Robert Harting

Der Riese ist endlich komplett

Diskuswerfer Robert Harting holt sich mit dem Olympia-Gold den letzten fehlenden Titel

Robert Harting kennt das Gefühl, kein Gefühl zu haben, außer dem einen: für den Diskus. So vollgepumpt mit Adrenalin zu sein, dass "alles taub ist, dass ich meine Körperteile gar nicht mehr spüre". Sondern nur, wie zwei Kilo Eisen und Kunststoff in seiner Pranke beschleunigt und dann auf eine lange Reise in den Himmel geschickt werden.

Unter denen, die diese Kunst beherrschen, ist Robert Harting der Beste. Natürlich wusste er das im Grunde auch schon vor den Olympischen Spielen in London. WM-Zweiter, Weltmeister, EM-Zweiter, Weltmeister, Europameister - wer in den vergangenen fünf Jahren eine solche Bilanz zuwege bringt, der beeindruckt. Nur eine Bestätigung fehlte Robert "Shaggy" Harting noch in seiner Sportlervita: dass er auch das Zeug zum Olympiasieger besitzt. Dienstagabend hat er es sich und der Welt bewiesen.

"Das ist absolut geil"

"Das ist absolut geil", jubelte Harting. "Ich danke allen, die hinter mir gestanden haben und freue mich für Deutschland und Berlin." Für die nationale Olympiamannschaft ist es die sechste Goldmedaille bei den laufenden Spielen, was die Bilanz aufpoliert. An Kasachstan sind die Deutschen im Medaillenspiegel jetzt wieder vorbeigezogen.

68,27 Meter brachte Harting in einem Finale zustande, das fesselnd gewesen ist, wenn auch nicht geprägt von überragenden Weiten. Dafür von großer Spannung und der bangen Frage: Würde einem Werfer ein entscheidender Ausreißer nach oben gelingen? Und vor allem: Würde dieser jenige nicht Robert Harting sein?

Lange Zeit hatte der Iraner Eshan Hadadi geführt, ihm waren gleich im ersten Versuch 68,18 Meter gelungen. Seine Gesten und Schreie zeigten, dass auch er sich bereit wähnte für den großen Wurf. Zwischenzeitlich schob sich mit 68,03 Meter sogar noch der Este Gerd Kanter, Olympiasieger von 2008, aber nur mit Glück durch die Qualifikation gekommen, vor Harting. Doch zu seinem Glück war der Berliner in der Lage zu kontern, auch wenn "die Beine immer schwerer wurden. Aber dann muss ich es eben mit dem Arm machen. Sieben PS sind ja drin. Es hat gereicht".

Nur schwerfällig war Harting in den Wettkampf hineingekommen. Vor dem ersten Versuch hatte ihn der Kampfrichter zur Eile gedrängt, vor dem zweiten hatten die Leute auf den Tribünen plötzlich angefangen zu brüllen, um die 800-Meter-Läufer anzufeuern ("Es war so laut, ich konnte gar nicht denken"), und vor dem dritten Versuch musste er auf Anweisung des peniblen Kampfrichters noch einmal aus dem Ring treten, um sein weißes Handtuch weiter entfernt zu platzieren. "Drei Versuche! Im olympischen Finale! Einfach weg!", sagte Harting. "Beinahe wäre es ein Schuss in den Ofen gewesen."

Wurde es aber nicht. Weil Harting in den vergangenen, erfolgreichen Jahren immer besser gelernt hat, mit dem Druck umzugehen. Seinem eigenen. Und dem von außen. "Das Gefühl jetzt ist extrem befreiend", sagte er nach dem Wettkampf. "Es muss sich erst mal setzen. Heute Abend werde ich ein bisschen was realisieren." Der Druck, klar, der sei zwar nichts Neues. "Aber in der Form, der Intensität, das war schon neu. Zum Glück wusste ich, dass ich kann, was ich tue."

Natürlich piesackte den Hünen aus Weißensee auch dieses Mal wieder das vermaledeite kaputte Knie. Eine Operation im vergangenen Jahr hat keine Besserung gebracht, demnächst wird sich der 27-Jährige überlegen müssen, wie es damit weitergehen soll. Fürs Erste aber will er den Moment genießen, für den er so lange gearbeitet hat. "Es hat sich sehr, sehr viel gelohnt. Das Beißen, das Kämpfen − was immer Gefahr läuft, nicht belohnt zu werden." Die vergangenen drei Jahre, das erwähnte er noch, "haben mich sehr verändert aufgrund der Schmerzen".

Entscheidung über weitere Karriere offen

Nun verspürt der überragende Mann seiner Disziplin vor allem eines: Genugtuung. Die vierte Diskus-Goldmedaille für Deutschland gewonnen zu haben, "das war natürlich ein wunderschöner Moment für mich. Klitschko hat drei Gürtel im Boxen − bei mir sind es jetzt die drei Goldmedaillen in der höchsten Form, die die Leichtathletik bietet." Weltmeister. Europameister. Olympiasieger. Mehr geht nicht.

Insofern wollte sich Harting in der Stunde seines Triumphs auch tunlichst noch keine Gedanken über die längerfristige Zukunft machen. "Eine typische deutsche Frage: Was geht jetzt noch?" Olympia in Rio 2016 vielleicht? Harting antwortete grinsend: "Brasilien ist ein schönes, warmes Land. Aber ich warte einfach mal, was auf mich zukommt - und was darauf folgt."

Das Publikum im Londoner Stadion unterhielt der Berliner prächtig. Nicht nur mit konstant weiten Würfen jenseits von 66 Metern. Sondern vor allem auch danach. Seine Freude schrie er zuerst vor einer Zuschauerkurve heraus, nicht ohne zuvor obligatorisch sein Trikot zerrissen zu haben, man kennt das von ihm. Dann machte er sich auf seine Ehrenrunde. Ein großer, muskulöser Mann mit nacktem Oberkörper, umhüllt von einer Deutschlandfahne. Das Publikum tobte, als Harting - 126 Kilo schwer − nacheinander ein Bein über neun von zehn Hürden schwang, die gerade aufgebaut wurden.

40 Berliner Kumpels hatte er eingeladen zu einer Sause auf die "MS Deutschland" in den Champions Club. "Jetzt freue ich mich auf zu Hause", sagte er noch. "Ich bin total happy."

Ganz ähnlich wird es wohl auch den anderen Olympiasiegern des Montagabends ergangen sein: Sally Pearson (110 Meter Hürden), Ivan Ukhow (Hochsprung) und Taoufik Makhlaoufi (1500 Meter).