Hertha BSC

Riesenpranken und wenig Sorgen

Torhüter Philip Sprint sieht sein erstes Profijahr bei Hertha BSC als Lehrjahr. Aber seine Rolle verändert sich schnell

- Ein wenig trug das Training wieder den Charakter einer Strafeinheit. Keine Bälle für die Fußball-Spieler von Hertha BSC hieß es bei der ersten Übungsstunde nach dem freien Dienstag. Obwohl, ganz korrekt ist das nicht, es müsste heißen: keine Fußbälle. Denn Rundleder gab es schon, allerdings größer und schwerer, in der Felix-Magath-Version. Arbeit am Medizinball verordnete Trainer Jos Luhukay. Das hatte man bis dato noch nicht gesehen unter dem neuen Übungsleiter des Zweitligisten.

Aber die Situation hat sich nun mal verändert mit dem desaströsen 1:3 beim FSV Frankfurt. Das Wohlfühlklima ist passé, Luhukay hat mit deutlichen Ansprachen eine neue Atmosphäre kreiert. Zumindest hat er es versucht. Mehr Ernsthaftigkeit sollen die Spieler zeigen, mehr Verantwortung, mehr Teamgeist. In genau diese Richtung war wohl auch jene Übung zu interpretieren, bei der sich je zwei Profis gegenüberstanden und nach Hockstrecksprüngen in der Luft abklatschten.

Hätte das jemand mit Philip Sprint als Partner versucht, er hätte sich ganz schön strecken müssen. Doch der 1,96-m-Riese drosch sich etwas abseits mit den Torhüter-Kollegen die Bälle um die Ohren, richtige Fußbälle. Sie waren die einzigen, die welche bekommen hatten. Gut für Sprint, er bereitet sich auf seinen ersten Starteinsatz im Profiteam von Hertha vor.

Im Tor stand er bereits am Sonntag, alle drei Gegentreffer hatte er hinnehmen müssen. "Ich war natürlich enttäuscht, dass wir verloren haben. Aber ich habe mich gefreut zu spielen", sagt der 19-Jährige. Geplant war sein Mitwirken nicht, Sascha Burchert begann in Frankfurt. Doch der erhielt eine Rote Karte, Sprint kam rein und erlebte als Profidebüt gleich einen Elfmeter gegen sich. "Ach, das war nicht so schlimm. Ich habe versucht, ihn zu halten", so Sprint. Es klappte nicht.

Sprint erzählt zum ersten Mal darüber, am Montag noch stürmte er an allen Fragestellern vorbei, weil er dringend zur Schule musste. Bis Dezember macht er noch sein Abitur. Er muss pauken. Im Prinzip wie bei Hertha, nur beschäftigt er sich hier nicht mit Mathematik und dem ganzen Kram, sondern die gehobene Torwart-Schule ist sein Hauptfach. Zumindest empfindet es Sprint so, der in diesem Sommer aus der A-Jugend in den Profikader aufrückte. "Für mich ist das erste Jahr ein Lernjahr. Ich hoffe, dass ich das später auch mal umsetzen kann", erzählt der Hüne mit den Riesenpranken.

Die Gelegenheit kommt nun deutlich früher statt später, obwohl er nur als Nummer drei in die Saison gegangen ist. Thomas Kraft, der Stammkeeper, muss noch zwei Spiele pausieren - und Burchert, die eigentliche Nummer zwei, vielleicht noch länger für eine falsche Entscheidung büßen, als derzeit zu erahnen ist. Der 22-jährige ist nur für das nächste Zweitligaspiel gegen Regensburg gesperrt worden, dennoch wird Luhukay am Sonntag in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Wormatia Worms (14.30 Uhr) auf Burchert verzichten. "Philip soll Spielpraxis bekommen", kündigte der Trainer bereits an. Nach den vier Partien ohne Thomas Kraft im Tor, der zum Derby gegen den 1. FC Union zurückkehren wird (3.9.), stand Sprint dann weit länger zwischen den Pfosten als Burchert. Begeht er keine großen Patzer, dürfte sich das auf die interne Rangfolge der Torwarte auswirken.

Für Burcherts ohnehin nicht gradlinig verlaufende Karriere wäre es ein tragisches Kapitel, das ihn weit zurückwerfen würde, sehr weit. Für Sprint, der aus Neukölln stammt und mit sechs Jahren nach Reinickendorf umzog, kommt dagegen alles aus heiterem Himmel. "Ich freue mich, es ist ein schönes Gefühl, spielen zu können", sagt er. Gegen Frankfurt war er in den ersten Minuten aufgeregt, in Worms wird er es sicher auch sein, es geht um so viel. Hertha darf nicht in die nächste Blamage rauschen. Die Hauptverantwortung dafür liegt jedoch bei seinen Mitspielern.

Sie stehen mehr unter Druck als der junge Torwart, der recht unbekümmert wirkt - trotz der großen Ereignisse, die auf ihn zukommen. Er steht in einer Runde und erzählt, dass er keine bestimmten Vorbilder hat, sondern sich von allen guten Torhütern etwas abschaut. Das nächste Spiel, sein erstes in der Startelf, war auch schon Thema. Christian Fiedler, der Torwart-Trainer, hat mit ihm darüber gesprochen, "wie ich das Spiel angehen soll". Philip Sprint wird noch mehr Tipps erhalten in den nächsten Tagen, sicher auch von Thomas Kraft, ebenso von Sascha Burchert. Das gehört zu den Dingen, die der Chef sehen will: Teamgeist. Denn in Worms soll die Mannschaft nach dem Spiel nicht so dastehen wie in Frankfurt, sondern so wie am Dienstag: In die Luft springend und abklatschend.