Olympiastarter

Polonaise Blankenese

Deutschlands Olympiastarter laufen mit der "MS Deutschland" in Hamburg ein und zeigen sich als Party-Athleten

- Als backbord die Elbphilharmonie langsam und erhaben ins Blickfeld schwebt, da ist Carsten Schlangen einfach überwältigt. "Wahnsinn! Das ist wirklich gelungen, und wenn man so einen Bau dann mal aus der Nähe sieht - einmalig." Schlangen kommt aus Berlin, er ist ein guter 1500-Meter-Läufer. Doch die Hamburger Hafencity taxiert er am Mittwoch mit den Augen des studierten Architekten. Auf Deck 9 der "Deutschland" kommt der 31-Jährige aus dem Staunen nicht heraus, seine Kamera hält jede Nuance fest. Rund 60 Boote begleiteten das Traumschiff, das mit 217 der 392 deutschen Olympiastarter gestern um 10.25 Uhr in die Heimat zurückkehrte. Auf seinem Weg elbaufwärts standen bereits Tausende Sportfans, im Hafen warteten rund 20.000 Menschen auf die Sportler. Gecharterte Barkassen voller Touristen, Elbfähren und winzige Motorjollen gaben dem Kreuzer Geleit.

Kaiserwetter in der Hansestadt - und Gänsehaut im Sonnenschein. War der Tag auf See am Dienstag noch durchgängig diesig und von kühlen Böen begleitet, riss am Morgen auf der Elbe der Himmel auf. Strahlender Sonnenschein passte zur großartigen Szenerie. Die Olympioniken schreien ihren Dank gegen den Wind - und weil das wohl nie ankommt, gibt's La Ola für die Fans gratis dazu. "Ich habe ja schon einige Ankünfte erlebt. Und ich hatte hier auch mit Massen gerechnet. Aber dass es so krass wird, hätte ich nicht gedacht", gibt Leichtathlet Schlangen zu. Dann muss er sich sputen, wie im olympischen Vorlauf: Das deutsche Olympia-Team geht schließlich zuerst von Bord - allen voran die Berliner Hockeyspielerin Natascha Keller mit der deutschen Fahne. Das hatte sie bei der Eröffnungsfeier in London ja erfolgreich geübt.

Hambüchen einfach begeistert

"Ich seh' nichts mehr!", kreischt Turnerin Elisabeth Seitz plötzlich. Mit 1,60 Meter hat sie auf dem Lido-Deck in der dritten Reling-Reihe auch wirklich keine Chance. Das provisorische Podest aus Holzliege und Hocker wackelt bedenklich, aber die 18-Jährige balanciert das aus wie auf dem Schwebebalken. "Die Fahrt war richtig toll, und jetzt dieser Empfang! Wir haben so viel erlebt", berichtet die Deutsche Meisterin aus Mannheim, die auf ihren sechsten Olympia-Platz am Stufenbarren ganz stolz ist. Als das Schiffshorn dreimal tutet, hüpft Turn-Ass Fabian Hambüchen unruhig über die Planken wie ein Schiffjunge auf seiner ersten Fahrt. Er freut sich schon auf den Urlaub mit seiner Freundin Caroline. Vorteil Hambüchen: Der Silbermedaillengewinner am Reck muss nur das Schiff wechseln. "Wir machen eine Kreuzfahrt im Mittelmeer", sagt der 24-Jährige. Nicht nur sein drittes Olympia-Abenteuer hat Hambüchen platt gemacht, auch die Massen am Hafen und der einmalige Empfang. "In London waren wir ja lange Zeit abgeschirmt und unter uns. Da kriegt man die Euphorie zu Hause nicht so mit", meint der Turnkünstler und verneigt sich wie nach einer gelungenen Kür.

"Wir fühlen uns wie in der Karibik. Das ist nur in Hamburg möglich", meint die zweimalige Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth, die auf dem 36-Stunden-Törn dabei war. Auch als viel gefragte und oft kritische Gesprächspartnerin. Aber auch sie hat die Fahrt genossen und Spaß gehabt. Mit einem Lächeln und Augenzwinkern meint sie: "Der neueste Twitter kursiert, wie viele Olympiasieger wohl in den letzten beiden Nächten an Bord gezeugt worden sind." Als die bekannte "Traumschiff"-Melodie aus den Lautsprechern knistert, grient Hockeyolympiasieger Tobias Hauke.

Ins Goldene Buch eingetragen

Nach zwei nächtlichen Partys an Bord der "Deutschland" sieht die Welt auch durch die Sonnenbrille noch cool aus. "Das mit der Deutschland war eine Weltklasse-Idee, ein runder Abschluss, diese zwei Tage waren super geil!", sagt der 195-malige Nationalspieler. Schon in den Nächten zuvor hatten die Hockeyspieler das Party-Kommando übernommen und Vollgas gegeben. Bei ihrer Siegesfeier hatten sie gar für Ärger gesorgt, als sie in Feierlaune einiges auf dem Traumschiff demolierten. "Das Schiff ist aber noch bestens in Schuss und sehr gemütlich eingerichtet", sagte Teamkollege Moritz Fürste grinsend.

"Das hat echt Spaß gemacht", krächzte der Schlagmann des Ruderachters, Kristof Wilke, auf dem Weg zur Autogrammmeile für die Zuschauer. Tierisch stolz sei er als Fahnenträger, nur seine Stimme habe er wie andere Kollegen an Bord gelassen. "Eine Runde Hustenbonbons wäre jetzt das Richtige für alle", fügte der Triathlet Jan Frodeno mit verschmitztem Lachen hinzu. Im Anschluss an die rauschende Party im Hafen trugen sich die Olympiasieger ins Goldene Buch der Hansestadt ein. Vom Hafen ging es auf dem Wasserwege ins Hamburger Rathaus. Schon auf dem Weg wurden die Sportler von jubelnden Zuschauern begleitet. Vor dem Rathaus versuchten etwa 4000 Fans einen Blick auf die Athleten zu erhaschen. Im Festsaal klang die Willkommensfeier langsam aber sicher aus. "Unsere Helden", nannte Hamburgs Erster Bürgermeister, Olaf Scholz (SPD), die Sportler.

Berlins Hockey-Olympiasieger Martin Häner und Natascha Keller landeten dann am Abend in Berlin, wurden im Klubhaus des BHC geehrt. Und heute steht die vorerst letzte große Gala an: Im Estrel in Neukölln wird zum großen Empfang aller Berliner Olympiastarter gebeten.