Schwimmen

Das Mädchen mit der Schaufelhand

Schneller als ein Mann: Chinesin schwimmt Fabelweltrekord und schlägt sogar US-Star Lochte

Manche Dinge können Frauen einfach besser als Männer. Zuhören und Multitasking zum Beispiel - sagt frau jedenfalls. In der Sportwelt sind die Rollen meistens klar verteilt, und zwar anders: Die Männer springen weiter und höher, laufen schneller und haben beim Tennis härtere Aufschläge. Das ist ganz natürlich. Und deshalb starten Frauen und Männer dort auch getrennt, sonst wäre es bei den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen schlicht unfair.

Ryan Lochte, frisch gekürter Olympiasieger im Schwimmen, kennt das Gefühl nicht, im Wasser von einer Frau besiegt zu werden. Genau deshalb verblüffte am Samstagabend eine junge Chinesin ihn und die gesamte Sportwelt. Die erst 16 Jahre alte Ye Shiwen schwamm über 400 Meter Lagen zum Olympiasieg. Das alleine war eine kleine Überraschung gewesen, denn Favoritinnen waren andere, und sie hatte man eher als Außenseiterin betrachtet. Ye Shiwen aber schwamm in 4:28,43 Minuten Weltrekord und dabei die letzten 50 Meter schneller als Ryan Lochte (27) in seinem Goldrennen.

Eine so außergewöhnliche Leistung einer jungen Frau wirft natürlich sofort Fragen auf. Insgesamt schwamm Ryan Lochte in 4:05,18 Minuten zwar deutlich schneller als die Chinesin, aber die Schmach der letzten Bahn trieb ihn noch am Abend um, als ihn Teamkollegen damit aufzogen. Ye Shiwen war die letzten 50 Meter in 28,93 Sekunden durchs Wasser gepflügt und damit 17 Hundertstelsekunden schneller als Sieger Lochte. "Wir haben darüber beim Abendessen gesprochen", erzählte der Amerikaner und musste dabei lachen. "Das ist ziemlich beeindruckend."

Rennen mit Euphorie angegangen

Er war sein Rennen voller Euphorie sehr schnell angegangen und hatte auf den letzten 100 Metern arg mit sich zu kämpfen. "Ich bin noch etwas k.o. von gestern", sagte er nach seinem Vorlauf Sonntagfrüh über 200 Meter Freistil und ließ die Schultern hinuntersacken. Einen skeptischen Kommentar zu seiner Bezwingerin verkniff er sich. "Wäre sie in meinem Rennen geschwommen, hätte sie mich vielleicht besiegt", sagte Lochte lächelnd und ging.

Ganz nebenbei heizte Shiwen mit ihrer phänomenalen Freistildemonstration auch schneller durch das Wasser als Michael Phelps. Jene Legende, die mit 14 olympischen Goldmedaillen der erfolgreichste Olympionike der Geschichte ist. Vielleicht sogar für immer bleiben wird. Von seiner Brillanz war über 400 Meter Lagen jedoch nicht viel zu sehen. Michael Phelps ging im Rennverlauf förmlich unter, kämpfte sich als Vierter ins Ziel und blieb erstmals seit seinem Olympiadebüt im Jahr 2000 ohne eine Medaille in einem Rennen der Spiele. "Das ist frustrierend", sagte er und schlurfte davon, während Ryan Lochte fröhlich seinen vierten Olympiasieg feierte. Zu dem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass es eigentlich noch viel frustrierender war.

Ye Shiwen schwamm auf der vorletzten Bahn acht Zehntelsekunden schneller als Phelps. Ihr Stehvermögen war es auch, das ihr den Weltrekord sicherte. Bis zur 300-Meter-Marke musste die Australierin Stephanie Rice noch gar nicht um ihre Bestmarke zittern. Am Ende aber unterbot Ye Shiwen den alten Rekord um mehr als eine Sekunde. "Ich habe von der Goldmedaille geträumt, aber niemals einen Weltrekord erwartet. Ich bin überwältigt. Entschuldigt, ich kann gerade nicht klar denken", sagte die 16-Jährige. Es war außerdem der erste Weltrekord einer Frau seit dem Verbot der Hightech-Anzüge Ende 2009.

"Dieser Schlussspurt war schon unglaublich", sagte Doping-Experte Fritz Sörgel. Sein Kollege Werner Franke sprach von "ungewöhnlich, auffällig und überprüfungswürdig, aber physiologisch nicht unmöglich". Noch vor einem Jahr war Shiwen bei den Weltmeisterschaften sieben Sekunden langsamer über die gleiche Strecke geschwommen - eine wahre Leistungsexplosion. Über 200 Meter Lagen hatte sie aber damals schon für Aufsehen gesorgt und den WM-Titel geholt. Auf Doping könne man in diesem Fall nicht automatisch schließen, selbst wenn man auf die belastete chinesische Geschichte schaue, sagte Franke: "Gerade junge, früh trainierte Athleten sind mitunter zu außergewöhnlichen Leistungen fähig, weil sie von ihren spezifischen Gewichtsverhältnissen profitieren."

"Nein, wir sind keine Roboter"

Viel ist nicht bekannt über Ye Shiwen. Mit sechs Jahren fiel sie Schwimmtrainern im Kindergarten auf, weil ihre Hände größer waren als die der Gleichaltrigen. Was für Australiens Schwimmlegende Ian Thorpe die riesigen Füße, seien bei ihr die Hände. Sie kann mehr Wasser wegschaufeln als andere, hat eine größere Druckfläche. Ob das alles aber für eine derartige Leistung reicht, fragten sich am Wochenende trotzdem viele Schwimmfans. "Ihre Leistung ist Wahnsinn. Es ist jedoch unfair, ohne Beweise zu sagen: Das ist unmöglich, sie hat gedopt", sagte der ehemalige Top-Schwimmer Mark Warnecke der Berliner Morgenpost. "Wir müssen herausfinden: Hatte sie Chancen zum Dopen und wenn ja, müssen wir diese Chance ausmerzen. Es gibt herausragende Leistungen ohne Doping." Die Skepsis bleibt. Im März erst war Staffel-Weltmeisterin Li Zhesi des Epo-Dopings überführt worden.

Ye Shiwen selbst wirkte nach ihrem Triumph fast scheu. Nur einmal riss sie anfangs die Augen weit auf und lachte: "Ich bin so glücklich! Von all dem hätte ich nie zu träumen gewagt." Auf alle anderen Fragen zu ihrem Erfolg wiederholte sie die stets gleiche Antwort. "Wir haben von Kindheit an ein sehr wissenschaftliches Training, da ist es für mich jetzt nicht mehr so schwer." Und: "Nein, wir sind keine Roboter." Da lachte sie ein zweites Mal.