Medaillenchancen

Schöne Berliner Aussichten

Wo Athleten aus der Hauptstadt am chancenreichsten an den Start gehen. Ziel sind zehn Medaillen

- Das große Fest des Sports fängt schon mal gut an für Berlin. Die deutsche Fahne trägt heute Abend beim Einmarsch der Athleten Natascha Keller vom Berliner Hockey-Club. 2004 in Athen gewann sie Olympia-Gold, jetzt kann sie in London der umfangreichen Trophäensammlung ihrer Familie eine weitere Medaille hinzufügen. Wenn die deutschen Damen auch nicht zu den Topfavoritinnen zählen - das Erreichen des Halbfinales ist drin. Am Sonntag beginnt für das Team, in dem mit Anke Brockmann und Katharina Otte zwei weitere Spielerinnen des BHC stehen, die Vorrunde gegen die USA. Bis dahin wird Keller vermutlich noch beschäftigt sein, all die Glückwunschschreiben zu beantworten, die ihr via Facebook, Email oder SMS zugesandt wurden. Gestern schrieb die 35-Jährige: "Ich bin überwältigt."

Ebenso überwältigt hofft Harry Bähr zu sein, wenn die Spiele am 12. August enden. Der Leiter des Olympiastützpunktes Berlin ist sehr überzeugt von seiner diesmal nur 47 Athleten zählenden Mannschaft. Klasse statt Masse: "Zehn Medaillen", lautet seine Zielsetzung, "und die ist absolut realistisch. Denn die Qualität ist sehr hoch". Die Prognose scheint wirklich nicht zu hoch gegriffen. Mit der Schwimmerin Britta Steffen und der Modernen Fünfkämpferin Lena Schöneborn sind zum Beispiel zwei Titelverteidigerinnen am Start, denen erneut Platzierungen unter den Top Drei zuzutrauen sind. Doch es gibt noch eindeutigere Kandidaten auf Rang eins.

Da sind an erster Stelle Robert Harting und der Ruder-Achter der Männer. Der Berliner Diskus-Riese ist seit fast zwei Jahren unbesiegt. Sein größter Gegner ist sein linkes Knie, das auch nach einer Operation an der lädierten Patellasehne keine Ruhe geben mag und ihn im vergangenen Winter fast zur Aufgabe getrieben hätte. Trotz aller Probleme warf der Welt- und Europameister den Diskus wenige Monate später erstmals über 70 Meter weit. Die Erwartungen, die auf ihm lasten, sind gewaltig. Allerdings stellt Harting klar: "Den größten Druck mache ich mir selbst." Spätestens am Abend des 8. August, wenn er sein Trikot im Jubel zerreißt oder nicht, wird man sehen, was der Druck bewirkt hat.

Seit vier Jahren kein Rennen verloren

Sogar noch länger hält die Siegesserie des Deutschland-Achters. 2008 in Peking förmlich untergegangen, hat das neuformierte Flaggschiff seitdem keines seiner mehr als 30 Rennen verloren. An Bord sind mit Steuermann Martin Sauer und Andreas Kuffner gleich zwei Ruderer des Berliner RC - sie könnten schon 20 Prozent der erwarteten Medaillenausbeute realisieren. Am kommenden Mittwoch soll dies gelingen. "England, Australien und die USA", sieht Kuffner als Hauptkonkurrenten. Sein Traum: "Die Goldmedaille holen." So ähnlich dürfte es Martin Häner sehen. Der Libero des Berliner HC ist eine der Stützen im deutschen Hockeyteam. Und das gewann 2008 in Peking Gold, wurde zuvor zweimal Weltmeister und scheiterte 2010 erst im WM-Endspiel an Australien. Käme Häner ohne Edelmetall heim, wäre dies eine riesige Enttäuschung. Für seine Mannschaft beginnt das olympische Turnier Montag gegen Belgien.

Viel deutet darauf hin, dass die Berliner im Wasser einen Großteil ihrer Erfolge feiern werden. Nicht nur wegen Britta Steffen und des Achters. Patrick Hausding etwa gewann schon als 19-Jähriger Olympia-Silber im Synchronspringen vom Turm. Nach London reist er mit vier Jahren mehr Erfahrung und als fünfmaliger Europameister. Kleines Handicap: Er knickte beim Training um. "Gestern konnte ich schon wieder gut trainieren", sagte er beruhigend. Bis Montag, wenn er auf den Turm klettert, muss Hausding dieses Problem überwunden haben.

Weitere Medaillen-, wenn nicht Goldkandidaten treten in Booten an: Die Kanuten Norman Bröckl und Marcus Groß sitzen im Doppelvierer, der Weltmeister ist. Ihre große Stunde schlägt erst in der zweiten Olympia-Woche. Schon vorher greifen die bei Weltmeisterschaften bereits siegreichen Britta Oppelt und Julia Richter im Doppelvierer, Tina Manker im Doppelzweier, Linus Lichtschlag im leichten Doppelzweier, Eric Knittel im Doppelzweier und Anton Braun im Zweier nach Medaillen. Eine viel versprechende Armada, der man das Staarboot-Duo Frithjof Kleen und Robert Stanjek noch hinzurechnen kann, das vergangenes Jahr WM-Zweiter wurde.

Eine weitere Berliner Domäne ist auffällig: Alle acht deutschen Beachvolleyballer, die in London antreten, starten für die deutsche Hauptstadt. Allen voran Sara Goller und Laura Ludwig, die es am Sonntag in ihrem ersten Vorrundenspiel mit den Australierinnen Becchara Palmer und Louise Bawden zu tun bekommen. Bisher war für die Doppel-Europameisterinnen bei den ganz großen Turnieren spätestens im Achtelfinale Endstation. "Diesmal wollen wir weiterkommen", sagte Laura Ludwig vor der Abreise nach England. Zu den Favoriten müssten auch Julius Brink/Jonas Reckermann als Weltmeister von 2009 gezählt werden, wäre nicht Reckermann monatelang von einer Schulterverletzung gestoppt worden. Für sie beginnt das Turnier am Sonnabend gegen die Russen Konstantin Semjonow/Sergei Prokopjew.

Zwei weitere heiße Berliner Eisen sind Robert Förstemann, Radweltmeister im Teamsprint, und Sabine Lisicki. Die Tennisspielern des LTTC Rot-Weiß hat in den vergangenen Jahren bei ihrem Lieblingsturnier in Wimbledon stärkste Konkurrenz besiegt und war so einmal ins Viertel-, einmal ins Halbfinale vorgedrungen. Will sie eine Medaille gewinnen, muss sie nun noch einen Schritt weiter machen. Da sie gesetzt ist, spielt sie in Runde eins am Sonnabend oder Sonntag gegen die 17 Jahre alte tunesische Weltranglisten-297. Ons Jabeur.

Bei so guten Aussichten stellt sich fast die Frage: Warum eigentlich nur zehn Medaillen?

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