Hertha BSC

Das nächste Donnerwetter

Überheblich, lauffaul und egoistisch: Hertha-Trainer Luhukay nimmt sich seine Mannschaft vor

- Es gab reichlich Redebedarf. Zu Beginn des Trainings hielt Trainer Jos Luhukay eine 22-minütige Ansprache vor der vor ihm sitzenden Mannschaft. Am Ende der Einheit redete der Trainer eine halbe Stunde intensiv mit Kapitän Peter Niemeyer. Wie schon am Tag zuvor war Luhukay nicht misszuverstehen. "Es kann nicht sein, dass auf dem Platz jeder macht, was er will." "Es ist keine Frage des Systems, es ist eine Frage des Willens."

Die Zweite Liga hat zwar erst den zweiten Spieltag absolviert, aber der Trainer von Hertha BSC zieht brachial die Notbremse. Nicht nur, weil der Aufstiegsfavorit mit einem Zähler auf Rang 15 steht, sondern wegen der Art, wie die Berliner beim FSV Frankfurt 1:3 verloren. "Das Problem sitzt tief", sagte Luhukay.

Tadel für die Verlierer-Mentalität

"Die vielen Niederlagen der Vergangenheit haben Spuren hinterlassen. Die Mannschaft hat nach dem 1:1-Ausgleich nicht mehr an sich geglaubt." Er wirkt überrascht. "Ich dachte nach dem Paderborn-Spiel, wo zweimal ein Rückstand aufgeholt wurde, dass die Mannschaft mental stärker ist."

Der Trainer hatte in der kritischen Phase nach dem zwischenzeitlichen 1:1 einen Mangel an Führung ausgemacht. Von Änis Ben-Hatira, der den Eindruck erweckt, als sei er durch die Übernahme der Rückennummer 10 der legitime Nachfolger von Raffael, war in jener Phase nichts zu sehen. Ronny war vor 6630 Zuschauern ebenso ein Totalausfall wie Stürmer Adrian Ramos. Auch Peter Niemeyer vermochte kaum Impulse zu setzen.

Wie so oft im Leben: Wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht zu sorgen. Die "Bild" bezeichnete Niemeyer als "Kapitänchen". Was Niemeyer mit einem Lächeln quittierte. "Nach so einem Spiel gibt es einigen Anlass für ein Gespräch zwischen Trainer und Kapitänchen", sagte er über den intensiven Austausch mit Luhukay nach dem Training. Niemeyer hatte nach der Rückkehr aus Frankfurt eine schlaflose Nacht. "Wir haben als Kollektiv versagt. Das will ich als Kapitän nicht noch mal sagen müssen."

Der Trainer hat nach wenigen Wochen in Berlin in aller Deutlichkeit thematisiert, was langjährigen Begleitern seit längerem auffällt: Das Phänomen, dass so viele Hertha-Jahrgänge in unterschiedlicher personeller Besetzung so regelmäßig unter ihren Möglichkeiten bleiben. So hatte Manager Michael Preetz in diesem Sommer wie bereits beim Abstieg vor zwei Jahren resümiert, dass die Qualität des Kaders eigentlich locker hätte für den Klassenerhalt reichen müssen. Die Realität indessen heißt FSV Frankfurt und am nächsten Spieltag Jahn Regensburg. Luhukay legt den Finger in die Wunde. "Wir sind auf jeder einzelnen Position besser besetzt als der FSV. Und verlieren trotzdem 1:3. Da müssen wir uns hinterfragen."

Für seine Positionierung erhält der Trainer von Manager Preetz "natürlich jede Unterstützung für sämtliche Maßnahmen". Die ewigen Bedenkenträger im Hertha-Umfeld verweisen nun darauf, dass es riskant sei vom Trainer, zu diesem frühen Zeitpunkt mit so grundsätzlicher Kritik zu kommen. Dieses Stilmittel verbrauche sich sehr schnell. Letzten Endes dürfe ein Trainer seine Mannschaft nicht verlieren. Ein Schreckgespenst, das Ex-Trainer Markus Babbel dazu geführt hat, in kritischen Situationen möglichst nahe an die Mannschaft zu rücken.

Luhukay geht einen anderen Weg. Nicht taktisch, sondern aus dem Bauch heraus. Es sei das erste Mal in seinem Trainerleben, dass er sich so über eine Mannschaft äußere. Der Coach ärgert sich über den ideenlosen und lahmen Auftritt in Frankfurt: "Bei uns fehlt es an der Bereitschaft zu laufen. Das kann nicht sein."

Auch Rechtsverteidiger Marcel Ndjeng war die Überheblichkeit in Teilen der Mannschaft nicht entgangen. "Es ist enttäuschend, weil wir uns selbst um den Erfolg gebracht haben." Der Neue hofft auf einen "Hallo-Wach-Effekt, weil jeder gesehen hat, dass wir in der Zweiten Liga nicht mit ein bisschen Fußballspielen über die Runden kommen".

Dass die Youngster John Brooks und Torwart Sascha Burchert gemeinsam den Ausgleich verschuldeten, bringt den Trainer nicht auf die Palme. Er fordert von den Jungen zwar rasche Lernprozesse, dass denen aber mal Fehler unterlaufen - geschenkt. Aber Luhukay nervt die fehlende Bereitschaft, sich reinzuhängen und "für einander zu arbeiten. Wir sind noch kein Kollektiv".

Fehlende Leidenschaft - das war bereits in der Vorsaison ein immer wiederkehrender Vorwurf an die Hertha-Spieler.

Noch stehen 32 Runden aus. Mit Torwart Thomas Kraft, Manndecker Maik Franz und Mittelfeldspieler Peer Kluge werden in den kommenden Wochen potenzielle Führungsspieler zum Team stoßen. Zähneknirschend verweist Luhukay darauf, dass "wir Geduld brauchen. Wir sind noch auf dem Weg".

Von einem Fehlstart will er dennoch nichts wissen. Luhukay: "Nach zehn Spielen kann man sagen, wo die Reise hingeht. Dann wollen wir so stehen, dass wir realistische Chancen im Aufstiegsrennen haben." Die Fans werden nicht so langmütig sein. Im DFB-Pokal am Sonntag in Worms und in der Liga gegen Regensburg werden Siege erwartet. Und im Derby am 3. September beim 1. FC Union darf sich Hertha so eine Vorstellung wie in Frankfurt schon gar nicht leisten.