Serie

Zum Kentern verurteilt

Morgenpost-Autor Hajo Schumacher trainiert mit Topathleten. Serienteil 4: Kanurennsport

Meine Trainerin ist streng. "Nun sitz' doch mal gerade!", faucht sie von hinten. Ich sitze wie eine Kerze, das Kreuz durchgedrückt, ausbalanciert wie eine Karatwaage. Aber Franziska Weber (23) ist nicht zufrieden: "Du kippst nach links."

Ich? Niemals. Außerdem kann ich mich kaum bewegen. Jedes Herumrutschen in der frühstückstellergroßen Sitzschale bedeutet Maximalrisiko. "Wir liegen prima im Wasser", entgegne ich und paddele schon mal ein wenig. Leider komme ich nicht voran. "Ich halte uns am Steg fest", erklärt Franziska Weber. Die Olympionikin hat bereits einige Male hörbar geflucht. Sie scheint mich zu meinen. So ein Doppel-Kajak ist aber auch eine wackelige Angelegenheit.

Als Freizeit-Paddler bin ich auf nordostdeutschen Gewässern gefürchtet und nur selten gekentert. So ein Rennboot aus der Berliner Sportartikelschmiede FES ist allerdings keine Touristenbadewanne, sondern ein nervöses Nichts aus Kohlefaser. "Ich habe Angst", sagt Weber, als sie den Steg am Olympiastützpunkt Potsdam endlich los lässt. Wir kippen langsam nach links. Hatte sie wohl doch recht. Hektisch versucht meine Trainerin, das Boot auszupendeln während ich mich vorsichtig noch gerader hinsetze. Tempo schafft Stabilität, also erst mal ein paar kraftvolle Schläge. Gar nicht so leicht. Die Paddel sind wie Löffel geformt und erfordern einen millimeterpräzisen Zug. Ich höre Franziska hinter mir lauter fluchen. Soll ich mich umdrehen und ihr aufmunternde Worte zuwerfen? Lieber nicht. Dann saufen wir schon vorm Start ab.

Drei bis vier Stunden ist Franziska Weber täglich auf dem Wasser, bei jedem Wetter. Sie schrubbt lange Strecken für die Ausdauer, kurze harte Intervalle fürs Tempo und fragt sich manchmal, "warum ich mir das antue. Aber im Sommer, wenn die Erfolge kommen, dann weiß ich wieder, warum: Weil es der tollste Sport der Welt ist". Ihr Boot mit den wilden Blumen sieht aus wie ein Flowerpower-Bus auf dem Weg nach Woodstock. Hat sie selbst gestaltet; eine offenkundig fröhliche Person, begeisterte Potsdamerin, die die optimalen Trainingsbedingungen im Kanu Club zu schätzen weiß.

Wir wollen 500 Meter zügig paddeln, die olympische Strecke, die sie im Zweier (heute) und im Vierer (gestern) auf dem Dorney Lake zurücklegt. Brandenburgs "Sportlerin des Jahres" hat schon vieles gewonnen, gestern kam eine olympische Silbermedaille dazu. Mal sehen, wie nah wir einer Spitzenzeit herankommen. "Du sitzt schief", mahnt Franziska Weber, die hinten hektisch ausgleicht. Ach was. "Lass uns doch mal losfahren", sage ich und meine ein verzweifeltes Ächzen zu hören. Ich fühle mich elegant, als wir Tempo aufnehmen. "Wir sind ganz schön schnell", sage ich stolz während das Wasser vom Paddel ins Boot läuft. Franziska lacht trocken. "ich ziehe überhaupt nicht mit", sagt sie, "ich muss ja die ganze Zeit ausgleichen, was Du da vorne treibst."

Frechheit. Kein Respekt vor seniorenhafter Anmut. Jetzt wollen wir der jungen Athletin mal zeigen, wie man mit dem Paddel das Wasser streichelt. Mein Ehrgeiz wächst und damit der Leichtsinn. Ich ziehe kraftvoller, leider auch unsauberer. Die Kunst besteht darin, Arme und Beine und Mittelbau des Körpers so mit- und gegeneinander zu verspannen, dass Krafteinsatz nicht zum Wanken führt. Leider beherrsche ich diese Kunst nur unzureichend. Immerhin: Wir kippen nicht nach links, sondern nach rechts. "Paddel aufs Wasser", hatte Franziska Weber am Steg erklärt, "dann kann nichts passieren." Es passiert leider doch was: Wasser läuft ins Boot, erst als Rinnsal, dann als Brecher. Hektische Paddelschläge hinter mir und dann ein lautes "Scheiße!"

Schwimmen ist ja sehr gesund, gerade als Ausgleichssport. Fluchend und prustend klettert Franziska ins Beiboot. Der Gentleman schiebt das Kajak zurück zum Steg. Weit sind wir ja nicht rausgefahren. Und Franziska Weber kennt das Gefühl. Als sie vor 13 Jahren vom Judo zum Kanu wechselte, fiel sie so oft ins Wasser, dass sie "Bademeister" genannt wurde. Diesen Titel habe ich ihr abgenommen.

Das ZDF-Morgenmagazin zeigt das gemeinsame Training heute. Morgen lesen Sie: Langstreckenschwimmen.