Hertha BSC

"Wagner ist noch nicht bei 100 Prozent"

Hertha-Trainer Luhukay bremst seinen Stürmer, der sich selbst für topfit hält. Auch Sahar und Ben-Hatira müssen sich gedulden

- Es hatte zwar Spott gegeben, aber Sandro Wagner (24) war guter Dinge. Zwei Tore hatte der Stürmer im internen Trainingsspiel erzielt. Weil Wagner seine Treffer beim Test zwischen den Profis von Hertha BSC und der U23 allerdings im Trikot der Regionalliga-Mannschaft gelangen, "musste ich mir hinterher einiges anhören, von wegen 'Verräter' und so". Acht Tore waren in der munteren Partie gefallen, 5:3 (2:0) hatten die Profis gewonnen. Wagner, im Sommer ablösefrei von Werder Bremen gekommen, hatte erstmals 90 Minuten durchgespielt. "Ich fühle mit gut und bin fit", erzählte der Stürmer. Er wisse um die Konkurrenz in der Offensive bei Hertha. "Aber ich bin kein Mann für die Bank, ich will spielen."

Eine klare Kampfansage, die nur wenige Minuten später kühl gekontert wurde. "Sandro Wagner ist noch nicht bei 100 Prozent und derzeit nicht für 90 Minuten einsatzfähig", beschied Jos Luhukay.

Der Trainer hat gerade ein Luxusproblem. Neben Wagner überzeugten bei dem Trainingsspiel auch die Angreifer Elias Kachunga und Änis Ben-Hatira mit je einem Doppelpack. Der israelische Nationalspieler Ben Sahar meldete sich mit einem Treffer zu Wort. Ganz zu schweigen von Sami Allagui. Herthas Königstransfer des Sommers, hatte seine Qualitäten bereits mit seinem späten Ausgleichstor gegen den SC Paderborn angedeutet (2:2).

Das ist für den Aufstiegsfavoriten nun eine ungewohnte Situation. Ein Grund für den Abstieg war die eklatante Schwäche beim Ausnutzen von Chancen gewesen, 38 Tore in 34 Saisonspielen waren zu wenig für den Klassenerhalt. Deshalb hat der neue Trainer bei der Kader-Zusammenstellung auf einen Umbruch in der Offensive geachtet. Raffael (Dynamo Kiew) und Tunay Torun (VfB Stuttgart) sind weg, Pierre-Michel Lasogga fällt bis Jahresende verletzt aus. Ob der abwanderungswillige Adrian Ramos geht, ist offen.

Luhukay sucht den 40-Tore-Sturm

Stattdessen drängen die Neuen Allagui, Kachunga, Sahar und Wagner ins Rampenlicht. Trainer Luhukay hatte in der Vorbereitung meist ein 4-4-2-System mit zwei Stürmern spielen lassen. Als es aber mit dem Liga-Start ernst wurde, griff er gegen Paderborn auf eine Taktik mit nur einem Angreifer zurück, weil die Mannschaft noch nicht soweit sei. Die Frage danach hört Luhukay nicht so gern. "Ich weiß, dass ihr ungeduldig seid", argumentierte der Trainer vor den Journalisten, "aber das braucht alles seine Zeit."

Luhukay freut sich über die vielen Tore im Test. "Das ist gut für das Selbstvertrauen." Indessen war ihm nicht entgangen, dass noch nicht alles zusammenpasst. "Bei Wagner reicht es derzeit nicht für 90 Minuten", sagte der Trainer, ebenso wenig wie bei Sahar. Keine Kritik, schließlich sind die Genannten erst seit drei Wochen im Training, während der Rest der Mannschaft seit sechs Wochen arbeitet. Auch Ben-Hatira sieht Luhukay noch nicht am Ziel. Der Deutsch-Tunesier war ebenfalls später dazu gekommen. "Änis ist konditionell in einer hervorragenden Verfassung, aber man merkt, dass es ihm am Spielrhythmus fehlt", sagte der Trainer.

Geduld werden die Hertha-Stürmer brauchen. Typisch für das, was sie erwartet, ist das Los von Kachunga. Die Leihgabe aus Mönchengladbach hat mittlerweile acht Tore in der Vorbereitung geschossen. Als es jedoch gegen Paderborn los ging, saß er auf der Bank. "Elias ist ein Härtefall", gibt Luhukay zu. Er habe gut gearbeitet. "Und auch gegen die U 23 zwei sehr schöne Tore geschossen, in denen er sich geschickt vor den Gegenspieler bewegt." Nicht einfach für Kachunga. Der sagt: "Ich biete mich weiter an."

Sein Vorgesetzter wirbt darum, die Stürmer-Frage weniger zu personalisieren. "Was hilft es uns, wenn wir einen Stürmer haben, der 25 Tore schießt - und am Ende steht Hertha mit leeren Händen da", fragt Luhukay rhetorisch. Seine Idee sei es, für unterschiedliche Situationen gerüstet zu sein. "Hätten wir gegen Paderborn geführt, hätte ich Kachunga eingewechselt", sagte der Trainer. "Weil es aber unentschieden stand, habe ich Wagner gebracht, der sich im Strafraum behaupten kann." In der Tat verfügen die Angreifer über sehr verschiedene Talente. Der leichtfüßige Kachunga mit seinen 68 Kilo braucht Pässe in den Raum, um seine Nervenstärke vor dem gegnerischen Tor ausspielen zu können. Wagner, 1,94 Meter groß und 90 Kilo schwer, ist der Typ "mitspielender Rammbock" für dichtes Strafraum-Getümmel. Sahar punktet (wie auch Nikita Rukavytsya) mit extremem Speed vor allem auf der Außenposition.

Nur Allagui ist gesetzt

Im Moment als Einziger gesetzt im Sturm ist Allagui. Der tunesische Nationalspieler hat ein gutes Spielverständnis, schaltet rasch von Defensive auf Offensive um, ist kopfballstark und vor dem Tor ein Schlitzohr. Der Trainer hat das Ziel im Auge. "Um aufzusteigen, brauchen wir vier, besser fünf Spieler, auf die sich mindestens 40 Saisontore verteilen sollen."

Deshalb nimmt Luhukay alle in die Pflicht. Hertha müsse unberechenbar sein. Diese Anforderungen verlangen eine gewisse Teamfähigkeit bei den Stürmern, das Verständnis, mal auf der Bank zu sitzen. Dabei gehört zum Berufsbild eines Torjägers auch ein ausgeprägtes Ego. Luhukay weiß um diese Gratwanderung. Stellt aber fest: "Die Mannschaft geht bisher sehr gut mit der Konkurrenzsituation um." Das Dilemma, in dem sich die Angreifer befinden, fasst Kachunga zusammen: "Wir liefern uns einen gesunden Konkurrenzkampf. Jeder weiß, dass er sich nicht sicher fühlen darf. Aber natürlich will ich spielen."