Erfolgreich

Drei Debütantinnen reiten zu Silber

Auch ohne Wunderpferd Totilas glänzen die deutschen Dressurreiterinnen mit Platz zwei

Der erste Dank galt ihrem Pferd. Und so umarmte Helen Langehanenberg nach der Prüfung liebevoll den Hals von Damon Hill, sie blies ihre geröteten Wangen auf und lugte dabei aufmerksam auf die Anzeigetafel. 78,952 Prozentpunkte erhielt die Dressurreiterin aus Havixbeck für ihre Darbietung im Grand Prix Special und sicherte damit hinter den überragenden Briten und vor den Niederländern die olympische Silbermedaille für die deutsche Equipe im Team-Wettbewerb. "Das ist so cool", brach es nach der Gewissheit über Platz zwei aus ihr heraus, "ich bin total happy." Schon als Kind hatte Langehanenberg davon geträumt, bei Olympia zu reiten. "Und jetzt habe ich sogar eine Medaille. Mein Traum ist wahr geworden."

Ähnlich empfanden es auch ihre Mannschaftskolleginnen Kristina Sprehe (Dinklage) und Dorothee Schneider (Framersheim), die wie Langehanenberg zum ersten Mal überhaupt bei Olympischen Spielen am Start waren. Jetzt gab es also Silber beim Debütantinnenball. Die couragierte Vorstellung seiner Novizinnen rührte auch den Bundestrainer beinahe zu Tränen. "Ich bin so stolz auf die drei Paare", sagte Jonny Hilberath, "wir haben hier Silber gewonnen und nicht Gold verloren. Mit jungen Reitern und jungen Pferden. Es ist für uns letztlich optimal gelaufen und ich bin super glücklich mit diesen drei Mädels." Die Freude wurde auch nicht durch das Ende der Goldserie getrübt. Seit Platz zwei 1972 in München hatte die deutsche Mannschaft bei Olympia mit Ausnahme der Boykott-Spiele 1980 immer den Sieg feiern können, aber nach dem Umbruch im Team und dem Ausfall von Matthias Alexander Rath mit Wunderpferd Totilas galten die Deutschen jetzt im Greenwich Park eh nicht mehr als die großen Favoriten wie einst.

Die gleiche Ausgangslage gilt nun für die Einzelentscheidung am Donnerstag, die in der Grand Prix Kür fällt. Für das Finale qualifizierten sich alle drei deutschen Teamreiterinnen, sie fangen wieder bei Null an. "Da wird die Tagessform entscheiden", ahnt Bundestrainer Hilberath, der die Medaillenvergabe mit einer Kür für nicht unproblematisch hält. "Weil das ja auch eine Geschmacksfrage ist." Natürlich müsse der technische Teil einwandfrei sein, "aber beim künstlerischen Teil haben die Richter Entscheidungsspielraum." Eine Überraschung hält er für möglich. Hilberath: "Die Mädels sind top eingestellt und wir sind guten Mutes."

Schon vor der Siegerehrung hatten die Dressurreiterinnen ihre Abendgestaltung geplant. Ein schönes Abendessen im Restaurant sollte es sein. Und man glaubt es den Reiterinnen, dass sie dort viel Spaß haben sollten. Im Vergleich zu früheren Dressurteams bilden Langehanenberg, Sprehe, Schneider und Einzelreiterin Anabel Balkenhol eine veritable Einheit. "Wir sind miteinander befreundet und verstehen uns gut", sagte Langehanenberg. Das sei auch eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. "Wir haben hier eine tolle Zeit in London, gehen auch mal abends zusammen in den Pub und genießen das Wohnen im olympischen Dorf. Olympia ist einfach irre toll", jubilierte Langehanenberg.

Die Silbermedaille in der Mannschaft hat für Jonny Hilberath eine ganz besondere Bedeutung. Der 57-Jährige hatte im April nach dem plötzlichen Tod von Holger Schmezer den Job als Cheftrainer der Dressur übernommen, was ihm sehr schwer gefallen war, weil er über Jahre mit dem Erfolgscoach sehr eng befreundet gewesen war. Nach Olympia gibt Hilberath den Job auf und will sich auf seinen heimischen Betrieb im niedersächsischen Scheeßel konzentrieren, wo er einen Ausbildungsstall betreibt. Als Nachfolgerin gilt derzeit die dreimalige Team-Olympiasiegerin Monica Theodorescu (49).

Vor ihrem Ritt hatte Helen Langehanenberg versucht, Gedanken an den verstorbenen Schmezer noch zu verdrängen, danach aber ließ sie sie zu. "Diese Medaille haben wir auch für Holger Schmezer gewonnen", sagte sie, "ich bin sicher, er bekommt das irgendwie mit."