Bundesliga

Sammer sieht Harting als Vorbild für den FC Bayern

Sportvorstand der Münchner fordert mehr Leidenschaft

- Jedem Anfang wohnt ein Würgegriff inne. So sieht es Matthias Sammer. Im Training am Dienstag hatte Holger Badstuber, Nationalverteidiger des FC Bayern, wegen eines Streits nach einem harten Zweikampf das Talent Emre Can am Hals gepackt und für Aufregung an der Säbener Straße gesorgt. Münchens neuer Sportvorstand Sammer beunruhigt das nicht, im Gegenteil: "Es war ein kleiner Anfang hin zur Emotionalität", so Sammer. "Wir brauchen eine Mannschaft, die lebt und aggressiv ist."

Der Rekordmeister wird sich unter ihm verändern, das machte der 44-Jährige schon in seiner Antrittsrede deutlich. Tatsächlich ist die Stimmung im Klub bereits vier Wochen nach seiner Verpflichtung speziell. Vorfreude auf die neue Saison mischt sich mit Spannung - und Ärger.

Mario Gomez, David Alaba, Rafinha und Diego Contento sind verletzt, Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger und Claudio Pizarro waren zuletzt angeschlagen. Nächste Woche fehlen wegen des Länderspiels gegen Argentinien am Mittwoch in Frankfurt am Main dann auch noch die deutschen Nationalspieler. Er sei nicht glücklich über den Termin, so Sammer, Bundestrainer Joachim Löw im Übrigen auch nicht.

Bedauern über Butts Abgang

Und es gibt noch mehr, dass Sammer nicht gefällt, zum Beispiel die Kritik des Vereinspräsidenten Uli Hoeneß an Mario Gomez. Dazu die 40 Millionen Euro Ablöse, die Athletic Bilbao für Wunschspieler Javi Martinez fordert und einen Transfer derzeit unmöglich macht. Und nun auch noch der Rücktritt Jörg Butts. Der 38-Jährige hat seinen Posten als Leiter der Jugendabteilung am Dienstag geräumt - nach nur fünf Wochen im Amt. Die Saison hat noch nicht begonnen, und bei den Bayern ist schon mehr los als bei Dortmund und Schalke zusammen. "Ich habe das sehr bedauert. Mir tat das persönlich und menschlich unglaublich leid", sagt Sammer zu Butts Entscheidung. Er habe vergeblich versucht, Butt umzustimmen.

Am Dienstag hatte Butt bekannt gegeben, dass er sein Tätigkeitsfeld falsch eingeschätzt habe. Die Aussage erstaunt, weil er sich in den vergangenen Monaten intensiv mit seiner Aufgabe auseinandergesetzt und eingearbeitet hatte. In München vermuten einige, dass sein Abgang mit der Entlassung des ehemaligen Sportchefs Christian Nerlinger in Verbindung steht. Nerlinger war Butts Vertrauter, möglicherweise fühlte er sich unter Sammer nicht mehr wohl oder sah Probleme auf sich zukommen. Als ehemaliger Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist Sammer die Talentförderung besonders wichtig. Spekulationen, er werde nun U17-Nationaltrainer Stefan Böger verpflichten, seien laut Sammer aber aus der Luft gegriffen.

Der Sportvorstand will zudem vermeiden, dass die lange Verletztenliste als Alibi herhält. Am Sonntag (20 Uhr, ZDF) spielen die Bayern in München gegen Borussia Dortmund um den Supercup. "Es ist eine erste Bestandsaufnahme. Wenn sich Spieler verletzen, ist das unglaublich bedauerlich. Wir haben unseren Kader verbreitert. Deshalb müssen wir die Dinge annehmen und uns von Rückschlägen nicht beeinflussen lassen", so Sammer.

Eine erneute Pleite gegen den BVB will sich der deutsche Rekordmeister jedoch nicht leisten. Mit Blick auf die Liga hätte man zwar "noch keinen Punkt verloren", führte Sammer aus. Für das Selbstvertrauen und das Image wäre es aber nicht unbedingt förderlich. Er könne sich "die Schlagzeilen schon vorstellen, die die Presse produzieren wird, falls wir nicht gewinnen sollten", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß: "Also dieses Spiel wird auf jeden Fall ein Ernstfall sein."

Erstes Ausrufezeichen setzen

Entsprechend wird sich der FC Bayern mit "viel Akribie", so Sammer, vorbereiten, um ein erstes Ausrufezeichen zu setzen: "Wir müssen sehr gut arbeiten, das werden wir tun." Ein Ende der Negativserie gegen den BVB wollte der 44-Jährige den Fans aber nicht versprechen: "Wir arbeiten an den Ursachen. Wie schnell das geht, wird man sehen."

Mit einer konkreten Zielsetzung für die Saison hält er sich weiterhin zurück. Er hat einen Lieblingssatz, den er immer wieder benutzt: Der FC Bayern wolle es von gut zu sehr gut schaffen. Sammer fordert Leidenschaft. Als Vorbild für seine Spieler hat er Robert Harting ausgemacht. Wie der Diskuswerfer nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in London sein Hemd zerriss, das habe ihm gefallen. "Wenn du außergewöhnlich erfolgreich sein willst, kannst du nicht normal ticken."