Hertha BSC

Millionen zum Abschied

Der Brasilianer wechselt zu Dynamo Kiew. Hertha BSC kassiert und muss dennoch weiter sparen

- Der Tag für Raffael begann mit frühem Aufstehen - und einer Hängepartie. Um sechs Uhr betrat der Mittelfeld-Star von Hertha BSC den Flughafen Wien mit seinem Berater Dino Lamberti. Um 6.20 Uhr verschwand das Duo in der Sicherheitsschleuse. Doch dann wurde die Stirn gerunzelt. Der Flug um 7.10 Uhr nach Kiew wurde ersatzlos gestrichen, Triebwerkschaden. Also wurde rasch umgebucht. Zwar hatte die Austrian Airlines Maschine um 9.45 Uhr Verspätung, doch um 10.39 Uhr hob Raffael schließlich ab Richtung Ukraine, um die wichtigste Unterschrift seines Lebens zu leisten. Nach dem obligatorischen Medizincheck in der Privatklinik "Boris" wartete ein Vier-Jahres-Vertrag (bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe noch nicht unterschrieben ) auf den Brasilianer , der ihm die sagenhafte Gage von bis zu 20 Millionen Euro einbringt - netto.

Während sich Herthas bester Spieler der vergangenen Jahre auf dem Weg in eine vergoldete Zukunft befand, begann beim Zweitligisten eine neue Zeitrechnung: der Tag eins nach Raffael. Mit dem Publikumsliebling verlässt der letzte spektakuläre Transfer des einstigen Trainers Lucien Favre Berlin. Raffael ist ein technisch begabter Offensivspieler von einer Qualität, die Hertha sich auf Jahre nicht wird leisten können.

Ramos freut sich für "Raffa"

Mitspieler Levan Kobiashvili bekannte: "Ich bin traurig. Raffael ist nicht nur ein begabter Fußballer, er ist auch ein toller Mensch." Die Entscheidung, dass Raffael zu Dynamo Kiew wechselt, war für Kobiashvili jedoch keine Überraschung. "Wir alle wussten, dass Raffael geht." Der älteste Hertha-Profi im Kader hat sich mit einer Umarmung vom Brasilianer verabschiedet. Als Rekordnationalspieler von Georgien hat Kobiashvili eine Vorstellung, was Raffael in der Ukraine erwartet. "Kiew als Stadt ist sehr schön. Aber in der Liga hast du nur vier, fünf starke Gegner. Und Raffael wird bald vermissen, was er in Deutschland immer hatte: gute Plätze und volle Stadien." Ein anderer Mitspieler freute sich. "Ich bin nicht traurig", sagte Adrian Ramos, der seit seiner Ankunft in Berlin 2009 täglich der engste Begleiter des Brasilianers gewesen ist. "Das ist doch toll für Raffa. Er wollte in die Champions League, hoffentlich klappt das." Die Meldefrist der Uefa hatte den Transfer beschleunigt. Dynamo Kiew spielt am 31. August in der Qualifikation für die Champions League gegen Feyenoord Rotterdam, Meldeschluss war gestern 23.59 Uhr.

Trainer Jos Luhukay wurde gefragt, ob er froh sei, dass der Wechsel über die Bühne gegangen ist. "Nein, von Erleichterung kann keine Rede sein. Raffael ist ein fantastischer Spieler, der sich über die Jahre in Berlin einen tollen Status erarbeitet hat. Aber ich verstehe, dass er auf dem höchsten Niveau spielen will." Im Übrigen habe er vom ersten Tag seiner Arbeit an gewusst, dass Raffael sich täglich verabschieden kann. Somit war die Aufgabe des Niederländers in Berlin von Beginn an klar: eine Mannschaft für den angestrebten Wiederaufstieg zu bauen, die auch ohne Raffaels Qualitäten auskommt. Und er hat bereits einen Plan: Die Frage, wer Raffael nun ersetzen soll, stelle sich gar nicht, sagt der Trainer. "In dem 4-4-2-System, das ich meistens spielen lasse, ist gar kein Platz für einen Zehner."

Raffael ist nicht die erste Stammkraft der Vorsaison, die nicht mehr dabei ist: Christian Lell, Andreas Ottl, Andre Mijatovic, Patrick Ebert oder Tunay Torun wurden bereits verabschiedet. "Wir haben individuelle Qualität verloren", sagte Luhukay: "Ich hoffe, dass wir in der kommenden Saison ein viel stärkeres Kollektiv haben, das ist mir extrem wichtig."

Jeder soll Verantwortung tragen

Wie das aussieht, ist tagtäglich auf dem Trainingsplatz zu sehen. Wenn Hertha in der Vorsaison nicht weiterwusste, wurde der Ball im Zweifel zu Raffael gespielt. Vielleicht hatte der Spielmacher ja eine Idee. Diese Zeiten sind vorbei. Der Trainer wiederholt ständig, dass jeder Spieler Verantwortung übernehmen muss. Und nicht nur für sich, sondern für die gesamte Mannschaft. Angefangen mit dem Außenverteidiger im Spielaufbau, bis hin zum Stürmer, der nach einem Ballverlust entscheidet, von welcher Seite er den gegnerischen Torwart anläuft, um ihn so zu zwingen, den Ball nur in eine Richtung wegschlagen zu können.

Der letzte Test, um Luhukays neues System der Verantwortung einzustudieren, findet am Sonnabend im Olympiastadion statt, wenn Hertha anlässlich des 120. Vereinsgeburtstages Juventus Turin empfängt (15.15 Uhr/ Sport1 live).

Es wird das Spiel eins nach Raffael, dessen Ablöse von acht Millionen Euro die höchste Transfersumme ist, die der Klub in den vergangenen zehn Jahren eingenommen hat. Der ohnehin finanzschwache Absteiger hatte für die Zweitliga-Saison 2012/13 mit einem Minus von 13 Millionen Euro geplant - ohne Transfererlöse. Das ändert eine die Überweisung aus Kiew. "Dadurch wird die Neuverschuldung nicht so hoch ausgefallen, wie geplant", sagte Herthas Finanzchef Ingo Schiller. Zudem wird ein Teil in die Finanzierung des bestehenden Kaders fließen. So hatte Hertha ursprünglich nicht vorgesehen, eine Ablöse zu zahlen, wie sie durch die Verpflichtung von Stürmer Sami Allagui fällig geworden ist (1,5 Mio. Euro für Mainz). Ausdrücklich nicht vorgesehen, sagt Schiller, ist es, die Ablöse für neue Spieler auszugeben.