Fußball

Deutschland hat zu viele Zuschauer

Gegner loben statt gewinnen um jeden Preis - büßt das Nationalteam seine wichtigste Tugend ein?

- Das Gewitter kam zu spät. Erst drei Stunden nach Abpfiff ging ein gewaltiger Guss über Frankfurt nieder und kühlte die Stadt ab, die zuvor bei 35 Grad gedampft und geschwitzt hatte. Immerhin waren die tropischen Temperaturen von den deutschen Nationalspielern nicht als Erklärung für die 1:3 (0:1)-Niederlage gegen Argentinien angebracht worden. Es war von Pech die Rede, von einem unglücklichen Spielverlauf und dem unglücklich gewählten Termin. Und dafür setzte es ein Donnerwetter.

Nicht von Bundestrainer Joachim Löw. Der hatte seine Spieler in bewährter Manier in Schutz genommen, hatte die Rote Karte hervorgehoben, die Torwart Ron-Robert Zieler nach einer halben Stunde gesehen hatte und das Eigentor kurz vor der Pause, das Sami Khedira unterlaufen war. Nein, es war Oliver Kahn, der am ZDF-Mikrofon lospolterte wie zu jenen Zeiten, als die Gegenspieler noch vor ihm zitterten und die Kollegen stramm standen, wenn er die Zähne bleckte. "Soll ich jetzt auch noch in den Tenor einstimmen: Alles toll, alles gut? 1:3 verloren, wo ist das Problem?", fragte er Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein.

Kahn stand unter Dampf. Die Defensive, die habe ihm nicht gefallen, schimpfte er, "wir alle wissen, was große Mannschaften brauchen: Kompaktheit in der Defensive." Löw müsse sich langsam mal Gedanken machen, ob seine Spielphilosophie, die ja auf offensives, schnelles Spiel setzt, wirklich sinnvoll wäre.

Im Grunde ging es dem einstigen Welttorhüter ums Prinzip. "Wir verlieren blutleer gegen Italien. Kriegen nun wieder drei Stück von Argentinien. Und dann stellen sich die Jungs hin und sagen: 'Pffft, morgen geht's weiter'", sagte Kahn. Er jedenfalls würde sich ärgern, wenn er 1:3 verlieren würde.

Kahn darf das sagen, denn wenn ihm zu aktiven Zeiten etwas nicht vorzuwerfen war, dann, dass er Niederlagen klaglos hinnahm. Er schüttelte Mitspieler durch, jagte Gegner mit Kung-Fu-Tritten durch den Strafraum und deutete auch schon mal einen Halsbiss an, wenn ihm jemand zu nahe kam. Doch hat er Recht mit seiner Generalkritik? Haben die deutschen Nationalspieler bei all ihrer Begabtheit die wohl wichtigste Sporttugend nicht verinnerlicht: das Gewinnen-Wollen - koste es, was es wolle?

Das Argentinienspiel allein taugt nur begrenzt, um diese Frage zu klären. Der Sinn des Termins anderthalb Wochen vor dem Ligastart ist hinreichend kritisiert worden, das Fehlen von sechs Stammkräften tat das Übrige.

Und doch rührt Kahns Kritik am Kern eines Problems, das offenbar bislang von der spielerischen Klasse der deutschen Spieler überdeckt wurde. Es war schon ein bisschen sehr unterwürfig, wie Benedikt Höwedes nach dem Spiel schwärmte, Lionel Messi habe offenbar "einen Magnet im Schuh", so gut spiele er. Und beim Halbfinal-Aus bei der EM gegen Italien fehlte der deutschen Mannschaft jenes Feuer, das auf höchstem Niveau oft über Sieg und Niederlage entscheidet. "Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen", hatte Khedira analysiert, und Marco Reus ergänzte, die Italiener wären wohl "geiler auf den Sieg gewesen." Wie so etwas in einem derart wichtigen Spiel möglich ist, diese Frage blieb unbeantwortet.

Doch ist da tatsächlich ein grundsätzliches Problem, das sich da eingeschlichen hat und das "undeutscher" kaum sein könnte, schließlich war der eiserne Siegeswille stets das größte Kapital einer deutschen Nationalmannschaft? "Nein", sagt Andreas Brehme, der 1990 die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zum Weltmeistertitel schoss. Gegen Italien habe die Mannschaft einen schlechten Tag erwischt, "so etwas kommt vor und ist leider nicht immer erklärbar". Dass aber dem deutschen Team prinzipiell der Biss fehlen würde, sieht Brehme nicht: "Das Spiel gegen Argentinien kann man doch nicht werten. Zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen ist es ein Muster ohne Wert."

Das findet auch Hansi Müller, der zwischen 1978 und 1983 in 42 Länderspielen das DFB-Trikot trug. "Ich halte es für Unfug, so ein Spiel als Maßstab für eine Kritik zu nehmen, wie sie Oliver Kahn geübt hat. Es bringt doch jetzt nichts, unter den gegebenen Umständen derart hart mit der Mannschaft ins Gericht zu gehen."

Sein ehemaliger Mitspieler Karlheinz Förster, der in 81 Länderspielen die Gegner das Fürchten lehrte, hat deutlich mehr für Kahns Thesen übrig: "Im Prinzip hat er Recht. Als ehemaliger Abwehrspieler weiß ich, dass zu viel Offensive zu Lasten der Defensive geht." Kahns Kritik hat Löw zur Kenntnis genommen. Ich teile seine Meinung bedingt", sagte der Bundestrainer: "Gegen Argentinien haben wir es im Zentrum schwer gehabt. Einige Situationen hätten wir besser lösen können." Am 7. September bei der WM-Qualifikation gegen die Färöer.