Interview

"Einen Trainer wie Pesic habe ich noch nie erlebt"

Albas Spielmacher Heiko Schaffartzik über den Wandel in der Basketball-Nationalmannschaft und seine Rolle als Kapitän

- Heiko Schaffartzik (28) ist Kapitän der Basketball-Nationalmannschaft, die in der EM-Qualifikation heute (20.15 Uhr, Sport1) in Ulm auf Schweden trifft. Der Spielmacher von Alba Berlin spricht im Interview mit Morgenpost-Sportredakteur Sebastian Arlt über die Arbeit mit Trainer Svetislav Pesic und die Tatsche, dass einige Spieler wie befreit aufspielen, seit die NBA-Stars Dirk Nowitzki und Chris Kaman nicht mehr im Team stehen. Und er ärgert sich darüber, dass deutschen Spielern wenig zugetraut wird.

Berliner Morgenpost:

Herr Schaffartzik, bisher zwei Spiele in der EM-Qualifikation, zwei Siege - rundum zufrieden?

Heiko Schaffartzik:

Wir haben beide Spiele gewonnen, das ist sicher positiv. Vor allem in Bulgarien war es nicht leicht. Aber wir haben noch einige Luft nach oben.

Wie schätzen Sie Ihre Leistung ein?

Na ja, ich könnte besser treffen. Ich muss an meiner Wurfquote arbeiten.

Sie lenken nicht nur das Spiel auf dem Feld, als Kapitän haben Sie auch Aufgaben außerhalb. Was gibt es da zu tun?

Ich gebe jüngeren Spielern Tipps, sie kommen mit Fragen zu mir, und ich spreche auch über andere Themen außer Basketball mit ihnen.

Tragen Sie gern Verantwortung?

Die trage ich in jedem Fall gern, nicht nur im Basketball, sondern auch in anderen Lebenslagen.

Für Sie ist es Neuland, unter Coach Svetislav Pesic zu arbeiten. Wie haben Sie ihn bisher erlebt?

Ich komme sehr gut klar mit ihm. Er legt größten Wert auf das Kollektiv und die Verteidigung. Es ist sehr angenehm, unter ihm zu spielen: Er sieht alles und weiß alles.

Haben Sie schon einmal einen solchen Trainer erlebt?

Nein, niemals.

Was macht Pesic besonders aus, er hat es ja mit einer im Durchschnitt sehr jungen Mannschaft zu tun?

Er ist geduldig, gibt uns Spielern sehr viel Selbstvertrauen. Man muss sich nur anschauen, wie hier ein Lucca Staiger (der Flügelspieler wechselt nach zweieinhalb Jahren bei Alba nach Ludwigsburg, Anm. d. Red.) spielt, der mehr oder weniger zweieinhalb Jahre nicht zum Einsatz kam. Wie der loslegt und zeigt, was er kann. Sicher hat er viel an sich gearbeitet, aber der Trainer gibt ihm eben auch das Selbstvertrauen. So kann Lucca seine beste Leistung abliefern.

Es scheinen einige förmlich aufzublühen in der Nationalmannschaft. Ist es für manchen auch ein Stück Befreiung, dass die beiden NBA-Stars Dirk Nowitzki und Chris Kaman nicht mehr dabei sind?

Bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Litauen war es schon so, dass wir Dirk und Chris sehr oft in der Offensive den Ball gegeben und ihnen Platz gemacht haben. Das ist jetzt nicht mehr so. Jeder Spieler hier hat viel Selbstvertrauen und sehr viel drauf. Aber viele müssen sich eben noch international beweisen, sie hatten bisher noch nicht die Gelegenheit dazu.

Viele hatten sogar kaum Gelegenheit, in der Bundesliga eine größere Rolle zu spielen.

Es geht mir voll auf den Zeiger, dass deutsche Spieler nicht zum Einsatz kommen in ihren Vereinen, weil eben ein Profi aus den USA oder anderen Basketballnationen stattdessen spielt, der nicht besser ist. Und dann müssen sich die Spieler anhören: Ach, der Deutsche, der kann ja doch was.

Die Nationalmannschaft als Beweis des Leistungsvermögens?

Natürlich. Es klingt dann immer so überrascht von den Leuten, nach dem Motto: Die können ja auch spielen, gibt's ja gar nicht. Und der Lucca Staiger trifft Dreier... Da denke ich schon: Wollt ihr mich verarschen? Das ist einer der besten Schützen in Deutschland! Mit mehr Erfahrung und Spielpraxis kann er einer der besten in Europa werden.

Ein gutes Beispiel ist auch Jan Jagla. Als Nowitzki und Kaman nicht dabei waren, hat er oft das Team getragen. Im Jahr 2011 bei der EM tauchte er vollkommen unter, jetzt ist er wieder oft der beste Werfer.

Da muss man auch noch sehen, dass Jan im Verein (Bayern München, Anm. d. Red.) ein Jahr lang mehr oder weniger nicht gespielt hat. Hier bekommt er die Chance zu spielen - und bum. Er zeigt sofort, was er drauf hat. Für mich ist es erstaunlich, dass es gar keine Diskussion darüber gegeben hat, dass da ein Spieler von der Klasse eines Jagla nicht spielt. Da hieß es nur: Der ist dann wohl nicht gut genug oder so... Und jetzt muss er sich - vom Prinzip her - ja bald rechtfertigen, weil er ein gutes Spiel macht. Das ist unglaublich.