Erfolgsserie

Bolt macht sich zur Legende

Der Star der Spiele gewinnt auch über die 200 Meter Gold. Dreifachtriumph für Jamaika

Zu Bescheidenheit sah Usain Bolt (25) erst gar keinen Anlass, zumal sein Plan ja aufgegangen war. "Ich bin jetzt eine Legende", posaunte der Jamaikaner heraus, "und ich bin außerdem der größte lebende Athlet."

Sollten früher andere über den Legenden-Status eines Sportlers befunden haben (für gewöhnlich ergibt sich so etwas erst in der Retrospektive) - für den Ausnahmeathleten Bolt gilt es nicht. Er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Gestern Abend gewann er seine fünfte olympische Goldmedaille. Über die 200-Meter-Distanz rannte er sich die Seele aus dem Leib und siegte in 19,32 Sekunden, verfolgt von Yohan Blake (19,44 Sekunden) und Warren Weir (19,84). Aber immerhin war es kein Spaziergang für den großen Favoriten.

Weil diese beiden ebenfalls aus Jamaika stammen, bekam das spektakuläre Finale eine weitere historische Dimension: Nie zuvor hatte die Karibikinsel über 200 Meter bei den Spielen die ersten drei Plätze auf dem Siegerpodest besetzt. "Wundervoll", flötete Bolt, "Jamaika hat bewiesen, dass wir die beste Sprint-Nation sind."

Zwei Drittel der Mission erfüllt

Was hinter diesen märchenhaften Erfolgen steckt, darüber rätselt die Welt spätestens seit 2008, als der Schlaks mit den raumgreifenden Schritten sie staunen machte mit seinen Weltrekorden über 100 und 200 Meter, plus den Weltrekord mit der 4x100-Meter-Staffel. Blake juchzte gestern: "Platz eins, zwei, drei − dieser Moment ist so besonders für Jamaika." Zwei Drittel seiner Mission hat Bolt nun also erfüllt, am Sonnabend soll nach den beiden ersten Siegen noch das Staffel-Gold folgen, auf das die Jamaikaner größter Favorit sind.

Den 80.000 Zuschauern im Stadion bot der schnellste Mann der Welt wie schon am vergangenen Sonntag über die halbe Distanz (9,63 Sekunden) eine Show, für die er entzückt bejubelt wurde. Ein Flachs mit den Volunteers, ein albernes Winken ins Publikum, ein freches Grinsen Sekunden vor dem Startschuss, ausgelassener Jubel auf der Ehrenrunde - die Londoner lieben ihn. "Das hier ist mein Moment! Das alles werde ich nie vergessen. Bahn sieben ist immer gut gewesen zu mir in den vergangenen Tagen", rief er.

Dabei war das Rennen dann "härter, als ich gedacht hätte", gab Bolt zu. "Ich konnte den Druck spüren, als ich loslief. In dem Moment musste ich konzentriert bleiben." Schließlich wusste er: eine Schwäche, und Wunderknabe Blake (22) würde ihn abhängen. So wie im Juni bei den Olympiaausscheidungsrennen in Jamaika. Vor allem die Niederlage über die 200 Meter, seine Lieblingsstrecke, stimmte Bolt damals sehr nachdenklich. Sein Nimbus schien in Gefahr. Und er hatte auf die Niederlagen reagiert.

Lange hatte er sich mit Verletzungen herumgeplagt, der Rücken schmerzte, die Dinge liefen beileibe nicht wie geschmiert. Was genau er und sein Trainer Glen Mills nach den Trials veränderten oder taten, um Bolt wieder in Schuss zu bringen, erklärte er nicht genau. Nur so viel ahnte er: "Mein Coach wird ausflippen jetzt. Daran haben wir die ganze Zeit gearbeitet. Er hat uns ziemlich hart schuften lassen."

Ihn - und Yohan Blake, der in derselben Trainingsgruppe wie Bolt seine persönlichen Grenzen verblüffend weit verschoben hat innerhalb kurzer Zeit. "Ich möchte Usain danken", sagte Blake sogar.

Wie es jetzt weitergeht für den schnellsten Mann der Welt? Bolt weiß es selber noch nicht so genau. Er sagte: "Ich brauche nichts mehr zu beweisen. Ich habe der Welt gezeigt, dass ich der Beste bin. Und jetzt? Jetzt werde ich es genießen." Als nächstes drehe sich aber noch mal alles um die 4x100-Meter-Staffel. "Wir wollen rausgehen, Spaß haben und unser Bestes geben", kündigte Bolt an. In den Ohren seiner Gegner muss es wie eine Drohung klingen.

Er hat sogar Carl Lewis überholt

Über die 200 Meter hatte Bolt ja durchaus Ambitionen auf den Weltrekord gehabt, den er 2009 in Berlin aufgestellt hatte. 19,19 Sekunden erwiesen sich dann aber doch als schwer erreichbar an diesem lauen Sommerabend in London. Dennoch: "Ich wusste, es lag im Bereich des Möglichen. Ich kam aus der Kurve, aber ich war nicht schnell genug. Ich konnte die Belastung in meinem Rücken spüren."

Dass er nun sogar Carl Lewis, den neunmaligen Olympiasieger, überholt hat, ließ Bolt unerwähnt. Dem Amerikaner fehlten 1988 in Seoul vier Hundertstelsekunden zur zweiten 200-Meter-Goldmedaille. Doch Bolt nennt als sein Vorbild ohnehin Michael Johnson. "Ich bin aufgewachsen und habe ihn Weltrekorde brechen sehen", erinnerte sich der Jamaikaner an den US-Sprinter. "Er ist ein fantastischer Sportler. Und ich, ich bin jetzt in derselben Kategorie wie Michael Johnson. Das ehrt mich."