Fußball

Matchwinner von der Bank: Götze beendet Leidenszeit

Siegtreffer des Dortmunders gegen Werder Bremen ist Befreiung für Spieler und Klub

- Es war eine lange und innige Umarmung. Und es sah so aus, als wollte Marco Reus Mario Götze gar nicht mehr loslassen. Dabei flüsterte Reus seinem neuen Teamkollegen etwas ins Ohr. Ein Trost, weil Götze sauer war, dass er nicht von Anfang an spielen durfte? Ein Versprechen, zukünftig auch ein ganzes Spiel gemeinsam für Borussia Dortmund zaubern zu wollen?

Es musste etwas in dieser Art gewesen sein, was am Freitag nach dem 2:1 (1:0)-Siegtor für Borussia Dortmund gegen Werder Bremen auf dem Platz gesagt wurde. "Wir verstehen uns nicht nur auf dem Platz sehr gut, Marco ist ein überragender Typ", sagte Götze, der, was den Torjubel anging, nicht ins Detail gehen wollte. In der 81. Minute hatte er mit einem präzisen Rechtsschuss die Saisonpremiere des deutschen Fußball-Meisters gerettet. Nur drei Minuten nachdem der Nationalspieler eingewechselt worden war.

Es war ein persönlicher Frustabbau, den der 20-Jährige mit seinem Tor vornehmen konnte und zugleich eine Erlösung für den Titelverteidiger, der gegen die starken Bremer größere Probleme als erwartet hatte. "Es war eine sehr große Befreiung. Für mich und auch für die Mannschaft", erklärte Götze, der wegen einer Schambeinentzündung fast die komplette Rückrunde der vergangenen Saison verpasst hatte. Wie es Götze in dieser Zeit psychisch ging? Er hatte Probleme damit, plötzlich nicht mehr spielen zu können. Tatenlos ansehen zu müssen, wie die Teamkollegen den zweiten Meistertitel in Folge auch ohne ihn einfuhren, war zwar ein Trost, aber auch zwiespältig. Plötzlich schien die so hoffnungsvoll begonnene Karriere einen Knick zu bekommen.

"Ich habe eine harte Zeit hinter mir. Und auf der Bank zu sitzen, ist sehr schwer", sagte Götze, der auch in der Vorbereitung auf die aktuelle Saison erneut zurückgeworfen wurde. Diesmal durch eine Bindehautentzündung.

Nach dem Schlusspfiff waren jedoch alle Sorgen vergessen. Auch bei Trainer Jürgen Klopp, der lange um den ersten Saisonsieg hatte zittern müssen. "Nur so kommt man in die Saison, mit viel harter Arbeit", sagte der Coach, dessen Team Probleme im Defensivverhalten offenbarte. Immer wieder sorgten die Bremer mit schnellen Kontern für Durcheinander. Klopp: "Wir haben speziell Aaron Hunt zu viel Platz gelassen, der so gefährliche Bälle in unsere letzte Linie spielen konnte."

Das musste auch der prominenteste Neuzugang der Borussen erfahren. Marco Reus, der für 17,1 Millionen Euro Ablöse zu seinem Heimatverein zurückgekehrt war, versuchte immer wieder Lücken zu stopfen. Einmal spurtete er sogar 70 Meter zurück an den eigenen Strafraum, um einen Bremer Angriff mit einem Tackling zu unterbinden. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen seien nach Ballverlusten zu groß, sagte Ex-Nationalspieler Bernd Schuster. Selbst Reus müsse noch besser integriert werden: "Er muss sich der Mannschaft anpassen. Er sucht noch ein bisschen seine Wege, die Pässe in die Tiefe kommen noch nicht so richtig."

Dennoch ist das Offensivpotenzial der Mannschaft, die saisonübergreifend 29 Bundesligaspiele ungeschlagen ist, bereits deutlich erkennbar. Mit Reus ist es möglicherweise noch größer als im Vorjahr. "Ich glaube, dass Dortmund sogar noch besser geworden ist", sagte Franz Beckenbauer: "Reus ist ein Stratege, der das Spiel lesen kann, das konnte Shinji Kagawa nicht."

Ein weiterer Vorteil gegenüber den Bayern sei das wesentlich geringere Konfliktpotenzial bei kniffligen Entscheidungen darüber, wer spielt und wer nicht, glaubt Stefan Reuter. "Wenn ein Götze zurückkommt, sagt jeder Spieler: Der macht uns noch stärker", so der Weltmeister von 1990. Ob in München in vergleichbaren Situationen nicht größere Unruhe entstehe, bleibe abzuwarten. Klopp jedenfalls findet die interne Konkurrenz richtig gut. "Einen Mario Götze noch einwechseln zu können, finde ich richtig lässig", erklärte er. Reus freute sich ebenfalls. Über seinen guten Einstand mit seinem Tor zum 1:0 und fast noch mehr über das Comeback seines Freundes Mario Götze. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zukünftig beide gemeinsam von Beginn an wirbeln werden.