Fußball

Terodde erlöst Union

Der Stürmer schießt den Zweitligisten in Essen kurz vor Schluss in die zweite DFB-Pokalrunde

- Platz da. Aus dem Weg. Von nichts und niemandem wollte sich Simon Terodde aufhalten lassen. Nicht in diesem Moment. Im vollen Sprint, die Arme in Siegerpose nach vorn gestreckt, rannte der Stürmer des 1. FC Union los, vom Strafraum der Essener quer über das Spielfeld direkt zur Seitenlinie. Zwischendurch noch einmal kurz durch die Haare gefahren, begleitet von einem lauten "Boah". Dann sprang er seinem bereits ausgewechselten Sturmkollegen Silvio in die Arme, anschließend seinem Trainer Uwe Neuhaus. Konnte es denn wirklich wahr sein? Der Jubel der mitgereisten gut 1500 Fans des 1. FC Union beseitigte auch die restlichen Zweifel. Terodde hatte getroffen, in der letzten Minute der Verlängerung, zum 1:0 für den Berliner Fußball-Zweitligisten gegen Rot-Weiss Essen. Kein normales Tor, ein Tor, das in die Vereinschronik gehört. Ein Tor, das Union und seinen Coach erstmals in die zweite Runde des DFB-Pokals brachte.

Endlich ist die Durststrecke beendet, nach vier vergeblichen Anläufen unter Neuhaus. Weil Terodde diesen Treffer einfach wollte. Weil er zeigen wollte, dass er den Ball nicht nur bloß mit dem Knie an den Pfosten lenken kann, wie zwei Minuten zuvor. Michael Parensen hatte sich - wie könnte es anders sein - noch einmal mit vollem Körpereinsatz in einen hohen Ball katapultiert, vor seinem Gegenspieler Roberto Guirino. Über Patrick Zoundi kam der Ball dann zu Terodde. Vincent Wagner versuchte Unions 1,92-Meter-Mann noch zu stoppen. Doch auch ihn schüttelte Terodde ab, bevor er das Spielgerät ins Tor drosch.

"Ich bin froh, dass es nicht zum Elfmeterschießen gekommen ist. Ich habe ihn reingemacht und einfach den Stecker gezogen", sagte der Matchwinner hinterher erschöpft, aber glücklich. In jenem Duell Schütze gegen Torwart hatte Union vor Jahresfrist den Kürzeren gegen den Regionalligisten gezogen. Das sollte gestern Abend unter allen Umständen vermieden werden. "Ich erwarte den Einzug in die zweite Runde", hatte Neuhaus seinem Team unmissverständlich klar gemacht. Doch er musste lange zittern.

Mit Mattuschka von Anfang an

Die Marschroute für die Revanche in Essen war einfach. "Wir sind der Favorit und wollen dies mit einer guten Mentalität auf dem Platz zeigen", hatte Neuhaus kurz vor dem Anpfiff erklärt. Dazu hatte er drei Änderungen in der Startelf im Vergleich zum Ligaspiel gegen Braunschweig vorgenommen. Kapitän Torsten Mattuschka ersetzte im Zentrum Tijani Belaid, Patrick Kohlmann rückte nach überstandener Bauchmuskelzerrung links in die Abwehrkette und Christian Stuff ersetzte Fabian Schönheim (Adduktorenzerrung). Es dauerte dennoch 20 Minuten, bis die Berliner die Partie in den Griff bekamen. "Anfänglich haben wir kaum spielerische Mittel gefunden und mussten vor Kontern auf der Hut sein. Der Gegner hat unglaublich viel investiert", sagte Neuhaus.

Frenetisch angetrieben vom Großteil der 12.500 Zuschauer im neuen städtischen Stadion - darunter auch RWE-Legende und Ex-Hertha-Trainer Otto Rehhagel - begann der Viertligist forsch. Max Dombrowka prüfte Union-Torwart Daniel Haas bereits nach zwei Minuten mit einem Kopfball. Dann übernahm Union, ohne jedoch gegen kämpferische Essener wirklich zu glänzen. Michael Parensen verpasst ein Terodde-Zuspiel (20.), Terodde selbst verzieht aus 16 Metern (21.), Silvio kommt bei einer Flanke von Marc Pfertzel einen Tick zu spät (26.) - die Gäste kamen durchaus vor das Tor der Hausherren und hatten ihre Möglichkeiten, jedoch keine so genannten hundertprozentigen. Das Bild sollte sich auch nach der Pause nicht ändern.

Als die Essener Fans nach einer Stunde hämisch in Richtung Union skandierten ("Zweite Liga, keiner weiß warum"), sah sich Neuhaus zum Handeln gezwungen. Luis Felipe Gallegos kam für Mattuschka (64.), der Chilene feierte sein Debüt im Union-Trikot. Doch zu oft kam Gallegos mit seinen Aktionen nicht über einen guten Ansatz hinaus. Als mit zunehmender Spieldauer den Gastgebern die Kräfte schwanden, warf Union nach einmal alles nach vorn, Parensen trifft den Pfosten (73.), der schon zur Pause eingewechselte Christoph Menz zwingt Essens Schlussmann Dennis Lamczyk mit einem 25-Meter-Kracher zu einer Parade (86.). Doch die Verlängerung war nicht mehr zu vermeiden.

"Wenn man dann in der Verlängerung ist, schlottern einem schon ein bisschen die Knie", wusste Neuhaus nur zu gut um die Verfassung seiner Spieler in den 30 Extraminuten. Wie der Erfolg am Ende zustande kam, war dem Coach egal: "Der Siegtreffer war zwar glücklich, aber nicht unverdient. Im Pokal geht es darum, die zweite Runde zu erreichen." Das haben die Unioner unter Neuhaus erstmals geschafft. Weil sie trotz sommerlicher Temperaturen nicht locker ließen, allen voran Terodde. Unermüdlich, bis zur allerletzten Minute, bis er Unions Pokalfluch endlich beenden konnte. Der Rest war pure Freude.