"Berlin fliegt"

Die Leichtathletik hebt ab

"Berlin fliegt" ist ein Erfolg - und soll auch im nächsten Jahr wieder vor dem Brandenburger Tor stattfinden

- Lukas ist erst zwölf Jahre alt, aber trotzdem schon fast ein alter Hase in der Leichtathletik. Er war mit seinen Eltern öfters beim Istaf, sogar bei der WM 2009 im Berliner Olympiastadion. Und auch bei den Olympischen Spielen in London durfte er zuschauen, wenngleich nur am Fernseher. Er findet Leichtathletik eben toll - "weil sie so abwechslungsreich ist". Besonders fasziniert haben ihn die Stabhochspringer, und da traf es sich gut, dass dieser besondere Wettkampf in die deutsche Hauptstadt kam: "Berlin fliegt", ein Länderkampf mit US-Amerikanern, Russen, Franzosen und dem Gastgeberteam, bestehend aus jeweils einer Weitspringerin, einem Weitspringer und einem Stabhochspringer. Lukas Tesche und seine Eltern haben sich extra so hingesetzt, dass sie von ganz nah Björn Otto zuschauen konnten, der tatsächlich mit seinem letzten Sprung die 5,70 Meter hoch liegende Latte überquerte und damit Deutschland den Sieg bescherte.

Da konnte sich Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), bestätigt fühlen, im doppelten Sinne. Zum einen wünscht er sich: "Wir wollen die Leichtathletik näher zu den Menschen bringen", mitten hinein in die Stadt, wo nicht nur das Fachpublikum erscheint, sondern auch Passanten, die wie hier eigentlich das Brandenburger Tor besichtigen wollen. Und dann feststellen, dass auf dem Pariser Platz direkt davor so ein ungewöhnlicher Wettkampf läuft. Und stehen bleiben und sich begeistern lassen. Bei "Berlin fliegt" hat das funktioniert.

Lautstärke wie in London

Rund 2000 Zuschauer sahen zu, die meisten von einer extra errichteten Tribüne, aber auch viele Zufallsbesucher blieben stehen. Aber Prokop hofft zugleich, dass junge Menschen der bis vor kurzem noch darbenden Sportart, die in London mit dem Gewinn von acht Medaillen positiv überraschte, neuen Schwung geben.

Das neue Format wird offenbar angenommen, nicht nur von den Zuschauern an Ort und Stelle. 2011, bei der Premiere des ungewöhnlichen Nationenvergleichs, hatte Eurosport live übertragen, diesmal war es die ARD. Vom Freitag wurde die unterhaltsame Veranstaltung auf den Sonntag verlegt, auch dies eine Aufwertung. Die Stimmung ist trotz der Affenhitze gut, und die Athleten scheinen alles zu genießen. So sagt US-Weitspringer Will Claye: "Wenn ich nach Hause komme, werde ich meinen Leuten erzählen, es war super Wetter, ein tolles Publikum, ich sah große Geschichte. Berlin fliegt ist geil." Auch Björn Otto, wie Claye Silbermedaillengewinner in London, war begeistert: "Wir springen ja auch auf Rügen oder vor dem Kölner Dom, aber vor dem Brandenburger Tor, dann noch im Fernsehen und dann noch für Deutschland - das ist schon etwas Besonderes."

Zwar sei es wiederum anders, vor 80.000 Zuschauern wie in London zu springen, aber die Lautstärke sei ihm nun in Berlin fast genauso vorgekommen - wegen der Nähe. "So ein Event macht einfach Spaß", pflichtete Weitspringer Sebastian Bayer bei, wenngleich es für die sportliche Höchstleistung nicht unbedingt förderlich sei. Denn es zählt bei dem ausgeklügelten System nicht die beste Leistung. Jeder Teilnehmer springt viermal. Jeder Durchgang wird einzeln bewertet: Der Gewinner holt für sein Land vier Punkte, der Zweite drei, der Dritte zwei, der Letzte noch einen. Fehlversuche allerdings werden mit null Punkten bestraft. In Berlin nun hatten die Deutschen als Sieger am Ende 35 Punkte vor den USA (29,5), Russland (24) und Frankreich (20,5). Halbe Punkte kommen zustande, wenn zwei Springer gleiche Weiten oder Höhen erzielen.

Zu wichtig wird das Ganze dann aber doch nicht genommen, wenngleich die siegreiche Mannschaft sich 24.000 Euro Prämie teilen darf, das zweitplatzierte Team nur 12.000 erhält. Wichtiger sind andere Faktoren. Mit "Berlin fliegt" will der DLV auch Promotion für das Istaf am 2. September machen und für die Bewerbung Berlins um die Europameisterschaften 2018. Der Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (EAA), Hansjörg Wirz, saß ebenso im Publikum wie andere Council-Mitglieder, die über die Vergabe der Titelkämpfe entscheiden werden. Sie werden zufrieden registriert haben, dass insgesamt zehn TV-Anstalten von dem Wettkampf berichtet haben und dass schon klar ist, dass auch die dritte Auflage 2013 in Berlin bereits gesichert ist.

Obwohl wie immer nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen können. Lukas Tesche nämlich ist zwar begeistert von der Leichtathletik, aber er will auch in Zukunft lieber Tennis spielen. Trotz Björn Otto.