Bei letzterem sei der Arm verlängert, der Griff aber auch nicht so stabil.

Die Ausrüstung ist streng vorgeschrieben. Muss ja auch so sein, damit die Klinge nicht durch die Kleidung stößt. Socken, Schuhe, Brustschutz bei Frauen, Plastron und Maske - alles ist eigens für das Degenfechten entwickelt, bei dem der ganze Körper als Trefferfläche dient. Das Anzeigegewicht für einen Stoß beträgt 750 Gramm. "Und wer auch nur eine Sekunde verschläft, der hat meist schon verloren", sagt Schöneborn. Im Gegensatz zum klassischen Degenfechten gibt es bei den Modernen Fünfkämpfern kein Angriffsrecht. "Damit ist das Fechten bei uns nicht so sehr vom Obmann abhängig. Wer einen Treffen setzt, der gewinnt das Gefecht."

Lena Schöneborn erklärt, wie der Körper vor dem Gefecht auszurichten ist; nämlich so, dass man so wenig wie möglich Trefferfläche zeigt. "Und die Degenspitze sollte immer so aufrecht sein, dass sie bedrohlich wirkt." Auf der Planche stehen sich jetzt der Moderne Fünfkämpfer Alexander Nobis von den Wasserfreunden Spandau 04 und Martin Süße von der SG Treptow gegenüber. Schöneborn erklärt die verschiedenen Angriffsvarianten und verrät dann mit einem Lächeln ihre Vorliebe für Oberschenkeltreffer, die sie vorher an der Hand antäuscht. Auf der Planche nebenan tritt die Top-Athletin Claudia Knack, ebenfalls von den Wasserfreunden, gegen Enrico Behnisch (SG Treptow) an. Die beiden Laien Süße und Behnisch stellen sich richtig gut an, sie wiederholen immer wieder denselben Angriff, dabei rinnt ihnen der Schweiß von der Stirn. Die anfängliche Angst, dem Gegner womöglich weh zu tun, ist längst vergessen. Auf der Planche herrscht Kampfeslust, natürlich in gesitteter Form.

Im Wettkampf würde sich nach dem Fechten nun das Schwimmen anschließen. 200 Meter Freistil sind dabei stets zu bewältigen. Auf dem Berliner Olympia-Gelände befinden sich sowohl ein Freibad als auch ein Hallenbad, und nur ein paar Hundert Meter weiter liegt das idyllische Reitstadion. "Für das Lauftraining haben wir ja dann gleich den Grunewald nebenan", sagt Schöneborn, die es vorzieht, in der Natur zu trainieren statt auf der Tartanbahn. "Auf jeden Fall haben wir hier optimale Bedingungen." Zudem wohnt Schöneborn mit ihrem Freund Alexander Nobis gemeinsam in Charlottenburg und damit in unmittelbarer Nähe zum Trainingszentrum am Olympiastadion. Das spart enorm viel Zeit, immerhin trainieren die beiden an sechs Tagen die Woche mehrere Stunden lang. Der Sonntag ist dann frei, und da ist alles erlaubt, was die Verletzungsgefahr nicht erhöht.

Leibgericht sind Nudeln mit Lachs

Das tägliche Üben der fünf unterschiedlichen und mitunter sehr komplexen Disziplinen verbraucht reichlich Kalorien. Da gilt es, sich kohlenhydratreich zu ernähren. "Wir kochen gern abends zusammen", erzählt Nobis, "am häufigsten kommen bei uns Nudeln auf den Tisch, sehr gerne auch mit Lachs in einer leichten Sahnesoße." Da passt es also gut, dass zum Abschluss des Trainingstages mit Lena Schöneborn noch gemeinsames Kochen mit den Gewinnern von der SG Treptow ansteht. Zunächst aber zeigt die Olympiasiegerin ihre Goldmedaille. Jeder darf die Plakette anfassen, einige beißen gar symbolisch hinein. "Die Medaille hat so viele Dellen, weil ich sie damals in den ersten Tagen gar nicht abgelegt habe", erzählt sie. In der Cookeria in Charlottenburg stehen beim "Sportler-Menü" vier Gerichte auf dem Speiseplan. Panzanella, ein Brotsalat aus der Toskana, eine Minestrone mit Pesto und Parmesanspänen, ein mariniertes Lachsfilet mit Wokgemüse und Reis sowie zum Abschluss ein Joghurtmousse.

Lena Schöneborn wird dem Brotsalat zugelost. Rasch schwingt sich die Studentin in die blaue Schürze, greift gekonnt zu Messer und Schneidebrett und hat binnen weniger Minuten die große Gemüsezwiebel in kleine Würfel geschnitten. Ein paar Tränen kann sie freilich nicht verhindern, aber dabei lacht sie. "Ist ja gleich geschafft", sagt die Berlinerin und widmet sich nun der Blattpetersilie. Anke Meiswinkel, Gründerin der Cookeria, ist begeistert, als die Olympiasiegerin die Kräuter mit dem Messerrücken vom Brett in die Schüssel streicht. "Das macht die Lena absolut perfekt."

Der Trainingstag mit Lena Schöneborn neigt sich dem Ende. Die Mitglieder der SG Treptow sind um einige Erfahrungen reicher und die Olympiasiegerin konnte ihre Sportart wieder ein paar Menschen näher bringen. Nach Olympia muss Schöneborn nun erst einmal Abstand gewinnen - dann will sie neu durchstarten. Olympia 2016 in Rio de Janeiro? "Das habe ich auf jeden Fall vor."